Nach Jahrzehnten des Schweigens kommt Licht in die Vorgänge im katholischen Kinderheim Sankt Josef in Hoheneck. Ex-Heimkinder berichten von Gewalt und Lieblosigkeit. Florian Straus leitet seit 1983 das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München. Er hat die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule und am Kloster Ettal betreut und erklärt im Interview, wie die Aufklärung gestaltet wird.

Herr Straus, Sie sind vom Schwesternorden beauftragt worden, wie läuft das Verfahren?

Florian Straus: Bislang haben sich 15 ehemalige Heimkinder gemeldet. Wir verlängern die Frist noch einmal um eine Woche bis zum 17. Mai. Aber natürlich werden auch Zeugen, die sich später noch melden, angehört. In einen zweiten Schritt führen wir zwei- bis dreistündige Interviews mit den Betroffenen, natürlich unter dem vollen Schutz der Anonymität. Zudem machen wir eine Aktenanalyse.

Gibt es schon erste Erkenntnisse?

Die Interviews mit Zeugen sind noch nicht abgeschlossen und ausgewertet. Aber es gibt jetzt schon Hinweise, dass die Vorwürfe der Heimkinder nicht zum ersten Mal thematisiert worden sind. Es hätte für Orden und katholische Kirche früher die Möglichkeit gegeben, die Vorgänge öffentlich zu machen, dies wurde nicht genutzt. Auch staatliche Stellen hätten die Chance gehabt, etwas zu ändern.

Kooperiert der Schwesternorden, dürfen die früheren Heimschwestern reden?

Ich gehe davon aus, dass die Bereitschaft dazu vorhanden ist und dass man uns den Zugang zu solchen Gesprächen erleichtert. Die Arbeit im Kloster Ettal sollte hier Vorbild sein. Der Abt hat seinen Brüdern deutlich gemacht: Jeder muss für die Aufklärung zur Verfügung stehen.

Können Sie schon einschätzen, ob an den Vorwürfen der Heimkinder etwas dran ist?

Wir müssen uns die Umstände im Detail erzählen lassen. Es gibt aber viele übereinstimmende Berichte, in denen die genannten Vorgänge bestätigt werden. Sie passen in das Muster, das in den Berichten der Heimkinderstudien der Bundesländer erkennbar ist: Gewalt und Demütigung waren in vielen Heimen Alltag.

Oft wird von einer erzwungenen Distanz zwischen Schwestern und Kindern erzählt.

Hinter dieser oft genannten Lieblosigkeit steht möglicherweise eine Form von seelischer Vernachlässigung, die selbst ohne physische und sexuelle Gewalt eine nachhaltige Wirkung erzeugt hat. Das ist auch ein Ergebnis unserer Heimkinderstudien: Die Vernachlässigung kann genauso wie körperliche oder sexuelle Gewalt mit gravierenden und schädigenden Folgen für die Opfer verknüpft sein.

Sexueller Missbrauch war kein Thema?

Wir haben dazu bislang keinen Hinweis. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn so etwas bekannt würde. Es gibt immer wieder Berichte, dass es in Nonnenklöstern zu Übergriffen gekommen ist.

Ist die Wahrscheinlichkeit in katholischen oder kirchlichen Einrichtungen höher gewesen, Opfer von Gewalt zu werden?

Nein. Aber dass diese Fälle häufiger vertuscht wurden und es innerkirchliche Regeln gab, um Aufklärung zu verhindern, ist ganz offensichtlich. Täter wurden nur versetzt, nicht aber verlässlich aus dem pädagogischen Kontext entfernt. Am Versetzungsort gab es nicht selten dann die nächsten Missbrauchsfälle.

Warum werden solche Vorwürfe wie in Hoheneck erst nach 30 oder 40 Jahren laut?

Darauf gibt es vielschichtige Antworten. Eine ist, dass vor 15 oder 20 Jahren den ehemaligen Heimkindern schlicht nicht geglaubt wurde. Die Träger der Einrichtungen haben sich lange gegen die Vorstellung gewehrt, dass es sich bei den sogenannten „strengen Erziehungsmethoden“ um systematische Gewalt handelte. Deswegen war es für die ehemaligen Bewohner früher sehr schwierig, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Ihnen wurde schlicht nicht geglaubt, nicht einmal in der eigenen Familie oder im privaten Bekanntenkreis.

Oft hört man das Argument: Ein paar Ohrfeigen waren in den 60er- und 70er-Jahren normal – warum also die Aufregung?

Genau das ist das Problem, man hat Berichte der Heimkinder als Zeitphänomen abgetan. Hinter solchen Sprüchen haben sich sadistisch geprägte Erzieher immer versteckt. Natürlich muss das erziehungshistorisch eingeordnet werden. Das erklärt jedoch nicht die massive und dauerhafte Präsenz von Gewalt. Diese war nicht üblich und sie war zu keiner Zeit gerechtfertigt. Sie wurde von den Opfern als demütigend empfunden. Es hat 30 Jahre gedauert, bis sich der Bundestag endlich bei den Heimopfern entschuldigt und einen Entschädigungsfonds aufgelegt hat.

Warum gibt es so unterschiedliche Schilderungen? Die einen berichten von Gewalt, die anderen von einer unbeschwerten Kindheit.

Das rührt daher, dass das Verhältnis von Erziehern und Kindern unterschiedlich war. An der Odenwaldschule konnte einer der Hauptschuldigen, Gerold Becker, sehr empathisch sein und galt unter den Schülern als einer, der zuhört. Heute wissen wir, dass das Täterstrategie war. Manche Kinder behalten dies prägend in Erinnerung und blenden die Misshandlung aus. Andere wurden verschont. Es gibt zudem Wahrnehmungsverzerrungen. Der Abt von Ettal zum Beispiel war selbst als Heimkind Opfer – und erinnerte sich nicht.

Werden im Rückblick auch die Erinnerungen umgedeutet und schöngefärbt?

Wir kennen das von anderen Gewalterfahrungen, etwa bei prügelnden Ehemännern: Der Täter entschuldigt sich nach einer Gewalthandlung und versichert, dass es nie wieder vorkommt. Das Opfer erinnert sich primär daran oder an schöne Momente – und verdrängt die erfahrene Gewalt. Bis diese erneut stattfindet. Es gehört zur Aufarbeitung dazu, dass die Betroffenen lernen, unterschiedliche Wahrnehmungen zu akzeptieren. Ohne dass dies die Gewalthandlungen entschuldigt.

Sind auch Entschädigungen denkbar?

Ja, vor allem bei denen, die sich nicht im Rahmen des Heimkinder-Fonds gemeldet haben. In Baden-Württemberg war das nur bis 2014 möglich. Hier muss übrigens die Politik handeln, damit die Heimkinder nicht das Gefühl bekommen, wieder vergessen zu werden. Das entbindet die Träger der Heime aber nicht von ihrer Verantwortung, selbst aktiv zu werden.

Was ist noch möglich jenseits von Geldzahlungen an die Opfer?

Im Kloster Ettal haben wir vorgeschlagen, dass ein Mahnmal errichtet wird. Von den Hohenecker Heimkindern ist der Wunsch nach einer Aussprache mit den Ordensschwestern geäußert worden. Dazu gibt es einen Termin Ende Mai, den wir als IPP begleiten werden. Von Versöhnung würde ich dabei nicht sprechen, denn die seelischen Verletzungen können nicht geheilt werden. Aber eine ernst gemeinte Entschuldigung kann den Opfern helfen.

Anlaufstelle für Heimkinder


Alle ehemaligen Heimkinder, Mitarbeiter und Zeugen sollen sich bis Freitag, 17. Mai, bei der Anlaufstelle des IPP-Instituts melden unter Telefon (0162) 5 82 14 73, montags und freitags von 10 bis 12 Uhr und Dienstag bis Donnerstag von 17 Uhr bis 19 Uhr. Oder per E-Mail an: josefsheim@ipp-muenchen.de. bin

Zur Person Florian Straus


Florian Straus ist Jahrgang 1952, er hat in München Soziologie, Philosophie und Psychologie studiert und über Sozialpsychologie promoviert. Er hat zahlreiche Studien veröffentlicht und unter anderem den Abschlussbericht der Heimkinderstudie in Bayern verfasst. bin