Der Erfinder nennt seine App wahlweise „Schutzranzen“ oder eine „digitale Schutz­weste“ für Schüler. Oberbürgermeister Werner Spec findet die Idee bestechend, dass Autofahrer über ein GPS-Signal gewarnt werden, wenn sich ein Schüler mit der App einer Straße nähert und auf diese Weise erkannt wird. Der Rathauschef sieht in diesem digitalen Ortungssystem viel Positives und hat deswegen Ludwigsburg für ein Pilotprojekt vorgeschlagen (die BZ berichtete). Nun haben sich am Mittwoch die Mitglieder des Bildungsausschusses mit der Software und den Anwendungsmöglichkeiten beschäftigt – und sich im Ergebnis der zum Teil massiven Kritik an dieser App angeschlossen. Die Ratsmitglieder können den Test in der Stadt allerdings nicht ablehnen. Das letzte Wort haben die Eltern.

So funktioniert es: Autofahrer und Eltern laden die Schutzranzen-App aus dem Apple oder Google Store auf das Smartphone. Wahlweise können Eltern bei der in Wolfsburg ansässigen Firma Coodriver GmbH einen Tracker mit GPS leihen. Der ähnelt einem modernen Autoschlüssel, macht das Smartphone überflüssig und wird im Schulranzen verstaut. Die Leihgebühr beträgt laut Internetseite des Anbieters 75 Euro im Jahr plus einmalig 19 Euro. Die Smartphone-App ist für die Ludwigsburger Kinder dauerhaft kostenlos, teilt der App-Entwickler Walter Hildebrandt auf Anfrage mit. Ansonsten wird sie nach einem halben Jahr mit einem Euro je Monat kostenpflichtig. Hildebrandt war in der Sitzung nicht anwesend.

Per Knopfdruck orten

Er argumentiert auf Nachfrage, die App mache ein Kind über das GPS-Signal für den Autofahrer schon sichtbar, wenn es beispielsweise hinter einem parkenden PKW noch gar nicht zu sehen sei. Der von der Kinder-App ausgelöste Signalton erhöhe die Aufmerksamkeit des Autofahrers und damit die Verkehrssicherheit. Die App ist allerdings wegen anderer Funktionen Ende Januar deutschlandweit in die Kritik geraten. Denn die Ortungsfunktion steht auch den Eltern zur Verfügung. Per Knopfdruck erfahren sie jederzeit, wo ihr Nachwuchs gerade steckt. Die App kann zudem so angepasst werden, dass Eltern automatisch eine Nachricht aufs Smartphone bekommen, wenn ihr Kind beispielsweise in der Schule angekommen ist, „Gut-Angekommen-Funktion“, nennt das Hildebrandt. Kritiker wenden ein, die Anwendung sei nicht für die Kleinen gedacht, sondern für überdrehte Helikoptereltern.

Andere Kritiker, wie der Verein Digitalcourage, unterstellen, dass die App persönliche Daten aufzeichne, die der Betreiber dann zu bares Geld mache. Hildebrandt hingegen versichert: „Wir wollen keine Daten verkaufen und speichern sie auch nicht.“ Alles werde verschlüsselt. Um sich zu registrieren, genüge ein Pseudonym. „Kein Autofahrer bekommt die exakte Position eines Kindes.“ Der Unternehmer, der ursprünglich aus dem Kreis Ludwigsburg kommt und jetzt im Raum München lebt, betont, die Schutzranzen-App sei sein persönliches soziales Anliegen. Sein Geld verdiene er mit anderen Projekten im Bereich Straßensicherheit.

Datenbeauftragter prüft App

Seine Argumente wurden dem Gemeinderatsausschuss von Heinz Handtrack vom Referat Nachhaltige Stadtentwicklung vorgetragen. Er betonte, die zuständige Landesdatenbeauftragte von Niedersachsen, Barbara Thiel, habe grünes Licht gegeben. Der baden-württembergische Landesbeauftragte Stefan Brink prüfe die App ebenfalls. Mit den Argumenten kam er bei den Räten nicht an. Sie bezweifelten insbesondere die Notwendigkeit einer solchen App. Sie vermittle eine trügerische Sicherheit. Nach ihrer Auffassung haben die Eltern die Aufgabe, ihren Kindern beizubringen, den Schulweg sicher zu nutzen. Da die Stadtverwaltung das Votum des Gemeinderats jedoch nicht benötigt, wird sie mit den Schulen und Elterngremien weiterverhandeln.