Theatersommer Clussgarten Das Kasperletheater des Dr. Faust

„Faust“ als buntes Kasperletheater im Clussgarten in Ludwigsburg: (von links) Andreas Kluge als Faust, Bernadette Hug als Närrin 2 und Marthe und Stefan Roschy als Trottel 4 und Wagner.
„Faust“ als buntes Kasperletheater im Clussgarten in Ludwigsburg: (von links) Andreas Kluge als Faust, Bernadette Hug als Närrin 2 und Marthe und Stefan Roschy als Trottel 4 und Wagner. © Foto: Martin Kalb
Gabriele Szczegulski 15.06.2018

Da sitzen die inneren Schweinehunde des Dr. Faust wie im Kasperletheater auf der Stange und piesacken ihn. Närrin 2, Trottel 4, Dummchen 6 und Stümper 1 sind „ein Teil von dir“, zeigen Fausts Traumfiguren, Freud lässt grüßen. Der Theatersommer im Clussgarten feierte am Mittwochabend die Premiere der Fassung des Fausts von Werner Schwab, dem 1994 gestorbenen österreichischen Enfant terrible der deutschsprachigen Theaterszene.

„Was die Welt im Innersten zusammen hält“ ist des Pudels Kern in beiden Fassungen, der von Schwab und der von Johann Wolfgang von Goethe. Nur die Herangehensweise beim verzweifelten Streben nach Erkenntnis ist verschieden. Der Goethesche Faust verkauft seine Seele an den Teufel, um dafür noch mehr Wissen erlangen zu können, denn weder Philosophie, Medizin, Juristerei noch  Theologie konnten ihm Antworten liefern. Im Schwabschen Faust studierte der Held „Megatomanie, Hypochondrie, Sodomie, Endoskopie und Geriatrie“. Seine Herangehensweise ist egomanischer: „Mir oder mich ist hier die Frage“. Der Faust im Clussgarten strebt nicht nach noch mehr Wissen. Seine Welt besteht nur noch aus den Effekten der Sprache, deswegen schöpft er immer wieder neue, absurde Ausdrücke. Niedere Instinkte leiten ihn. Mephisto ist nicht der Verführer, sondern ein von Faust erschaffenes, weiteres Sehnsuchts-Ich. So wie der rücksichtslose Mephisto würde Faust gerne sein. Immer mehr Ich-Figuren bedeuten aber für ihn immer weniger Kontrolle über sie. Und so eskaliert die Situation. Am Ende ist er seinen Innenfiguren überdrüssig und es kommt zum letzten „Bad im Traum der Sprache“.

„Wir verstehen nichts“ sagen Fausts innere Figuren, die auf der Kasperle- oder Marionettenbühne agieren wie Puppen, die Faust hin und herschiebt, aufeinander prallen oder verschwinden lässt, wie es ihm gefällt. „Wir verstehen nichts“ ist auch das, was die Besucher empfinden. Schwabs Wortschöpfungen, aneinandergereiht wie eine Kette, deren Perlen plötzlich auf den Boden fallen, sind schwer nachzuvollziehen: „Getriebenheitslaberer, Salbungsvollverfetteter, fantasiefigürlich, Unsinnslied oder Angstaroma“. Doch: Das Stück ist unterhaltsam und kurzweilig. Und das ist das Verdienst der Inszenierung durch Peter Kratz, dem Leiter des Theatersommers.

Kratz versuchte mit Originalzitaten aus dem Faust dem Zuschauer eine Orientierung im Schwab-Stück zu geben. Durch die Idee einer Art Marionettentheater sowie eines Laufstegs schafft er mehrere Handlungsebenen. Fast zu viele gestalterische Ideen sind es, die Kratz auf die Bühne geworfen hat, genauso wie Requisiten, von denen es nur so überquillt. Die Inszenierung erinnert stark an das Absurde Theater vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Textmasse für die Schauspieler ist enorm. Alle fünf schaffen es ohne Schwierigkeiten, sie zu bewältigen, den Satzschöpfungen Ausdruck zu verleihen. Das Spiel der fünf Darsteller ist eine Augenweide. Andreas Klaue als Faust ist das Zentrum von allem. Selbst in den aberwitzigsten Momenten beherrscht er das Territorium. Eine Höchstleistung, was Klaue mit dieser Rolle macht. Bernhard Linke wieselt katzengleich als Mephisto oder als falsche Schlange über den Laufsteg. Christine Last spielt ein emanzipiertes, aber sehr weibliches Gretchen. Schrill und auffallend ist Bernadette Hug als Marthe. Stefan Roschy trägt sein schweinchenrosa Kostüm, als würde er nie etwas anderes anziehen. Schrill und skurril ist das Stück.

www.theatersommer.net