Schloss Ludwigsburg Detektivarbeit im Barockschloss

Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 08.11.2018

Spitzenprodukte der europäischen Hofhandwerker-Elite wandern im Zuge der Neueinrichtung ins Depot“, sagt Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, beim Pressegespräch am Mittwoch im Ludwigsburger Schloss. Das Aussortieren dieser hochwertigen Einrichtungsgegenstände aus vergangenen Jahrhunderten (vornehmlich dem 18.) ist nicht etwa Überheblichkeit – ganz im Gegenteil. 35 Räume der königlichen Appartements im Barockschloss sollen im Rahmen einer großen Sanierung und Wiedereinrichtung bis 2020 authentisch eingerichtet werden. „Authentisch“ heißt in diesem Fall nicht nur, dass Gegenstände aus der richtigen Epoche in den Räumen stehen, was bisher auch schon der Fall ist, sondern, dass die königlichen Appartements wieder möglichst so eingerichtet werden, wie sie zur Zeit von König Friedrich I. von Württemberg (1754 bis 1816) und dessen Frau Königin Charlotte Mathilde (1766 bis 1828) ausgesehen haben.

Das heißt allerdings auch, dass diverse Gegenstände aus den Räumen geräumt werden müssen, und andere Stücke, die sich zum jetzigen Zeitpunkt im Magazin oder an anderer Stelle im Schloss befinden, umgestellt werden.

2000 Stücke werden bewegt

Es werden 2000 Objekte bewegt, und nur 1000 davon werden ihren Platz im Ludwigsburger Schloss finden. Zu Zeiten König Friedrich I. war das Ludwigsburger Schloss das Sommerschloss, die Residenz lag in Stuttgart, das Stuttgarter Schloss war damit das repräsentative Prachtgebäude. Das war auch an der Inneneinrichtung ablesbar. Während des Zweiten Weltkriegs wurden allerdings diverse Gegenstände vom Stuttgarter ins Ludwigsburger Schloss gebracht, um sie vor Bombardierungen zu schützen. Das war ein cleverer Schachzug, denn das Ludwigsburger Schloss blieb von Luftangriffen verschont, sodass es heute eines der wenigen unzerstörten Barockschlösser Europas ist. „Ludwigsburg wurde dicht vollgestellt“, sagt Dr. Patricia Peschel, die Konservatorin des Residenzschlosses, die die ganze Unternehmung leitet.

Warum das Großprojekt der Sanierung und Wiedereinrichtung der königlichen Appartements gerade jetzt durchgeführt wird? Es sei eine Frage des Geldes, das Großprojekt kostet 5,5 Millionen Euro, erklärt Hörrmann. Auch brauche man das nötige Personal für diese Mammutaufgabe. „Und Sie brauchen natürlich eine Frau Peschel, die wie ein Goldgräber-Maulwurf wühlt“, sagt der Geschäftsführer und lacht. Dass gewisse Stücke aus Stuttgart sind, ist bereits seit Jahrzehnten klar. Jedoch stieß Peschel vor einiger Zeit auf immer mehr Hinweise über Herkunft und Künstler der Einzelstücke, die bislang nur vage zugeordnet werden konnten. „Hat man einmal eine Spur, findet man die Mosaiksteine schneller“, erklärt Peschel. Sie habe online eine Liste aus Stuttgart entdeckt und aus Neugier angefordert. „Sie war unter ‚Vermischtes’ abgelegt“, so Peschel. Daraufhin habe sich das Puzzle immer mehr zusammengeschoben.

Eine gelungene Zuordnung

Als Beispiel nennt die Konservatorin eine Bronze-Uhr, von der nur bekannt war, dass sie in Paris gefertigt wurde. Um genau zu sein, ist es nicht nur eine Uhr, sondern es sind zwei (siehe unteres Bild). Die eine, nämlich die linke, ist in der Ludwigsburger Inventarliste aufgeführt. Sie stand im Schreibzimmer König Friedrichs I. und wird dort nach den Umbauarbeiten wieder aufgestellt. Die zweite jedoch – und das konnte in detektivischer Arbeit nun aufgedeckt werden – gehört nicht ins Ludwigsburger Schloss, sondern war ein Mitbringsel von Katharina Pavlovna, Zarentochter und Gemahlin vom württembergischen König Wilhelm I. In der von Peschel entdeckten Inventarliste ist vermerkt, welche Objekte sich die Zarentochter aus dem Sankt Petersburger Winterpalast nachsenden ließ, um sich in Stuttgart heimeliger zu fühlen. Sie war von 1816 bis zu ihrem Tod 1819 Königin von Württemberg, die Uhr ließ sie im März 1817 kommen, sie stand im Schreibkabinett des Neuen Schlosses in Stuttgart. „Wir richten nicht nur ein Schloss ein, wir bringen auch die Forschung voran“, sagt Peschel begeistert. Im Zuge des Großprojekts habe sie viel Kontakt zu Spezialisten aus dem Louvre, der Royal Collection oder dem Metropolitan Museum, die Werke bestimmter Künstler erkennen. Durch diese Zusammenarbeit können Einrichtungsgegenstände bestimmt, Herkünfte geklärt und die Authentizität des Ludwigsburger Schlosses für die jährlich 35 000 Besucher wiederhergestellt werden.

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