Schlossfestspiele Das Fragezeichen genießen

Gabriele Szczegulski 04.05.2018

Auf dem Programm des Eröffnungskonzerts der diesjährigen Saison der Ludwigsburger Schlossfestspiele stand der genaue Ablauf: Eröffnungsrede von Christoph Keller, Maurice Ravel, Klavierkonzert G-Dur, dann Pause, und danach Anton Bruckners Sinfonie Nr. 9 d-Moll. Und dann das: Pietari Inkinen, Chefdirigent des Orchesters der Schlossfestspiele, das in großer Besetzung auf der Bühne des Forums saß, dirigierte zuerst unangekündigt ein sehr aufwühlendes Werk. Die Programmhefte wurden herausgeholt, das große Rascheln begann, die Zuschauer flüsterten sich zu: „Was ist das? Das steht ja gar nicht im Programm.“ Etwas Ungewisses, etwas Unvorhergesehenes, das Motto, das Intendant Thomas Wördehoff ausgegeben hatte, war eingetreten.

Genauso, sagte Christoph Keller, der Eröffnungsredner, sei es ihm gegangen, als er eine CD von Wördehoff zugesandt bekommen hatte, auf der nicht stand, was zu hören sei. „Sie und ich hatten ein individuelles Erlebnis ohne jede Kenntnis“, sagte Keller. Gespielt wurde, half er den Unwissenden nach, „Die vergessenen Opfer“ von Oliver Messiaen.

Fehl am Platze

Obwohl er nicht wisse, was schiefgelaufen sei, dass er, der Schnapsbrenner vom Bodensee auf dieser Bühne stehe und sich fehl am Platze fühle, sei genau das ja wohl das Motto der Festspiele, sich ins Ungewisse zu stürzen. Denn des Menschen Bestreben sei es, gerade das Ungewisse, das Unwissen, so weit als möglich zu vermeiden, Überraschungen durch Wissensanhäufung zu umgehen. Der Mensch habe sich eine Fiktion aus Schrift, Geld, Gesetze und Sprache geschaffen, um die Ungewissheit einzudämmen. Immer weiter habe sich der Mensch von seiner tierischen Herkunft, seinen ursprünglichen Sinnen wie Riechen, Schmecken, Hören, entfernt.

Keller verglich die „Poesie des Schnapsbrennens“ mit der Musik, da diese Kunst die einzige sei, die den Menschen seiner Natur nahe bringe, sofern er sich das Musikhören nicht immer wieder durch Wissen verderbe und genauso unmittelbar sei wie der Geschmack beim Schnapsbrennen. „Genießen wir doch mal wieder die Fragezeichen“, sagte Keller, das bringe „uns unserem biologischen Wesen wieder näher“. Er sei keineswegs esoterisch veranlagt: „Kehren wir doch zurück zum Boden der Tatsachen, lassen wir uns unseren Genuss nicht durch kognitives Wissen einschränken. Nehmen Sie die Konzerte dieser Festspiele als Reise ins Ungewisse.“ Das Klavierkonzert G-Dur von Maurice Ravel war für eine genussvolle Reise ins Ungewisse genau passend: Pianist Bertrand Chamayou und das Orchester der Schlossfestspiele ließen ein lautmalerisches, spielerisches Klangfeld mit Swing-einsprengseln entstehen, in das sich der Zuhörer einfach vertiefen konnte.

Mehr zum Eröffnungskonzert in der Samstagsausgabe der BZ.

Wer ist der Redner Christoph Keller?

Christoph Keller (geboren 1969 in Stuttgart) ist Verleger, Buchgestalter, Ausstellungsmacher und Schnapsbrenner. Nach dem Studium der Freien Kunst und der Kunstgeschichte gründete Christoph Keller 1998 den Verlag „Revolver – Archiv für aktuelle Kunst“ in Frankfurt am Main, den er bis 2005 leitete.

Derzeit lebt und arbeitet er als Verleger, Designer und Kurator am Bodensee. Mit seiner Frau betreibt Christoph Keller eine Brennerei für Spitzendestillate aus Edelobst und eine Erhaltungszucht für gefährdete Nutztierrassen. Seine Brände und sein Gin „Monkey 47“ haben internationale Bekanntheit erreicht. Christoph Keller überraschte damit, seine Brennerei Ende 2018 zu schließen. Was er dann macht, sei noch offen, sagte er. sz

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