Ludwigsburg / Nicole Vögele und Elsa Kremser von der Filmakademie Ludwigsburg sind mit Ihrem Film „nebel“ in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ bei der 64. Berlinale vertreten (wir berichteten). Die Bietigheimer Zeitung traf beide am Rande der Filmfestspiele, um mit Ihnen über ihr Filmwerk und seine Entstehung zu sprechen, aber auch um in Erfahrung zu bringen, wie sie selbst die Berlinale erleben, dabei wichtige Kontakte knüpfen und wie man lernt, sich im Glanz des Filmbusiness zu bewegen.
Beide sprühen vor Elan und fiebern zum Zeitpunkt des Treffens noch dem Donnerstag entgegen, dem Premierenabend ihres Dokumentarfilms. Denn auf die Reaktionen des Publikums sind sie besonders gespannt. Natürlich geht es  den beiden auch um die Reaktion der Presse und wie ihre monatelange Arbeit bei den Kritikern ankommt. Was die beiden aber besonders bewegt, ist, wie der durchschnittliche Kinobesucher empfinden wird. Lassen sie sich auf die Reise, hinein in den „nebel“,  ins eigene Innerste, mitnehmen. Mit in die eigene Einsamkeit, die man hin und wieder empfindet, gepaart mit dem Gefühl von Heimatsehnsucht oder Fernweh, jene beiden nur scheinbar widersprüchlichen Bestrebungen, die sich freudig abwechseln. Spontan findet das Interview in einem Restaurant leicht abseits des Trubels des Potsdamer Platzes statt.

Bietigheimer Zeitung: Sie haben in der Kurzzusammenfassung zu „nebel“ geschrieben , dass der Film spontan entstanden ist, die Idee quasi fast beim Loslaufen mit der Kamera entstand und sehr viel mit Ihrer Heimat zu tun hat. Wie war das genau? Wie kam es zu „nebel“?
Nicole Vögele: Die Idee haben wir schon eine Weile mit uns herumgetragen, die kam erstmals nachdem ich damals im Herbst zu Hause war und danach zurück in Ludwigsburg. Im Unterricht fragten mich gleich alle, ja hast Du schon eine Idee für deinen Film, erzähl doch mal und ich hatte aktuell eigentlich noch keine konkrete Idee. In unseren kleinen Klassen kann man erste Ideen ziemlich gut diskutieren und ich fragte, könnte man nicht einen Film mit „nebel“ machen und sie starrten mich alle an, mit richtig großen Augen. Ich habe gedacht, die lachen mich jetzt alle aus, aber sie schauten alle total interessiert und das war so der erste Moment, bei dem ich dann spürte, ja da könnte man was daraus machen. Und dann kam Elsa auch schon bald auf mich zu und meinte, sie fände das alles ganz spannend.
Elsa Kremser: Ja, Nicole kam mit dem einen Wort, wir hatten uns schon lange überlegt gemeinsam was zu machen. Und sie kam dann zunächst einfach mit diesem einen Wort und das hat mich total fasziniert. Zunächst hatten wir uns dann überlegt, welche Bedeutungen nebel haben kann und wurden danach immer konkreter. Nach und nach wurde das dann immer größer und wir entfernten uns zunächst von der Bedeutung.
Nicole Vögele: Wir sind beide große Fans von poetischen Filmen und wir sind sehr früh bei unseren Recherchen über ein bekanntes Gedicht von Herrmann Hesse gestolpert „Im Nebel“.
Elsa Kremser: Das führte eben genau zu dem einen Gefühl: Einsamkeit. Im Nebel zu wandern „Kein Baum sieht den andern, jeder ist allein.“ Nebel, der einen einschließt. Und dann haben wir endgültig erkannt, dass uns dieses Thema interessiert und das wollten wir dann auch umsetzen, wir wollten einen Platz, wo wir diese vielen Gefühle ausleben konnten. Was wir auf keinen Fall wollten, war, einen starren Rahmen zu schaffen.
Nicole Vögele: Und dann kam uns irgendwann die schulische Struktur der Filmakademie zu Hilfe, die gesagt hat, dann müsst ihr aber auch bald mal anfangen zu drehen. Es ist ja mein Drittjahresfilm, Elsas Diplomfilm, da gibt es Deadlines. Und dann sind wir einfach irgendwann einmal losgefahren.

Bietigheimer Zeitung: Das heißt es gab kein festes Drehbuch, an dem ihr Euch orientiert oder zuvor geschrieben habt, oder ist das währenddessen entstanden? Wie kann man sich das vorstellen?
Elsa Kremser: Es gab natürlich ein Buch für die Finanzierung, da muss ja etliches festgehalten werden, aber während dem Dreh waren wir extrem weit weg vom Buch.
Nicole Vögele: Und dann waren wir einfach aber auch so unter Druck, von den Jahreszeiten her. Es wurde Januar, es wurde Februar und wir brauchten natürlich Nebel.

Bietigheimer Zeitung: Wo habt Ihr diesen Ort für Nebel denn gefunden?
Nicole Vögele: Es war Elsas Idee auf den Brocken im Harz zu fahren. Das soll der nebeligste Ort in Europa sein und dort haben wir losgelegt. Wir hatten zwar ein geschriebenes Konzept,  sind mit dem metereologischen Druck des Frühlings im Rücken mit der Kamera losgezogen. Wir haben dann einfach angefangen zu drehen.

Bietigheimer Zeitung: Die Menschen, die in den verschiedenen Situationen eine Rolle in „nebel“ spielen, haben Sie die bewusst angesprochen? Oder wie sind die Szenen entstanden?
Nicole Vögele: Per Zufall haben wir Menschen getroffen, die uns interessierten, die wir dann später im Jahr nochmals besucht haben und uns mit auf eine intuitive Reise genommen haben. Die Kamera zog natürlich auch die Aufmerksamkeit auf sich und die Leute haben uns dann angesprochen und gefragt: „Hey, was machen Sie denn hier“ und so ist man ins Gespräch gekommen.
Es gab diesen einen Nachmittag, an dem uns wirklich drei komische Gestalten vor die Linse gelaufen sind, die haben uns angesprochen und dann lief uns auch noch ein Fuchs über den Weg. Das war irgendwie der Tag schlecht hin.

Bietigheimer Zeitung: Und diese Leute haben einfach von sich aus angefangen über sich zu erzählen?
Elsa Kremser: Ja, die haben ganz frei erzählt und es war eine gewisse Spannung da, die wollten uns gerne Ihre Geschichte erzählen. Das war dann auch der Grund, warum wir sie später im Jahr nochmals besucht haben.
Nicole Vögele: Es waren alles drei einsame Jungs, ein lediger Pfleger auf einer Pferdefarm, der mit Frauen irgendwie nichts anfangen kann. Ein Sänger, der uns im Schneetreiben ein Lied vorgesungen hat, immer berühmt werden wollte, aber wichtiger wäre ihm endlich eine Frau zu finden. Und auch der dritte Mann hat was mit dem Kampf gegen Einsamkeit zu tun, er lebt seit kurzem auf einem Campingplatz, hat sein Haus verkauft und ist finanziell ruiniert. All diese Begegnungen fanden innerhalb von zwei Stunden statt. Wir haben zehn Tage am Brocken gedreht, aber die wichtigsten Begegnungen fanden in diesen zwei Stunden statt.

Bietigheimer Zeitung: Und wie lange dauerte der Filmdreh dann insgesamt?
Elsa Kremser: Insgesamt waren wir vier Monate unterwegs und einige Orte und Teile waren natürlich auch bewusst gewählt. Wie z.B. die Pudel.

Bietigheimer Zeitung: Pudel? Was hat es damit auf sich?
Nicole Vögele: In der Schweiz gibt es eine Sage, wo man den Nebel mit einem weißen Pudel vergleicht, der sich den Leuten auf den Kopf setzt und sie traurig macht. Da haben wir zum Beispiel gesagt, lass uns weiße Pudel drehen.

Bietigheimer Zeitung: Und was hat die Einsamkeit jetzt mit dem Heimatgefühl zu tun?
Nicole Vögele: Dass es wunderschön ist, wenn man echt ist und einen unverstellten Blick auf die Welt hat. Und das ist auch das, was der Film transportieren möchte, wo ist man echt im Leben? Jeder hat diese Sehnsucht in sich und jeder würde es anders benennen. Wir haben es ein Dröhnen genannt, das aber für jeden anders klingt. Die Leute, die diesen Film z.B. in der Schule schon gesehen haben, haben total unterschiedlich reagiert. Die einen haben geheult, weil er so traurig ist, andere haben gesagt: „Der ist doch aber voller Humor“. Jeder fühlt etwas anderes dabei.

Bietigheimer Zeitung: Wie kam es dann letztendlich dazu, dass Sie mit Ihrem Film auf der Berlinale sind?
Elsa Kremser: Eigentlich hatten wir damit gar nicht gerechnet. Letztendlich wird der Film eingereicht und sehr früh haben wir gesagt bekommen, dass das Auswahlkomitee den Film mag, dass es aber dauern kann bis sie sich entscheiden. Und kurz vor Weihnachten gab es dann die tolle Nachricht, dass sie unseren Film in der „Perspektive Deutsches Kino“ zeigen wollen.  Und das obwohl das Komitee noch über 2000 Filme nach unserem gesichtet hat. Das ist ein toller Moment gewesen.

Bietigheimer Zeitung: Was passiert jetzt noch die Tage bis zur Premiere?
Elsa Kremser: Ja, wir haben viele Termine, z.B. mit Vertriebsgesellschaften, die auf der Suche nach Filmen sind. Kontakte knüpfen eben. Es entstehen auch viele Freundschaften. Gerade im Dokumentarfilmbereich sind wir eher unter uns und man tauscht sich viel intensiver über die Arbeit aus. Und natürlich gucken wir Filme. Vor allem in der Sektion Forum, weil es dort die kleinen, leisen Filme gibt, die immer etwas Besonderes transportieren.