Theaterfahrt Der Bus als Zeitmaschine

Gabriele Szczegulski 16.06.2018

Schon die Fahrt in dem altertümlichen Gefährt ist eine Reise in die Vergangenheit: Bei einer Probefahrt mit dem Ludwigsburger Ensemble Q-rage hoppelt und ruckelt es, die laute Lüftung des Busses aus den 1970er-Jahren übertönt jedes Gespräch und kühlt die Luft um kein Grad herunter. Es hat 35 Grad im Bus, der Schweiß läuft den probenden Schauspielern Jörg Pollinger und Sandra Hehrlein sowie dem Musiker Böny Birk und dem Regisseur Rüdiger Erk aus allen Poren.

Seit Wochen haben die Künstler für ihre historische Theaterfahrt in der Geschichte Ludwigsburgs gewühlt, haben auch die kleinsten Details ausgegraben und diese zu einer Fahrt in die Geschichte und durch Ludwigsburg gemacht. Szenen aus der Stadtgeschichte werden im oder vor dem Bus gespielt, gehalten wird an zentralen Stellen der Historie. Es ist die neueste Produktion des Ludwigsburger Ensembles, das schon Kriminalfälle im Bus und im Restaurant Allgäu löste. Zum Jubiläum 300 Jahre Stadt Ludwigsburg kam ihnen der Oldtimerbus der Ludwigsburger Verkehrslinien gerade recht, den der  fünfte Mann im Ensemble, der pensionierte Busfahrer Horst Blessing, steuert.

Im Jahre 1709 beginnt die Fahrt mit dem Oldtimer-Bus durch Ludwigsburg mit dem Aufruf des württembergischen Herzogs an seine Untertanen, sich auf dem Sumpfgelände niederzulassen. Wie eine Zeitmaschine katapultieren der Bus der Ludwigsburger Verkehrslinien und das Theaterensemble Q-rage die Reisegäste in die Vergangenheit. Unter der Regie von Rüdiger Erk haben sich Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger in die Historie vertieft.

Exklusive Probefahrt

Die exklusive Probefahrt für die BZ beginnt nicht im Fasskeller des Schlosses mit Köstlichkeiten, die Christoph Rieger vom Gasthaus Allgäu zubereitet, für die späteren Gäste der BusKultour Classic fängt die Zeitreise dort an. Sandra Hehrlein als französelnde Reiseleiterin und Jörg Pollinger als Fahrleiter und als Ludwigsburg höchstpersönlich – beide schlüpfen in unzählige Rollen, durch Perücken oder Jacken gekennzeichnet – erzählen von den Anfängen. „Wer will mich bevölkern“ fragt die personifizierte Stadt alias Jörg Pollinger. Die Hüte, die als Symbol für die jeweils dargestellte Person stehen, hat Musiker Böny Birk alle übereinander auf dem Kopf, Schals und Umhänge sind ihm unter die Arme gesteckt worden. Trotzdem spielt er ohne Murren auf seinem Akkordeon.

Ins Krawattendörfle

Zuerst, so erklärt Regisseur Rüdiger Erk, wollte keiner in das Sumpfland ziehen, auch nicht bei Steuer- und Religionsfreiheit. Erst 1718 waren es so viele, dass die Stadt gegründet werden konnte. Vor allem Baumeister, Handwerker und Schauspieler für das herzogliche Theater kamen in die neue Residenz. Und Kroaten, die ins „Krawattendörfle“, der heutigen Unteren Stadt, zogen. Der Teil wurde so genannt, weil eine Krawatte zur Kleidung der Kroaten gehörte.

Dann fährt der Bus los. Das Schauspielerteam probt, wann es am besten die nächste Szene einbauen kann. „Das geht nur, wenn der Bus an Ampeln hält, da müsst ihr spontan sein“, weist Erk an. Staus sind sogar willkommen, da kann man am besten spielen, sagt Sandra Hehrlein. Erk weist sie an, dass sie die Ludwigsburger Produkte, die sie per Bauchkasten anbietet, wie das rosarote Hakle-Toilettenpapier, immer sitzreihenweise anpreisen muss, „denn hinten versteht dich wegen der lauten Busgeräusche keiner“, so Erk. Noch liegen alle Requisiten im Bus verstreut, bei den tatsächlichen Theaterfahrten müssen sie in den Netzen und auf den ersten beiden Sitzreihen verstaut werden. „Wir wechseln Kostüme und Utensilien vor den Zuschauern, das gehört zu unserem Konzept und dann wissen alle, dass jetzt ein neues Kapitel kommt“, sagt Sandra Hehrlein.

Noch klappt bei der Probe nicht alles reibungslos, Einsätze des Akkordeonspielers Böny Birk muss Erk noch anfordern. Vor dem Forum wird eine Station der Zeitreise sein, da ist bei der Probefahrt gerade Pferdemarkt, also proben die Schauspieler diese Szene in der Karlskaserne. Es geht um die feine Gesellschaft, es geht um Soldaten, es geht um das ewige Auf und Ab der Stadt. War Ludwigsburg Residenz, ging es der Stadt und den Leuten gut, war sie es nicht, verkam der Ort.

Das Stück ist kein beschöningendes Schauspiel. Da kommt durchaus Kritik an den jeweiligen Zeitumständen durch, an der Machtwillkür des Herzogs, an seinem auschweifenden Leben, für das seine Bürger die Kosten zu tragen hatten. Um seine ausschweifenden Feste oder einen Opernbau mitten im Winter zu finanzieren, verkaufte der Herzog einfach Ludwigsburger als Soldaten nach Holland. Da werden Zeitzeugen zitiert, die erzählten, dass sie 40 Jahre lang in der ganzen Welt dienten und sich wunderten, dass ihr Liebchen nicht mehr auf sie wartete, als sie nach Ludwigsburg – alt und arm – zurückkamen.

Das Schicksal der Mätresse des Herzogs Eberhard Ludwigs, Wilhelmine von Grävenitz, wird beleuchtet und Sandra Hehrlein merkt man an, dass sie deren Schicksal als ungerecht empfindet. „Ein bisschen weniger Emotionen“, sagt Rüdiger Erk.

Eine weitere Station ist im Osterholz mit Blick auf den Hohenasperg. „Die Forelle“ erklingt, deren Text von einem der berühmten Insassen, Christian Friedrich Daniel Schubart, stammt (die Musik ist von Franz Schubert). Im Dialog mit seiner Frau werden seine zehnjährige Haft, seine Sozialkritik und sein ausschweifender Lebenswandel deutlich. Bis der Bus aber steht, kämpfen die beiden Schauspieler mit dessen Wackeln. Sie probieren verschiedene Standpunkte im Bus aus – einfach ist das Theatespielen im Bus nicht.

Zeitzeugen sprechen

 Fast 200 Jahre hat der Bus schon durchquert, als er bei der Villa Franck ankommt und ins Industriezeitalter wechselt. Schwierig, so hat Erk recherchiert, sei es mit der Ansiedlung von Fabriken wie der Zichorienfabrik Franck gewesen, da die Ludwigsburger sich immer noch als vornehme Residenz und nicht als Industriestadt sahen. Den Texten liegen nun Zeitzeugenaussagen zugrunde, aber auch Dokumente, die beweisen, dass Arbeiter als minderwertige Klasse beschimpft wurden.

Es geht zurück zum Schloss, und wieder in den Weinkeller, wo das Schauspielensemble im 20. und 21. Jahrhundert ankommt. Für das Theaterensemble ist aber die Probe noch lange nicht zu Ende. Es geht zurück zum Bushof der Ludwigsburger Verkehrslinien, wo Rüdiger Erk, Sandra Hehrlein und Jörg Pollinger noch bis tief in die Nacht im Bus proben. „So eine szenische Busfahrt ist nicht einfach. Man muss für viele Außerplanmäßigkeiten gewappnet sein“, sagt Hehrlein. Der Bus kann stehen bleiben, ein Stau die Fahrt verlängern, Fahrgästen kann schlecht werden. Der Text und die Aktion, die müssten sitzen, so Hehrlein.

BusKultour Classic

Die historische Theaterfahrt mit Live-Musik vom Ensemble Q-rage und kulinarischen Leckerbissen vom Restaurant Allgäu findet von Juni bis September an zwölf Terminen statt: Vom 21. bis 24. Juni, 19. bis 22. Juli und 13. bis 16. September, Beginn ist immer um 18.30 Uhr. Die Dauer beträgt zweieinhalb Stunden. Der Start ist im Hof des Residenzschlosses.

Die Busfahrt kostet 67 Euro, inklusive Fahrt, Schlosseintritt, Essen und Getränk. Karten gibt es am Ticketschalter der Bietigheimer Zeitung, Kronenbergstraße 10. sz

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