Ein Tonstudio, das ist ein kastenförmiger Raum, schalldicht, ohne Tageslicht. Auf einer Seite trennt nur eine Glasscheibe das Tonstudio von einem kleinen Kabuff, in dem ein Mann vor einem Mikrofon sitzt und unzählige Knöpfe drückt. Wer allerdings in das Ludwigsburger Tonstudio von Jörg Orlamünder geht, betritt einen Wohnraum mit Küche, Bad und einem Esstisch, an dem mehr als sechs Personen Platz nehmen können. Aus diesem geräumigen Eingangsbereich führen mehrere Türen, dahinter verbergen sich Arbeits- und Spielzimmer.

Jörg Orlamünder ist Produzent, Musiker und Geschäftsführer seiner Firma „JAMusic“. Am Rande von Eglosheim betreibt er zwei Studios auf 380 Quadratmetern Fläche. Im größeren der beiden Studios gibt es zwei Aufnahmeräume, einen „in dem es richtig laut wird“, wie der Produzent erzählt. Etliches Equipment und Instrumente lassen das erahnen, der angrenzende und durch eine Tür abgeriegelte Raum für Verstärker lässt unbedingt darauf schließen. Am winzigen Technikraum vorbei geht es bei einem Rundgang durch das Studio durch die Schaltzentrale. Dort steht unter anderem das riesige Mischpult. Über einen Bildschirm kann Orlamünder jederzeit in die Aufnahmeräume schauen, wie ein Detektiv mit Überwachungskamera. Nebenan befindet sich eine Keyboard-Spielwiese. Einige unterschiedliche, zum Teil frisierte, Tasteninstrumente ermöglichen allerlei Experimente. Der andere Aufnahmeraum ist mit 48 Quadratmetern noch geräumiger. Hier steht ein fast 120 Jahre alter Flügel – der manchmal mit einer riesigen Plane abgedeckt werden muss, damit die Saiten bei einer Aufnahme ohne das Tasteninstrument nicht mitschwingen. Im ganzen Studio verteilen sich mehr als 20 Gitarren.

Es ist das Instrument, das Jörg Orlamünder auch selbst oft und gerne zur Hand nimmt. Zur Musik kam er allerdings zunächst über das Schlagzeug, auf dem hat er in jungen Jahren „geübt wie ein Wahnsinniger“, erinnert sich der 49-Jährige, „wo es eine Steckdose gab, habe ich gespielt.“ Relativ bald habe er mit Profis zusammen gearbeitet.

Nach einer Lehre zum Offsetdrucker hängte er ein Druckereitechnik-Studium dran. Doch nachdem er hobbymäßig Demos von eigenen Songs aufgenommen hatte und immer mehr Leute in seinem Bekanntenkreis ihn baten, dasselbe für sie zu tun, sei eines zum anderen gekommen, erzählt Orlamünder. 1996 mietete er Räume in der Ludwigsburger Seestraße und gründete seine Firma „JAMusic“, 2007 zog er in die aktuellen Räumlichkeiten um. Damals stand es auf der Kippe: Weitermachen wie bisher oder aufhören. Orlamünder entschied sich: Weitermachen, aber nicht wie bisher.

Der aufstrebende Produzent schlachtete sein Sparschwein und kaufte sich ein Mischpult, das „AMS Neve – Libra Post“  – „einen Rolls Royce mit goldenem Lenkrad“, wie er für technische Laien übersetzt. Und dann kaufte er die passenden Mikrofone zum Mischpult. Dann die passenden Boxen. Dann noch ein Mischpult, und noch eins, und noch eins, und noch eins. Fünf Stück hat Orlamünder inzwischen. Auch an entsprechendem Equipment und Zubehör kommt nach und nach mehr dazu. „Das ist ein bisschen wie bei einer Modelleisenbahn“, findet der Schwabe, der in Remseck wohnt. Zumindest, wenn er daheim ist. Die Studioräume sind nämlich so etwas wie sein zweites Zuhause.

Von einem Nine-to-Five-Job ist das Produzent-Sein so weit entfernt wie Operngesang von Heavy Metal. Wenn die Musiker das Studio verlassen haben, sitzt Orlamünder oft noch stundenlang bis tief in die Nacht da und experimentiert mit den Aufnahmen. Da die Räumlichkeiten über alles zum Leben Notwendige verfügen, sei es keine Seltenheit, dass seine Frau ins Studio komme und dort gekocht und gegessen werde. Und noch einen Vorteil gibt es: Wenn Orlamünder selbst auf die Pauke hauen will, kann er das auch nachts um vier tun. Denn die Nachbarn seien seiner Auskunft nach ausschließlich Gewerbetreibende und nachts nicht vor Ort.

Arbeit mit Kriwanek

An einer kompletten CD arbeitet der Profi zwischen zehn und zwölf Wochen. Wenn ein Künstler wiederkommt, geht es unter Umständen schneller. Zu den Wiederholungstätern gehörte zum Beispiel Wolle Kriwanek. Mit ihm hat Jörg Orlamünder für ein Formel-1-Rennteam den Titelsong „Silver Arrow“ aufgenommen – und Kinderlieder auf Englisch. Letzteres sei nicht nur am kommerziellen Erfolg gemessen „eines der besten Dinge“, die er überhaupt gemacht habe. Alleine diese beiden Produktionen zeigen, dass „JAMusic“ nicht auf einen konkreten Stil festgelegt ist. Orlamünder selbst kommt aus dem Rock/Pop-Bereich, kein Wunder also, dass er befindet: „Mein Zeug hat ziemlich Dampf.“ Für den Deutschen Schallplattenpreis nominiert war er aber mit finnischem Tango. Direkt davor beziehungsweise danach hat er Fun Punk, New Metal und Zigeunerjazz aufgenommen.

Am liebsten unkonventionell

Vor zehn Jahren hat er einen Abstecher zum Film gewagt und hierfür das Sounddesign übernommen. Am liebsten aber mag der selbsternannte „Pop-Fuzzi“ Unkonventionelles. Ganz aktuell: indischer Hip-Hop. Eines Tages seien zwei Inder – „tipptopp rausgeputzt mit Turban“ – vor seiner Tür aufgetaucht. Er habe sofort gewusst, dass die beiden Potenzial hätten. Allerdings müsse man sich immer bewusst sein, für welchen Markt man etwas erstelle, und ob es diesen überhaupt gebe. Dass nicht jede viel versprechende Idee auch viel hält, ist naheliegend. „Das gibt es ständig“, bestätigt Jörg Orlamünder, der auf über 20 Jahre Berufspraxis zurückblicken kann, „gute Leute, gute Songs, die aber vom Business klein gemahlen werden und die den Vermarktungsschritt nicht packen.“ Momentan arbeitet Orlamünder mit einem der beiden Inder an einer Platte.

Oftmals seien es Gespräche zwischen ihm und den Musikern, die dazu führten, „dass es anfängt zu schwingen. Und dann geht es ab“, erzählt der Profi. Damit es soweit kommen kann, muss er hin und wieder die musikalische Ebene verlassen: „Eine Produzententätigkeit findet musikalisch und technisch, aber vor allem menschlich statt. Man braucht ein Gespür fürs Drumrum. Manche Probleme kann man nicht auf musikalischer Ebene lösen.“ Es gebe immer wieder Menschen, die hereinkämen, einen Plan hätten und meinten zu wissen, wie alles ablaufen werde, erzählt Orlamünder und stellt klar: „Ich arbeite mit keiner Gruppe gleich.“ Nicht, um Ödnis im Produzentenalltag zu umgehen, sondern, weil jede Formation ihre eigene Vorgehens- und Umgangsweise brauche: „Wenn man jemanden nicht in seinen Aggregatzustand bringt, wird es keine gute CD.“

Kein Talkback-Knopf

Gegenseitige Offenheit gehört für Orlamünder zur Grundvoraussetzung, weswegen er den klassischen Talkback-Knopf aus seiner Arbeitswelt verbannt hat. Normalerweise können sich Musiker und Produzent nur bei gedrücktem Knopf hören. Das ermöglicht Unterhaltungen im Regieraum, während die Künstler musizieren. Genau darin sieht Orlamünder das Problem. Ein Vertrauensverhältnis werde schwieriger, wenn der Musiker nicht ausschließen könne, dass anwesende Personen im Nebenraum lästerten. Orlamünder will Transparenz – im Sinne eines bedachten, disziplinierten und respektvollen Umgangs: „Wenn alles zusammenpasst, dann kann man Welten erschaffen, in denen ein Moment glänzt.“