Ludwigsburg / HEIKE ROMMEL  Uhr
Mit der Mindeststrafe von zwei Jahren Haft auf Bewährung ist ein 26-jähriger Ludwigsburger nur davongekommen, weil er dachte, mit der früheren Beziehung zur Mutter seines Kindes hätte er einen Freischein für eine Vergewaltigung.

Bei der Urteilsfindung im Fall eines 26-Jährigen, der wegen Vergewaltigung angeklagt war, berücksichtigte das Ludwigsburger Schöffengericht auch den kulturellen Hintergrund des bislang unbescholtenen Afrikaners. Die Mutter seines Kindes hatte die Vergewaltigung, die erst über Umwege zur Anzeige kam, quasi über sich ergehen lassen, nachdem er ihr deutliches "Nein" nicht hören wollte.

Der Angeklagte musste sich für einen Fall aus dem Jahr 2011 verantworten, als er erst 22 Jahre alt war. Das gemeinsame Kind mit dem Opfer ist heute fünf Jahre alt, war damals also noch ein Baby. Die mittlerweile 24-jährige Mutter, ebenfalls aus Ludwigsburg, wollte das Kind am 10. Juli 2011 gegen 13 Uhr von einem Umgangswochenende mit dem Vater abholen. Sie machten noch einen gemeinsamen Spaziergang, die Frau wurde müde, ging mit in die Wohnung des Angeklagten und legte sich aufs Sofa. Der Angeklagte legte sich zur ihr und wurde zudringlich und übte den Geschlechtsverkehr an ihr aus.

Das Gericht rekonstruierte sehr genau, ob sich der Vorfall so abgespielt haben könnte, wie es die Frau schilderte. Sie habe sich kaum gewehrt, sagte sie. Und sie habe auch nicht schreien können, weil das Kind mit im Raum war. Aber sie habe dem Vater ihres Kindes deutlich zu verstehen gegeben, dass sie keinen Sexualkontakt mit ihm möchte. Zum Tatzeitpunkt lief vor dem Ludwigsburger Familiengericht ein Streit um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn. Die Mutter des Kindes vertraute die Sache ihrer Mutter an und diese wiederum steckte die Geschichte dem Trennungsanwalt ihrer Tochter. Der Anwalt fackelte nicht lange und brachte die Vergewaltigung zur Strafanzeige.

Was den Prozessbeteiligten an der schweren Anklage des Verbrechens der Vergewaltigung gegen den Nigerianer zu denken gab, war, dass einen Monat nach der Tat die Beschneidung des kleinen Sohnes gefeiert und beschlossen wurde, Vater und Mutter wollten es noch einmal miteinander versuchen.

Andererseits zeigte das Opfer im Zeugenstand keinerlei Belastungstendenzen, und auch dessen 50-jährige Mutter betonte, ihre Tochter habe die Geschichte mit der Vergewaltigung "aus dem Sorgerechtsstreit heraushalten" wollen.

Wie bei fast jeder Vergewaltigung sah sich das Gericht auch in diesem Fall vor der Frage der Glaubwürdigkeit. Die Staatsanwältin glaubte dem Opfer und dessen Mutter, sah aber auch, dass dem Angeklagten nicht hundertprozentig bewusst gewesen sei, dass so etwas in Deutschland verboten ist. Auf ihren Strafantrag auf zwei Jahre zur Bewährung, dem das Gericht am Ende folgte und 100 Stunden gemeinnützige Arbeit draufsetzte, wirkte sich das allerdings nicht groß aus. "Wenn sie nein sagt, meint sie nein", erinnerte die Anklägerin an die Worte des Opfers. Schlecht beraten war der Nigerianer von seinem Rechtsanwalt, der im Plädoyer auf Freispruch ausführte, Frauen sagten oft nein und meinten ja. Das bezeichnete der Richter als "ein Frauenbild aus dem 19. Jahrhundert".