Ludwigsburg Alltagssprache statt Floskeln

Frank Brettschneider. Foto: Uwe Roth
Frank Brettschneider. Foto: Uwe Roth © Foto: Uwe Roth
Uwe Roth 09.02.2018

Der Grünen-Kreisverband Ludwigsburg hat am Mittwoch seinen gut besuchten Neujahrsempfang im Staatsarchiv mit einer Lehrstunde über verständliche Sprache verknüpft. Dafür hatte der Kreisvorstand den Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim eingeladen.

 Der Professor verstand es auf amüsante Weise, seiner Zuhörerschaft mit typischen Fundstücken aus der unendlichen Sammlung nichtssagender Phrasen den Spiegel vorzuhalten. Wer hat beispielsweise noch nicht eine E-Mail mit der Floskel „Für Rückfragen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung“ beendet?

Brettschneider berichtete von einem Mann, der diese scheinbare Servicefreundlichkeit wörtlich nahm. „Er schrieb um drei Uhr morgens eine Mail, und wenn um sieben Uhr noch keine Antwort da war, schickte er eine Beschwerde.“

Der Kommunikationswissenschaftler mahnte, „gedankenlose Floskeln“ zu vermeiden und stattdessen näher an der Alltagssprache zu bleiben. „Wenn Sie Fragen haben, helfe ich gerne weiter“, wäre für ihn eine sprachfreundliche Alternative.

Software entwickelt

Brettschneider hat an seinem Institut für Kommunikationswissenschaft mit einer Fachfirma eine Lesbarkeitsformel entwickelt. Die Software wertet nach verschiedenen Parametern einen Text auf seine Verständlichkeit aus. Sie registriert Satzbau, die Länge der Wörter und Sätze, entdeckt komplizierte Fachbegriffe sowie weitere Stolperfallen, die einen den Text mehrmals lesen lassen, bevor man glaubt, ihn einigermaßen verstanden zu haben.

Aus dem Ergebnis berechnet die Software in wenigen Augenblicken einen Indexwert für die Verständlichkeit – den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Dieser reicht von 0 (völlig unverständlich) bis 20 (leichtverständlich). Den höchsten Wert mit etwa 16 erreichen nach seinen Untersuchungen Rundfunknachrichten, Pressemitteilungen von Banken kommen auf zehn sowie Bauanträge auf etwa fünf Punkte auf der Verständlichkeitsskala. Grundsätzlich könne die Software jeden Text überprüfen, befand er.

„Dabei geht es um eine formale Verständlichkeit, nicht um Inhalte“, stellte er klar, als er davon berichtete, dass Wahlprogramme der Parteien nach der Softwareanalyse meistens Werte um magere zehn erreichen, also nur halb verstanden werden.

Einleitung uns Schlusswort

Er habe festgestellt, dass die Einleitung und das Schlusswort meistens bessere Werte erreichen, weil sie von den PR-Leuten geschrieben werden, als die Texte dazwischen.

Diese kämen von den Mitgliedern der Fachausschüsse, die nach seiner Beobachtung oftmals kein Gespür davon haben, wie weit weg sie von der Alltagssprache seien. Nicht selten sei Unverständlichkeit gewollt, vor allem, wenn Leser den Inhalt nicht oder nur ungefähr verstehen sollen. In der Universität Hohenheim ist auf Initiative seines Instituts ein Klartext-Siegel eingeführt worden. Es wird erteilt, wenn ein Text einen Indexwert von mindestens zehn erreicht. Das habe zu einem regelrechten Wettbewerb geführt, berichtete Brettschneider. Insgesamt sei die Kommunikation der Uni dadurch besser geworden. Seine Mitarbeiter sind auch außerhalb des Unibetriebs unterwegs und lassen regelmäßig die Reden von Konzernvorständen analysieren und in einer Wirtschaftszeitung veröffentlichen, die sie bei den Hauptversammlungen halten.

Seit es diese Rangliste gibt, habe sich das Niveau verbessert. „Vorstände wollen mit ihrer Rede nicht im Rankingkeller landen. Dafür sind sie zu eitel“, stellte der Kommunikationswissenschaftler fest.

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