Die königlichen Gemächer im Nordteil des Ludwigsburger Residenzschlosses sind von August an Baustelle. Die Wiedereröffnung für Besucher war ein Jahr später, im März 2020, geplant. Doch am Dienstag hat die Schlossverwaltung bekanntgegeben, dass sich die Restaurierungsarbeiten um voraussichtlich drei Jahre hinauszögern werden.

„Spätestens im Sommer 2023 werden die Räume aber wieder komplett zugänglich sein“, sagte Michael Hörrmann, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg in einem Pressegespräch. Die Gründe seien erfreulicher Natur. Neue Erkenntnisse machten es möglich, die Räume in einen so ursprünglichen Zustand von vor 200 Jahren zu bringen, wie es die Experten zu Beginn „nicht in den kühnsten Träumen“ hätten ahnen können. Ludwigsburg werde wie kein anderes Residenzschloss in Europa zu einem echten Original – angefangen von der Möblierung bis hin zu den Textilien. Ludwigsburg werde zum Standard in Sachen Restaurierung, zeigte sich Hörrmann überzeugt.

Jahrelange Recherche

Die zuständige Konservatorin Patricia Peschel recherchiert seit einigen Jahren den Urzustand der repräsentativen Wohnräume von Königin Charlotte Mathilde und König Friedrich der I von Württemberg (die BZ berichtete). Ursprünglich lag der Schwerpunkt darauf, Möbelstücke an ihren angestammten Platz zu bringen. Bisher stehen sie wahllos verteilt im Schloss oder sind eingelagert in Magazinen. Mit Hilfe von Inventurlisten weiß sie inzwischen, „wo nahezu jeder Blumentopf stand“. 200 Objekte werden neu positioniert. Inzwischen liegt ihr Fokus auf den Textilien: Vorhänge, Polster und Stofftapeten. Viele sind durch Licht und Berührungen verblichen und zerschlissen. Auf den ersten Blick sind Muster und Webart nicht zu erkennen. Ursprünglich sollten zerstörte Teile mit Provisorien ersetzt werden.

Weitere Forschungen in den Archiven und neueste Technik helfen, aus Beschreibungen, einzelnen Textilfäden oder historischen Fotografien Rückschlüsse auf den Originalzustand zu ziehen. Auf einer Fotoplatte aus dem Jahr 1944 ist schemenhaft ein Vorhang zu erkennen. Davon wurde ein Duplikat in sehr hoher Auflösung hergestellt. Nunmehr ist darauf jedes Detail des Originalmusters wieder zu erkennen. Überraschend vieles der vergänglichen Textilien gehöre zur Originalausstattung der Königszeit, fanden die Konservatoren bei näherer Betrachtung heraus. Hörrmann bezeichnete solche Erkenntnisse „als einen Glücksfall“. Mit den Originalen und zahlreichen Nachwebungen könne die textile Gestaltung von vor 200 Jahren sehr exakt nachgebildet werden. Dafür seien Manufakturen beauftragt. Er versichert, dass trotz der zusätzlichen Arbeits- und Materialkosten das Budget von 4,6 Millionen Euro nicht überschritten werde.

60 Räume für Besucher gesperrt

Knapp 60 Räume sind während der Restaurierung nicht zugänglich. Den Schlossbesuchern werde Ersatz geboten, versicherte Schlossverwalter Stephan Hurst. So werden Räume geöffnet, die bislang im Verborgenen liegen. Beispielsweise wird die Tür des Schlafzimmers der Erbprinzessin Henriette Marie von 1730 geöffnet. Es ist ohne Möblierung, ansonsten aber im Originalzustand. Dieser bleibt vorerst so. „Außerdem wollen wir Menschen an der Restaurierung teilhaben lassen“, kündigte er an. So gebe es Baustellenbesichtigungen und Filme im Internet. Das dem Nordteil gegenüberliegende Schloss Favorite wird nach einer längeren Renovierungszeit vorzeitig im März kommenden Jahres mit einer Ausstellung und Werken des Malers Friedensreich Hundertwasser wiedereröffnet. „Die Besucher werden angesichts der Vielzahl der Räume gar nicht merken, dass bei der Führung etwas fehlt“, zeigte sich Hurst sicher.