Vortrag Angst vor dem Unbekannten

Der Umgang mit anderen Menschen fällt Julian nicht sonderlich leicht. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, Vorträge zu halten und zahlreiche Leute über den Autismus aufzuklären.  :
Der Umgang mit anderen Menschen fällt Julian nicht sonderlich leicht. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, Vorträge zu halten und zahlreiche Leute über den Autismus aufzuklären. : © Foto: Uwe Roth
Ludwigsburg / Von Uwe Roth 05.06.2018

Wie nimmt ein Autist die Welt wahr? Wie verhält er sich bei Begegnungen mit anderen Menschen? Darum ging es in dem Vortrag von Julian, der nicht möchte, dass sein Nachname genannt wird. Der Redner hat bereits zahlreiche Gastvorträge an Universitäten und Hochschule gehalten.

Ein Merkmal vieler Autisten ist, dass sie klug und gewählt sprechen können. Julian sagt dazu „professorale Sprache“ und grinst dabei verschmitzt. Der 26-Jährige war von Studierenden der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg eingeladen worden, um in der vergangenen Woche in einem großen Hörsaal vor sehr viel Publikum einen autobiografischen Vortrag zu halten, in dem seine spezielle Form des Autismus, das Asperger-Syndrom, im Mittelpunkt steht. Im Einführungsreferat vor seinem Auftritt stellte Markus Scholz von der Fakultät Sonderpädagogik klar, Autismus sei keine Krankheit oder geistige Behinderung. So könne keine genetische Veränderung wie bei der Trisomie 21 (Down-Syndrom) festgestellt werden.

„Autismus ist ein Konstrukt“, definierte der Dozent die Verhaltensform von Menschen, die sich nur schwer in der Welt zurechtfinden und Probleme in der sozialen Interaktion haben. Der Bevölkerungsanteil der Menschen, die an autistischen Störungen leiden, wird auf zwischen ein und zwei Prozent geschätzt. Julians Botschaft in seinem zweistündigen Vortrag war: Autisten sind so, wie sie sind. Man kann mit ihnen völlig normal umgehen. Autisten ihrerseits geben sich alle Mühe, mit ihrer Umgebung zurechtzukommen – sofern sie in ihrem Konstrukt nicht zu sehr gefangen sind.

Rhetorik ist seine Stärke

Menschen mit Asperger-Syndrom finden den Umgang mit anderen Menschen und den Aufbau von Beziehungen schwierig. Sie haben aber gute sprachliche Fähigkeiten. Julians Art zu reden und die Beschreibung seines Lebens decken sich mit der gängigen Definition seines Konstrukts. Die Kommunikation und Wahrnehmungsverarbeitung von Autisten unterscheiden sich von der nicht-autistischer Menschen.

Julian erfüllt alle Anforderungen eines guten Redners: Er bringt viel Inhalt verständlich an seine Zuhörer rüber, ist strukturiert, ehrlich, was seine Person betrifft, und dabei sehr kurzweilig. Die Studierenden, aber auch einige Gäste von außerhalb der PH hängen an seinen Lippen.

Julian verrät, dass Autisten Spezialgebiete haben, in die sie sich tief und mit allen Details, vor allem den zugehörigen Daten, einarbeiten. Sich in etwas besonders gut auszukennen, verschafft diesen Menschen Sicherheit. Das Spezialgebiet von Julian ist die Zeit des Nationalsozialismus. Darüber könnte er wahrscheinlich einen ebenso guten Vortrag halten. Niemand würde bei diesem neutralen Thema merken, wie sehr ihn das Asperger-Syndrom in seinem Leben behindert, wie er sagt.

Der Umgang mit Menschen

Auch im Hörsaal würden wenige sein Problem erkennen, wenn er nicht selbst auf seine Ticks hinweisen würde. Autisten leiden unter Zwänge. Er veranschaulicht das so: „Sie stehen auf einer Autobahnbrücke, darunter sechs Fahrspuren, und fühlen sich gezwungen, eine Stunde lang alle Autokennzeichen im Gedächtnis zu notieren.“

Wie kompliziert sein Umgang mit anderen Menschen ist, erläutert er am Beispiel seiner geliebten Oma, die vor einiger Zeit bei einem Unfall schwer verletzt wurde. „Mein erster Gedanke war, und wer kocht jetzt für mich?“ Den Mitmenschen auf seinen Nutzwert zu reduzieren, ist ein Verhalten, mit dem Autisten auf Unverständnis stoßen. Auf die Befindlichkeit eines anderen Menschen einzugehen, ist für ihn erst recht eine Herausforderung. Autisten fehlt die Eigenschaft, sich  auf eine Person einzulassen oder Empathie zu empfinden. Smalltalk geht gar nicht. Julian will von vorneherein wissen, über was man beim ersten Aufeinandertreffen sprechen kann. Deswegen mag er Titel.

Dieser Tick, sich auf Unbekanntes nicht einlassen zu können, sei für ihn das größte Hindernis, eine Frau anzusprechen. Er habe absolut keine Idee, wie er einen charmanten Dialog starten könne. Julian spricht auch über die Liebe in der Welt der Autisten. Eine Frau, die eine solche Herausforderung annehme, müsse mit vielen Charakteren in einer Person umgehen können. Auch habe er beschlossen, keine Kinder zu haben, weil er befürchte, die Störung genetisch weiterzugeben. Bahnfahren ist seine größte Leidenschaft. Er schaue aus dem Fenster eines ICE und höre über Kopfhörer  Technomusik. Wenn diese seine ständigen Gedanken in den Hintergrund dränge, komme er zur Ruhe.

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