Ausstellung Das Archiv des Herrn von Seckendorff

Patrick Leung und Sigrid Artmann haben historische Dokumente in Kaligrafien verwandelt und zeigen sie in einer Ausstellung im Staatsarchiv in Ludwigsburg.
Patrick Leung und Sigrid Artmann haben historische Dokumente in Kaligrafien verwandelt und zeigen sie in einer Ausstellung im Staatsarchiv in Ludwigsburg. © Foto: Uwe Roth
Ludwigsburg / Uwe Roth 17.05.2018

Eine Ausstellung, die sich zugleich der Kunst des Schönschreibens und der Geschichte widmet, ist am Dienstag im Staatsarchiv Ludwigsburg eröffnet worden. Die Schriftkünstlerin Sigrid Artmann aus Ludwigsburg und der Grafikdesigner Patrick Leung aus Hongkong zeigen noch bis zum 14. September kalligrafische Werke, die vom ersten Leiter des damals am 1. November 1868 gegründeten Staatsfilialarchivs inspiriert sind. Das liegt somit 150 Jahre zurück und ist Anlass, ein Jubiläum zu begehen, zu dem die Ausstellung „Erinnerungen werden Raum“ gehört.

Eduard Freiherr von Seckendorff lebte zwischen 1868 und 1875 in Ludwigsburg, wo er am Bahnhof mit 62 Jahren bei einem tragischen Zugunfall ums Leben kam. Der adlige Archivar war Jurist und musste wohl ein schillernder Zeitgenosse gewesen sein. Er fühlte sich zu Höherem berufen, wollte nicht nur Dokumente verwalten, sondern sich auch als Poet und Herausgeber literarischer Werke profilieren. Während seiner Studentenzeit in Tübingen war er ein Bewunderer Ludwig Uhlands. „Zwischen den Archiv­regalen ist er Zeit seines Lebens nicht glücklich gewesen“, sagt der aktuelle oberste Archivar in Ludwigsburg, Peter Müller.

Kunst oder weg?

Von Seckendorff war zwar verheiratet, lebte aber quasi in seinem Büro, das damals, wie das gesamte Archiv, noch im Erdgeschoss des Ludwigsburger Schlosses untergebracht war. Dort entstanden allerlei literarische Stücke, aber ebenso Zeichnungen. Als er wegen seines plötzlichen Tods von einem auf den anderen Tag nicht mehr an seinen Schreibtisch zurückkehrte, lagen dort sowie im gesamten Raum des Archivleiters eine Menge Zettel, Manuskripte und sonstige Hinterlassenschaften auf Papier, die mit seiner eigentlichen Aufgabe rein gar nichts zu tun hatten. Die wurden nicht weggeworfen, sondern bis heute verwahrt. Sie haben aber den Archivstatus „Kassanda“ (gesetzeskonforme Aussonderung). Die von Zweiflern gestellte Frage: Ist das Kunst oder kann das weg? ist damit amtlich beantwortet: Das kann weg. Doch die Kalligrafen Artmann und Leung haben einige historische Dokumente für ihre Ausstellung gerettet und mit ihrer Kunst diese Arbeiten in die Moderne gebracht.

1868 war das Jahr, als das erste Patent für eine Schreibmaschine genehmigt wurde, kurze Zeit später folgte eines für die Telefonie. Die bis dahin einzigartige Kommunikationsform Handschrift hatte Konkurrenz bekommen, die sich für den täglichen Gebrauch seither schleichend auf dem Rückzug befindet. Artmann und Leung erinnern mit ihren kalligrafischen Kommentaren auf den handschriftlichen und manchmal sehr gekrakelten Hinterlassenschaften von Herrn von Seckendorff an die Bedeutung der Handschrift, die auch Ausdruck des Charakters des Schreibenden ist. Wobei in der Ausstellung überraschend ist, dass der Gründer des „Hongkong Lettering Arts Club“, Leung, für seine Ludwigsburger Beiträge keine chinesischen Buchstaben aufs Papier gebracht hat, sondern westliche Schriftarten verwendet. Während Artmann, die in ihrer Stadt regelmäßig Workshops gibt, mit ihren schwungvollen Pinselstrichen eher an die asiatische Schreibkunst erinnert.

Die Ausstellung im Staatsarchiv dient der Kunst und der Geschichte zugleich, weil von Seckendorf in seinem Büro auch Alltagsberichte hinterlassen hat. So beschreibt er auf einem Blatt seine Eindrücke, die er auf dem Weg vom Ludwigsburger Bahnhof zu seinem Arbeitsplatz im Schloss gesammelt hat.

Es ist ein ungewöhnlicher Archivschatz, den das Staatsarchiv  der Öffentlichkeit präsentiert und der Kunst für eine moderne Interpretation zur Verfügung stellt.

Info Öffnungszeiten der Ausstellung im Staatsarchiv am Arsenalplatz: Montag bis Donnerstag, 9 bis 16.30 Uhr, Freitag, 9 bis 15.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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