Schlossfestspiele Begegnung der besonderen Art

Das Publikum war begeistert von Hans Magnus Enzensberger und dem Ensemble "Franui" bei den Schlossfestspielen.
Das Publikum war begeistert von Hans Magnus Enzensberger und dem Ensemble "Franui" bei den Schlossfestspielen. © Foto: Richard Dannenmann
Ludwigsburg / von Bettina Nowakowski 14.05.2018

Ausverkauft war der Ordenssaal im Ludwigsburger Residenzschloss am Samstagabend. Dichtgedrängt saß das Publikum, dichtgedrängt ging es auch auf der Bühne zu. Die zehnköpfige Musicbanda „Franui“ zählte bereits in der letzten Saison zu den Lieblingen der Schlossfestspiele. Das Ensemble bildete den musikalisch außergewöhnlichen Rahmen für einen der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und Intellektuellen Deutschlands: Der 88-jährige Hans Magnus Enzensberger rezitierte aus einem Querschnitt seines lyrischen Schaffens und bot einen Streifzug durch 60 Jahre Zeitgeschichte, die sich sowohl satirisch provozierend wie unterhaltsam präsentierte.

Enzensberger rezitierte nicht nur, er belebte seine Lyrik: spitzbübisch, selbstironisch, mit amüsiertem Lächeln und – man merkte es ihm an – viel Spaß und Freude an der gemeinsamen Performance mit „Franui“. Für Intendant Thomas Wördehoff sind es „sehr urbane Texte, die sehr gut zur eher ländlichen Musik von ,Franui’ passen und eine schöne Spannung erzeugen“. Hier fügte sich in der Tat zusammen, was augenscheinlich erst einmal gar nicht zusammen gehört: Kompositionen von Brahms, Schumann, Schubert und Mahler unterstrichen in ihrer von „Franui“ eigenwilliger wie kongenialer Interpretation zwischen Klassik und Volksmusik eindrucksvoll die Aussagekraft von Enzensbergers Lyrik. Gestenreich, in ständiger Ansprache zum Publikum, rezitierte dieser über Leben, Liebe und Tod, von Vergänglichkeit und Vergangenheit, gleichzeitig aber auch im Kontext des Zeitgeschehens mit einer bestechenden Aktualität zu heute.

Selbstironischer Enzensberger

Eines seiner bekanntesten Werke, „Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer“, mit dem ihm 1957 der Durchbruch gelang, kündigte Enzensberger selbstironisch mit einem „etwas Pathetisches aus den 50er Jahren“ an, um am Ende ein halb verlegenes, halb ironisches „na ja“ anzufügen. Das sagt viel über diesen besonderen Menschen aus, der es sehr wohl ernst meint, aber nicht alles ernst nimmt. Seinem Blick auf die „Alte Heimat“ geht ein süffisantes „Wir haben ja jetzt einen Heimatminister, jedenfalls in Bayern“ voraus.

Extra für diese Aufführung wurde von „Franui“ eines der bekanntesten Gedichte von Enzensberger vertont: Das „Lied von denen, auf die alles zutrifft und die alles schon wissen“ kommt mit Megaphon, Chor und Rezitation von Enzensberger besonders gut beim Publikum an. Und zeigte einmal mehr, dass die Verbindung von Literatur und Musik eine außergewöhnliche sein kann, selbst über Generationen hinweg.

Kennengelernt hatten sich „Franui“ und Enzensberger vor drei Jahren auf einem Festival in Detmold und dort nach dem Konzert beschlossen, etwas gemeinsam zu machen. Andreas Schett von „Franui“ hat aus einem Stapel von Büchern, die ihm Enzensberger mitgegeben hatte, Gedichte ausgewählt, die sich „sinnfällig mit unserer Musik ergänzen“. Das war mehr als gelungen und nach gut eineinhalb Stunden ohne Pause feierte das Publikum mit minutenlangem Applaus und einer Zugabe von „Franui“ diese Begegnung von literarischem Zeitgeschehen mit musikalischem Zeitgeist. „Vielen Dank für die Wolken“ an Hans Magnus Enzensberger.

Kleine, feine Ausstellung

Ergänzt wurde die Vorstellung mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung ausgewählter Werke von Hans Magnus Enzensberger. Darunter auch der Vorläufer seines „Landsberger Poesieautomaten“, der als Dauerleihgabe im Literaturmuseum der Moderne im Deutschen Literaturarchiv in Marbach steht, wo sich auch seit 2014 der Vorlass des Privatarchivs von Hans Magnus Enzensberger befindet. Teile davon sind in einer Dauerausstellung zu sehen.

www.dla-marbach.de