Ludwigsburg „Teilhabe kostet Mut“

 EUTB-Beraterin Claudia Lychacz zeigt dem CDU-Bundesabgeordneten und Staatssekretär Steffen Bilger ihren Arbeitsplatz. Blindenhund Rover weicht nicht von ihrer Seite.
 EUTB-Beraterin Claudia Lychacz zeigt dem CDU-Bundesabgeordneten und Staatssekretär Steffen Bilger ihren Arbeitsplatz. Blindenhund Rover weicht nicht von ihrer Seite. © Foto: Richard Dannenmann
Von Ifigenia Stogios 02.10.2018

Ein junger Mann ist mitten im Jura-Studium schwer erkrankt, es steht noch nicht fest, wie lange er noch zu leben hat und er ist plötzlich erblindet. Gleichzeitig verweigert der Chef einer Sehbehinderten den Zutritt ihres Blindenhundes in den Betrieb. Das könnten Drehbuchszenarios sein, sind sie aber nicht. Das sind reale Fälle, von denen Beraterin Claudia Lychacz berichtet und die sie unterstützend begleitet. Sie arbeitet bei der „Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) im Sozialunternehmen „Neue Arbeit“ in Ludwigsburg. Die Beratungsstelle wurde für Menschen mit Behinderung sowie deren Angehörige geschaffen. Bundesweit gibt es 400 solche Beratungsstellen, die kostenlos helfen. Die Berater motivieren ihre Kunden selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen. Ein weiteres Ziel ist es, sie zu motivieren, mehr am Leben teilzunehmen. „Teilhabe ist ein lebenslanger Prozess und kostet Mut“, weiß Lychacz.

Seit März gibt es die Beratungsstelle in Ludwigsburg. Laut EUTB sind im Kreis 7 bis 9 Prozent der Bevölkerung schwerbehindert. Das Projekt am Standort Ludwigsburg wird mit Bundesmitteln in Höhe von rund 580 000 Euro voraussichtlich bis 2020 finanziert. „Es ist gut angelegtes Geld. In unserer Region, wo es so viel Wohlstand gibt, darf man nicht vergessen, dass es auch Leute gibt, die Unterstützung brauchen“, findet der CDU-Bundesabgeordneter und Staatssekretär Steffen Bilger. Er besuchte die Beratungsstelle am Montag. Was EUTB von anderen Beratungsstellen unterscheidet, ist, dass Menschen mit Behinderung Behinderte beraten. Lychacz selbst ist von einer schweren Sehbehinderung betroffen und kann sich daher in die alltäglichen Probleme anderer Menschen mit Behinderung gut hineinversetzen. Sie habe unzählige Behördengänge hinter sich, erzählt sie.

Außerdem richtet sich die Beratungsstelle an Menschen mit unterschiedlichem Behinderungsgrad und verschiedenen Beeinträchtigungen. „Wir sind eine Beratungsstelle für alle, haben eine Multiplikator-Funktion“, sagt Fachbereichsleiter Klaus Bröckl. Die vielseitigen Problemfelder - so könnte man meinen - stellen für das vierköpfige EUTB-Team eine große Herausforderung dar. „Wir haben viele Kooperationspartner“, sagt Bröckl. Möchte sich beispielsweise ein Autist, der unter dem Asperger Syndrom leidet, Rat holen, fährt Lychacz sogar eigens nach Reutlingen, um sich mit Autismus-Fachleuten auszutauschen. So kann für jeden die passende Unterstützung eingeholt werden. „Auch Hausbesuche kommen in Frage“, so Bröckl. Doch nicht jeder traut sich zur Beratungsstelle. Lychacz berichtet von einer „riesigen Hemmschwelle“. Einige hätten andere Hilfssysteme durchlaufen und seien frustriert. „Es dauert eine gewisse Zeit bis sie ankommen. Und manche brauchen auch ein paar Taschentücher“, verrät Lychacz.

Das Leben in die Hand nehmen

Ob online, telefonisch oder vor Ort: „Die Menschen dürfen sich entscheiden, wie wir sie beraten“, sagt Lychacz. „Wir dienen als emotionale Sicherheitsbasis.“ Trotzdem achtet die Beraterin darauf, dass die Behinderten ihr Leben selbst in die Hand nehmen. „Ich kann ihnen Hinweise geben, aber nicht Entscheidungen für sie treffen“, fasst sie zusammen. Allein das, sei für einige Betroffene zu Beginn eine Überraschung gewesen, denn bisher seien sie es gewohnt, dass andere für sie Entscheidungen treffen.

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