Schlossfestspiele Der Pfad der Eigenwilligen

Pekka Kusisto (links) und  Sam Amidon begeisterten in der Ludwigsburger Musikhalle.
Pekka Kusisto (links) und  Sam Amidon begeisterten in der Ludwigsburger Musikhalle. © Foto: Richard Dannenmann
Ludwigsburg / Susanne Yvette Walter 15.05.2018

Wo liegt die Schnittmenge zwischen traditioneller Musik aus Finnland und Schweden und der traditionellen Musik der Appalachen an der Ostküste Amerikas? Das herauszufinden war Aufgabe des Publikums in der Musikhalle im Rahmen der Ludwigsburger Schlossfestspiele.

Das Ungewisse bestimmt bekanntlich diese Festspielsaison und auch, wie sich der finnische Geiger Pekka Kuusisto und Sänger, Banjospieler und Geiger Sam Amidon begegneten, der sich auf amerikanische Folksongs und Fiddle Tunes spezialisiert hat, blieb zunächst ungewiss.

Keiner wusste, was kommt, auch der Intendant Thomas Wördehoff nicht. Er nahm es mit Humor, zuckte mit den Achseln, schließlich ist Sam Amidon kein Unbekannter und hat schon einmal sein Publikum mitgerissen bei den Schlossfestspielen. Diesmal hatte er sich einen findigen Finnen als Partner ausgesucht.

Wie eine launige Windböe erhob sich die Elektrogeige von Pekka Kuusisto, dem Finnen. Seine Augen glitten durch den Saal. Die Location inspirierte ihn, und das sagte der Mann, der sich so gut aufs Improvisieren versteht, auch deutlich. Sind das nicht Möwenschreie in der Ferne?

Eigenwillige Querköpfe

Mit Hilfe von Effekten zauberte der Geiger, der zu den eigenwilligen Querköpfen der großen Konzertbühnen zählt, eine unwirkliche Atmosphäre in den Raum. Er strich nur angedeutet über die Saiten. Es rauschte und scharrte.

Mal griff Pekka Kuusisto nach den Glanzlichtern der hohen Geigenliteratur. Mal vergaß er sich in Traditionals und Liedern, die seine Ahnen vielleicht schon kannten und streifte dabei die Bachsche Partita, die er in ein völlig neues Licht setzte. Reizlos ist es für Finnlands berühmtesten Avantgardisten, etwas herunterzubeten, was viele vor ihm getan haben.

Vielmehr ließ er seinen findigen und kreativen Geist spielen und plauderte gern mit dem Publikum und dem Intendanten, der ihm am Ende Fragen stellten. „Die Improvisation ist wie das Wasser. Sie sucht sich ihren eigenen Weg, vorausgesetzt man ist offen für die Impulse, die man empfindet“, erklärte er.

Mit besonderer Inbrunst pflegte der berühmte Finne die volksmusikalischen Vermächtnisse aus seiner Heimat. Und hier schien wohl auch die Schnittmenge zu sein zwischen ihm und dem US-Amerikaner Sam Amidon. Letzterer sieht seine Wurzeln in den Songs der Appalachen. Amidon schafft Neues aus der überlieferten Substanz, dem Liedgut seiner Vorfahren und spannt dabei den Bogen zwischen Tradition und Moderne.

Song schmiegt sich an Song

Mit Erstaunen stellte der Hörer nach kurzer Zeit schon fest, dass sich hier ein traditioneller Song am anderen anschmiegt. Wie  Zündhölzer rieben sie sich aneinander, und es entstand ein Feuer, das keiner erwartet hätte.  Fetzig wurde es, wenn beide Musiker zur Geige griffen und teils in Unisonobewegungen Unglaubliches schufen, so als hätten sie Wochen lang miteinander geprobt und sich aufeinander eingestellt.

Pekka Kuusisto hörte offensichtlich nur in sich hinein und fand in seinem Inneren diese archaischen fröhlichen Melodien. Statt sie einfach nur aufzugreifen, zitierte er sie oft ganz minimalistisch, geradezu angedeutet.

„Ein Volkslied ist ein geheimnisvolles Objekt, das seinen Weg durch viele Menschen und Orte gemacht hat und bei dem keiner wirklich weiß, woher es kommt“, erklärte er. Und dabei war die Schnittmenge wohl offensichtlich größer als zunächst erwartet.

Zu ihr gehörte auch, dass beide Musiker traditionsreiche Musik als Grundlage für ihre Improvisationen verwenden, die nicht so weit auseinanderliegen. Der eine berief sich auf sein reiches Fundament aus skandinavischen Polkas, Sibelius und Runeliedern – der andere war durchdrungen von den Traditionen der amerikanischen Ostküste und den Songs von Bob Dylan.

Genau diese Mischung wirkte so explosiv, dass ziemlich schnell Begeisterung die Zuschauer packte und sie nicht mehr losließ. Am Ende wollte die beiden Künstler keiner gehen lassen, ahnend, dass diese Begegnung in ihrer Konstellation einzigartig bleiben könnte.

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