Notfallseelsorge Beistand über Grenzen hinweg

Sie absolvieren eine Ausbildung zum Interkulturellen Notfallseelsorger (von links): Hikmet Cinar, Devran Dogan und Habiba Jimale.
Sie absolvieren eine Ausbildung zum Interkulturellen Notfallseelsorger (von links): Hikmet Cinar, Devran Dogan und Habiba Jimale. © Foto: Martin Kalb
GÜNTHER JUNGNICKL 09.05.2016
17 Muslime aus sechs Ländern nehmen derzeit an einem Pilotprojekt des DRK-Landesverbands zur Ausbildung von interkulturellen Notfallseelsorgern in Ludwigsburg teil.

Devran Dogan (28) ist türkisch-kurdischer Herkunft, lebt aber seit seiner Geburt in Deutschland und studiert derzeit an der PH Ludwigsburg. Denn Devran will Lehrer werden. Neben dem Studium unterzieht er sich jetzt aber auch noch im Ludwigsburger Kulturzentrum einer Extra-Ausbildung zum Notfallseelsorger. Wie er drückt auch die hochaufgeschossene Habiba Jimele wieder die Schulbank. Sie ist verheiratet, arbeitet als Reinigungskraft, lebt erst seit 2002 in Deutschland und stammt eigentlich aus Somalia. "Es ist so viel zu lernen", sagt sie und verzieht dabei ein wenig das Gesicht. Aber sie ist fest entschlossen, die Prüfung im September 2017 zu bestehen.

So unterschiedlich die Herkunft der beiden ist, so eint sie eines: Sie sind Muslime. Und es ist noch relativ neu in Deutschland, dass es Versuche verschiedener DRK-Landesverbände gibt, die ehrenamtliche Notfallseelsorge auf eine breitere Basis zu stellen. "Schließlich leben wir in einem multikulturellen Land", sagt der langjährige Notfallseelsorger und Ausbilder Dietmar Hein vom DRK-Landesverband, und dem müsse man Rechnung tragen. Deshalb gibt es nun einen Pilotversuch für Baden-Württemberg, der beim Kreisverband in Ludwigsburg angesiedelt wurde. Die Kosen betragen 27 500 Euro, das Integrationsministerium schießt 19 500 Euro zu.

Hintergrund ist, dass bei Unfällen oder gar Katastrophen größeren Ausmaßes (wie etwa beim Amoklauf von Winnenden) geschockte direkt Betroffene oder ihre Angehörigen der deutschen Sprache nicht ganz mächtig sind. "Aber es ist ganz wichtig, dass man auch sprachlich in solchen Situationen differenziert auf sie eingehen kann", sagt Hein.

Dabei legt er Wert auf die Feststellung, dass es in solchen Fällen nicht eigentlich um seelsorgerischen Beistand, sondern um psychologische Hilfestellung geht. Zwar seien auch Pfarrer in der Notfallseelsorge tätig, aber viele Helfer seien Ehrenamtliche mit einer Spezialausbildung, erklärt Hein, der zusammen mit Pfarrer Ulrich Gratz den Pilotversuch leitet. Hein sagt dazu: "Denn wir machen die Basisarbeit und da reicht es nicht mit der Bibel unterm Arm aufzukreuzen."

Bei der Rekrutierung der künftigen ehrenamtlichen Notfallhelfer hat der Vorsitzende der Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg, Muhittin Soylu, geholfen. Er ist auch im Migrationsrat der Stadt Ludwigsburg aktiv und hat im Wesentlichen durch Mundpropaganda dazu beigetragen, dass der Pilotkurs so gut besucht wurde. Auf diese Weise erfuhr Habiba Jumele über ihre Stieftochter und Student Devran Dogan durch eine Kommilitonin von den Kursen in Ludwigsburg.

Was aber bewegt die Kursteilnehmer sich derart für Leidende zu engagieren? Am besten drückt das der deutsch-türkische Porsche-Industriemechaniker Hikmet Cinar in bestem Schwäbisch aus. "Ich möchte Menschen in Schwierigkeiten helfen, denn mir geht es gut und ich möchte der Gesellschaft etwas von dem wiedergeben, was sie für mich getan hat", sagt der im Land geborene und verheiratete Vater zweier Kinder.