Das ist keine Sterbe-Station“, stellt Dr. Matthias Ulmer klar. Er ist Sektionsleiter der Hämato-Onkologie und Leiter der Palliativ-Station im Ludwigsburger Krankenhaus. Er findet den Ruf seiner Station verbesserungswürdig. Das liegt daran, dass selbst in Fachkreisen eine Palliativ-Station, einem Hospiz gleich gestellt werde. Doch dem ist nicht so. „Wir behandeln Menschen mit unheilbaren Erkrankungen und unser Ziel ist es, die Menschen wieder nach Hause zu bekommen“, erklärt Ulmer vereinfacht die Arbeit seines Teams. Denn Palliativ heißt nichts anderes wie schmerzlindernd.

Zwar gebe es auch Patienten, die auf der Station sterben, doch das Hauptaugenmerk liege in der Symptomslinderung. Deswegen seien die Patienten eine begrenzte Zeit auf der Palliativ-Station während sie im Vergleich zu einem Hospiz dort auch mehrere Monate leben. „Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei zehn Tagen“, erklärt Matthias Ulmer. Dabei gehe es nicht darum, die Patienten schnell wieder entlassen zu können, sondern ihnen zu helfen, wieder in ihr gewohntes Umfeld zu kommen – schmerzfrei. Dabei setzt Ulmers Team nicht nur auf Medikamente.

Hohes Armutsrisiko

„Jeder hat andere Bedürfnisse“, stellt der Arzt klar. Deswegen gibt es in Ludwigsburg unter anderem Kunst- und Musiktherapie, und Ernährungsberatung, Seelsorger, psychologische Betreuung sowie eine Sozialarbeiterin. Die Gewichtung der einzelnen Therapiemöglichkeiten sei von Patient zu Patient unterschiedlich. „Hier finden untereinander ganz viele Gespräche statt“, erklärt Sozialarbeiterin Ingrid Müller. Sie führt beispielsweise Gespräche mit den Patienten, wenn es um die finanzielle Situation geht. „Schwere Erkrankungen erhöhen das Armutsrisiko“, sagt Müller, „das erlebt man hier deutlich.“ Dabei versuche sie, die Angst und Panik zu nehmen.

Es ist eine intensive Betreuung, die hier stattfindet mit einem hohen Betreuungsschlüssel. Auf die derzeit neun Betten kommen mehr als zehn Mitarbeiter, darunter Teamleitung und eben Pflegekräfte wie Anna Gremco. Wie sie es schafft, ständig vom Tod umgeben zu sein und zu wissen, für ihre Patienten gibt es keine Heilung, erzählt sie der BZ. „Wir sind alle wie eine Familie und geben unser Bestes.“ Doch erzählt sie auch, dass alle Mitarbeiter bereits geweint haben, denn das Verhältnis zu den Patienten und den Angehörigen sei oft ein inniges. Sie erinnert sich an ihre Patienten, auch noch Jahre später. So gab es einen Mann aus Tunesien, dessen Familie nicht in Deutschland sein konnte. „Wir haben dann eine Videoverbindung hergestellt“, erinnert sich Gremco, „das Strahlen in seinen Augen und sein Lächeln“, das sei der Grund, warum sie sich für die Palliativ-Station entschieden hat. „Wenn ich weiß, ich habe eine gute Arbeit geleistet und Schmerzen gelindert, dann verlasse ich sie mit einem guten Gewissen.“

Das Team hilft sich da untereinander, doch gibt es zusätzlich auch die Möglichkeit der Supervision. Wichtig sei jedoch, dass die Ärzte, Pflegekräfte und Mitarbeiter im Leben stehen, sagt Ingrid Müller: „Wer hier arbeitet, muss sich mit diesen Dingen auseinandersetzen und konfrontieren.“ Das bestätigt auch Matthias Ulmer, der erklärt, dass sich die Mitarbeiter ganz bewusst für diese Station entscheiden. Obwohl Palliativ-Therapie im Studium oft nur wenig thematisiert werde. Der Tod ist eben doch noch ein Tabu-Thema und damit mit Unwissenheit und Angst verknüpft. Die versucht das Team aus Ludwigsburg zu nehmen.

„Ihr wart wie eine Familie zu uns“


Das Krankenhaus Bietigheim und das Klinikum Ludwigsburg der Regionalen Kliniken Holding sind in einem gemeinsamen palliativ-medizinischem Zentrum vereint. Durch den Verbund zum Zentrum können die beiden Kliniken und Abteilungen besser zusammenarbeiten und Ressourcen bündeln, um den Patienten zu helfen.

Wie es ist, einen geliebten Menschen an Krebs zu verlieren und Wochen im Krankenhaus zu verbringen, weiß B. Neubauer. „Ihr wart wie eine Familie zu uns“, sagt er in einem Dankesbrief an die Mitarbeiter der Palliativ-Station in Bietigheim-Bissingen. Seine Lebensgefährtin verbrachte viele Wochen dort, bis sie Ende 2018 verstarb. „Ihr habt mir ermöglicht, meine Lebensgefährtin so zu verabschieden, wie wir uns das in der schweren Zeit immer gewünscht haben. „Ich durfte jeden Tag bei ihr sein.“ Auch durch die Unterstützung seines Arbeitgebers war ihm dies möglich. Das Team in Bietigheim sei sehr liebevoll mit den Menschen umgegangen. „Ihr habt die Lebensqualität immer in den Vordergrund gestellt und uns noch viele schöne Tage geschenkt.“

Das haben sich auch die Ludwigsburger als Ziel gesetzt. Da jedoch immer mehr Menschen erkranken und der Bedarf wächst, wird die Station vergrößert: Von derzeit neun Betten soll auf 11 oder 12 erhöht werden, so Dr. Matthias Ulmer. rwe