Ludwigsburg „Stillen sollte kein Tabu-Thema sein“

Für viele gehört das Stillen eines Babys nicht in die Öffentlichkeit. In Ludwigsburg soll eine Initiative das Thema wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen.
Für viele gehört das Stillen eines Babys nicht in die Öffentlichkeit. In Ludwigsburg soll eine Initiative das Thema wieder in die Mitte der Gesellschaft bringen. © Foto: Diakonie
Ludwigsburg / Heidi Vogelhuber 09.08.2018

Mitte Juli präsentierte das Model Mara Martin auf dem Laufsteg der „Sports Illustrated“-Modenschau einen sexy gold-glitzernden Bikini – während sie ihre fünf Monate alte Tochter Aria an ihre Brust hielt und stillte. Damit löste das 30-jährige Model eine große Diskussion aus. Wo ist es angebracht zu Stillen? Stillen in der Öffentlichkeit ist immer noch ein Tabu-Thema und das nicht nur in Amerika.

Die Stadt Ludwigsburg hat seit 2015 einen neuen Fachbereich für Sport und Gesundheit, der sich auch um Anfragen aus der Bevölkerung rund um die Gesundheit kümmern soll. „Es sind Hebammen auf uns zugekommen. Sie forderten, das Stillen wieder in die Mitte der Gesellschaft zu bringen“, sagt Raphael Dahlar, der Fachbereichsleiter. Um dieser Bitte, die Unsicherheiten der stillenden Mütter abzubauen, nachzugehen, setzte sich Dahlar mit seiner Kollegin Christine Schmidt sowie dem Hebammen-Verband Baden-Württemberg zusammen. Heraus kam ein Flyer „Babyfreundliches Ludwigsburg“, der rund 60 Lokalitäten auflistet, die per Kreuzchen freiwillig angeben können, ob bei ihnen „Stillen in allen Bereichen“, „Stillen in einem separaten Raum“ sowie „Wickeln in einem separaten Raum“ möglich ist. Teilnehmende Gastronomen, Geschäfte und Einrichtungen haben daraufhin eine Plakette bekommen, die ein Piktogramm einer stillenden Frau ziert. Dieser Aufkleber wird dann gut sichtbar angebracht.

Wickelmöglichkeiten erkennen

Dass es für Mütter hilfreich ist, auf den ersten Blick zu sehen, wo sie ihr Kind wickeln können, ist einleuchtend. Die Angabe, wo das Stillen des Kindes erlaubt ist, scheint überflüssig. Sollte es denn nicht normal sein, das Kind füttern zu dürfen? „Natürlich sollte es überall normal sein. Es ist auch normal, zu fragen, ob es einen separaten Stillraum oder eine ruhige Ecke für Mütter gibt“, antwortet Dahlar auf Anfrage der BZ. Er vergleicht das mit der Initiative „Notinsel“ und den Plaketten, die Kindern von Weitem signalisieren sollen, dass sie willkommen sind und Hilfe bekommen. So müsse man das bei den stillfreundlichen Plaketten auch sehen. „Viele Frauen sind verunsichert, wo sie sich zum Stillen hinsetzen dürfen, ohne vertrieben zu werden. Sie sollen sich willkommen fühlen“, erklärt Schmidt.

Frauen wurden verscheucht

Die Vorsitzende des Baden-Württembergischen Hebammen-Verbands, Jutta Eichenauer, berichtet von Fällen in Stuttgart: „Die Frauen wurden aus den Cafés geschmissen“, so Eichenauer. Im Kreis Ludwigsburg sei ihr kein solcher Fall bekannt. „Für viele Frauen ist es aber auch einfach nicht selbstverständlich in der Öffentlichkeit zu stillen oder auch nur nach Rückzugsorten zu fragen“, ergänzt die Vorsitzende. Ein Positivbeispiel sei Schweden, wo das Thema sehr offen gehandhabt werde. Scham spiele in Deutschland aber noch eine große Rolle. Deshalb sehe sie die Initiative „Babyfreundliches Ludwigsburg“ sehr positiv. In Baden-Württemberg sei die Barockstadt neben Schwäbisch Hall und Crailsheim die einzige Stadt mit den babyfreundlichen Plaketten.

Fehlende Akzeptanz in der Gesellschaft sowie falsche Scham seien Gründe dafür, dass viele Frauen, gerade junge Mütter, früh mit dem Stillen aufhören und auf Muttermilchersatznahrung umsteigen. „Oft wird nach nur sechs Wochen abgestillt“, gibt Eichenauer zu bedenken. Dabei sei Muttermilch die adäquateste Ernährungsart für Babys. Um das Stillen wieder mehr ins Gedächtnis zu rufen, beteiligt sich Ludwigsburg seit 2016 an der Weltstillwoche. „Letztes Jahr haben wir einen Foto-Wettbewerb auf die Beine gestellt“, berichtet Christine Schmidt. Stillende Frauen konnten Fotos von sich einsenden, die sie beim Stillen an ihrem Lieblingsort zeigten. Auch in diesem Jahr wird die Weltstillwoche vom 1. bis 7. Oktober durchgeführt, und steht unter dem Motto „Stillen: Basis für das Leben“. Der Fachbereich Sport und Gesundheit hat dabei erneut mit dem Hebammen-Verband zusammengearbeitet. „Stillen ist eine wichtige Sache und sollte kein Tabu-Thema sein, denn es hat Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes“, sagt der Fachbereichsleiter.

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