Bern Winckler  Uhr

In dem Verfahren um den Mord an Nadine Ertugrul hat eine Ermittlerin vor der Stuttgarter Schwurgerichtskammer ausgesagt, dass die Leiche des Opfers zwei bis vier Tage im Gebüsch lag. Das passt aber nicht zu Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft. Am Montag, dem dritten Verhandlungstag,   hat das Gericht zur Frage des genauen Todeszeitpunkts Sachverständige vernommen.

Wieder waren die Zuhörerreihen am Montag bis auf den letzten Platz besetzt. Der Fall „Nadine“ hat großes Interesse – nicht nur bei den Ludwigsburgern – sondern in ganz Baden-Württemberg, hervorgerufen. Der Angeklagte, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, am 12. Oktober 2015 Nadine Ertugrul – seine Ehefrau und Mutter zweier Kleinkinder­– getötet und die Leiche dann in derselben Nacht in ein Gebüsch in der Reuteallee abgelegt  zu haben (die BZ berichtete), weist dies per Verteidiger-Erklärungen weit von sich. Die Ermittlungen und das Ergebnis dieser Ermittlungen gegen ihren Mandanten seien so falsch und lückenhaft, dass laut der Anwältin nur von dessen Unschuld auszugehen sei.

Schuldig oder unschuldig? Mikrofasern, DNA-Ergebnisse, Leichenstarre-Ergebnisse zur Feststellung der Todesursache und vor allem des Todeszeitpunkts. Mit diesen Punkten  müssen sich jetzt die drei Berufsrichter mit ihren beiden Schöffen der Stuttgarter Schwurgerichtskammer in diesen Tagen akribisch befassen. Denn es handelt sich um einen Indizien-Prozess. Reichen die von der Stuttgarter Staatsanwaltschaft vorgelegten Indizien aus, um den 43-jährigen Angeklagten schuldig zu sprechen, oder nicht?

Der genaue Todeszeitpunkt ist bislang auf den 12. Oktober festgelegt worden. Am 20. Oktober, also sieben Tage später, wurde das Opfer gefunden. Es war Oktober, der Boden war temperaturmäßig bereits nahe der Null-Grenze. Wie lange bleibt ein Leichnahm bei dieser Außentemperatur ohne Fäulnis-Spuren? Auch um diese und viele andere Fragen ging es  bei der Anhörung einer Gerichtsmedizinerin, die ihrerseits den Todeszeitpunkt von Nadine auf den 12. Oktober fixiert, – plus-minus – ganz genau könne man dies nicht festmachen. Es könnte auch früher oder später gewesen sein. Auch die Todesursache ist für die Gutachterin klar: „Abschnüren des Sauerstoffs am Hals!“ Ob mit den Händen oder mit einem Gegenstand, das sei nicht feststellbar. Die zahlreichen anderen Verletzungen am Körper der Toten, Abschürfungen der Hände, Beine, Unterarme,  Gesicht – und vor allem die Schnittverletzungen am Hals, seien nicht todesursächlich.

Nadine Ertugrul ist getötet worden, ohne dass sie in der Lage war, sich gegen diese Gewalttat auch nur ansatzweise wehren zu könnnen. Auch zu diesem Ergebnis kommt das gerichtsmedizinische Gutachten, das keinerlei sogenannte „Abwehrverletzungen“ an der Leiche fand. In einem zweiten, am Montag ebenfalls vorgetragenen Gutachten zum Todeszeitpunkt der Ehefrau des Angeklagten, wird allerdings von einer Karenzzeit von fünf bis zwölf Tagen vor der Auffindung ausgegangen.

Dabei hat der Sachverständige peinlich genau die in Ludwigsburg Mitte Oktober vor eineinhalb Jahren herrschenden Temperaturen und auch die chemischen Schilddrüsen-Inhalte im Vergleich berücksichtigt. Aber auch seiner Meinung nach könne man den Todeszeitpunkt in etwa auf den 12. Oktober festmachen. Ein Gutachter des Stuttgarter Landeskriminalamts hingegen hat die an der Leiche sichergestellten Haar-Reste auf mögliche Spuren des  Angeklagten hin untersucht. Es handelte sich dabei um die Spur mit der Nummer 125.

Die Möglichkeiten, die Haare auf molekularische DNA-Spuren zu deuten, waren nicht hundertprozentig. Die Untersuchung habe hier keine deutlichen Ergebnisse gebracht, während im Gutachten eines Freiburger Sachverständigen diese Haarproben eindeutig zumindest der Familie des Angeklagten, einschließlich der näheren Verwandtschaft zugeordnet werden. Ob dies aber als Tatbeweis ausreicht, ist ungewiss. Nach wie vor geht die Verteidigung davon aus, dass es nicht reicht. Zumindest durch den immer noch ungeklärten genauen Todeszeitpunkt bekommt die Verteidigung Oberwasser.

Der Angeklagte selbst verfolgte am   dritten Prozesstag die Vorträge der Gutachter mit Interesse, wechselte dazwischen ab und zu ein paar Worte mit der Verteidigung. Unterdessen werden unter den Zuhörern schon jetzt Wetten abgeschlossen, ob Freispruch oder Schuldspruch. Mit weiteren Zeugen- und Sachverständigen-Aussagen wird der Prozess am morgigen Mittwoch und dann am 23. Januar fortgesetzt.