Heidenheim / Klaus Dammann  Uhr
„Der Fall Collini“ zeigt ein hochspannendes Gerichtsdrama um einen historischen Skandal.

Die Figuren und die Handlung sind von Romanautor Ferdinand von Schirach erdacht, der skandalöse Hintergrund ist dagegen ein Stück deutscher Rechtsgeschichte. Marco Kreuzpaintner verfilmte das Buch als packendes Gerichtsdrama, nüchtern und doch mit Leidenschaft: intelligent, anspruchsvoll und stringent inszeniert.

Scheinbar ohne Motiv und kaltblütig ermordet der im Ruhestand befindliche Italiener Fabrizio Collini im Jahr 2001 in Berlin den deutschen Großindustriellen Jean-Baptiste Meyer. Collini lässt sich festnehmen, verweigert aber jede Aussage. Der junge Anwalt Leinen (Elyas M’Barek) wird zum Pflichtverteidiger des Mordverdächtigen berufen. Kurz vor Prozessbeginn erfährt er, dass er den Toten unter anderem Vornamen kannte, als Kind in dessen Haushalt aufgewachsen ist und später mit der Enkelin (Alexandra Maria Lara) liiert war. Leinen macht sich auf die Suche nach einem Motiv für das Verbrechen.

Mit Rückblenden und verschiedenen Zeitebenen rollt der Regisseur die Geschichte um Familiengeheimnisse und Tragödien vor dem Hintergrund des Indizienprozesses auf. Nicht immer bleibt er dabei ganz klischeefrei mit einer unterschwellig integrierten moralischen Instanz oder einer Würdigung juristischer Ethik, doch bewegt er sich mit der Erzählstruktur sicher durch die im Mittelpunkt stehende Grauzone zwischen Justiz und Gerechtigkeit.

Wesentlicher Aspekt in der wendungsreichen Handlung ist die Frage nach Schuld und Sühne. Zentral wird dieses Thema aber vor dem Hintergrund einer in Deutschland einst geschaffenen und praktizierten gesetzlichen Grundlage – durch von Schirachs Roman und jetzt Kreuzpaintners Film der heutigen Vergessenheit entrissen.

Und auch darstellerisch ist „Der Fall Collini“ ein Beispiel für ausgezeichnetes deutsches Kino. Neben M’Barek, der hier endlich einmal Profil jenseits von „Fack ju Göhte“ beweisen darf und sich ein exzellentes Psycho-Duell mit einem fast dämonisch agierenden Heiner Lauterbach liefert, fasziniert besonders Collini-Darsteller Franco Nero. Einst als Django berühmt geworden, ist sein Auftritt trotz wenig Dialogs ein cineastisches Monument.

Kino-Center, ab 12

Außerdem neu im Kino

Lloronas Fluch

Der Horrorthriller ist lose mit dem „Conjuring“-Universum verbunden. Jugendamt-Mitarbeiterin Anna stellt aktuelle Parallelen zwischen einer Mutter mit ihren beiden Kindern und einer jahrhundertealten Geschichte fest. Nachdem die Jungen tot gefunden wurden, kommt es in Annas Familie zu unheimlichen Ereignissen (auch englische Fassung; Kino-Center, ab 16).

Kirschblüten und Dämonen

Die deutsche Regisseurin Doris Dörrie setzt ihren Film „Kirschblüten – Hanami“ von 2008 fort. Der Sohn des damaligen Protagonisten sucht in Japan nach Erleuchtung (Kulturfilm im Kino-Center, ab 12).

Wenn du König wärst

Britisches Familiendrama, das die klassische Artus-Legende aufgreift und in eine moderne Jugend-Geschichte umwandelt (Kino-Center, ab 6).

Die sagenhaften Vier

Ebenfalls Neuversion eines Klassikers: das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten als moderner Animationsfilm (Capitol, ab 0).