Heidenheim Zwischen dem Leben als Frau oder Mann

In der Heidenheimer Kiva-Bar entstand auch das Musikvideo von Kadir Göktas, das auf Youtube zu sehen ist.
In der Heidenheimer Kiva-Bar entstand auch das Musikvideo von Kadir Göktas, das auf Youtube zu sehen ist. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Manuela Wolf 10.12.2018
Der transsexuelle Rapper Kadir Göktas hat das Video „Sunnyboy“ im Internet veröffentlicht und wartet auf seine Geschlechtsumwandlung.

Goldkette, Bart, die Schultern breit wie ein Bär: Kadir Göktas ist ein ganzer Kerl, wie man so schön sagt. Im Musikvideo zu „Sunnyboy“, das ihm der hiesige Musiker und Produzent Peaaal alias Marvin Plachtzik mit viel Aufwand gekonnt auf den Leib geschneidert hat, kostet er diese Rolle voll aus. Hübsche Mädels im Arm und noble Karossen vor der Tür, Status trifft auf Lässigkeit, der Text lässt den Proleten erahnen, die Melodie ist eindringlich und bleibt im Ohr. Beim Dreh konnte er für ein paar Stunden das sein, was so viele Männer in seinem Alter gerne wären – ein Promi und Frauenschwarm.

Das Spiel mit der eigenen Identität und deren Außenwirkung ist dem 18-Jährigen nicht fremd. Allerdings spielt er nicht aus freien Stücken mit, sondern aus einer inneren Not heraus.

Kadir wollte nicht Kadriye sein

Schon im Kindergartenalter merkte er, dass er nicht Kadriye sein wollte, die Stolze, wie die Eltern ihre süße Tochter genannt hatten. Er wollte ein Junge sein. Ein Leidensweg begann, der bis dato kein Ende genommen hat. Beispiel Schule: Welche Umkleidekabine, welche Toilette ist die richtige? Die Detail-Frage wurde bald zur General-Frage und beherrschte den Alltag des Heranwachsenden. Wer bin ich, wer will ich sein?

Schmerzlicher als das innere Ringen um die eigene Identität waren die Reaktionen von außen auf diesen „roten Punkt“, diesen „ekelhaften Menschen“. Die schlimmsten Schimpfwörter schienen seinen „Hatern“, wie Kadir sie nennt, gerade gut genug. Er attestiert ihnen mangelnde Sachkenntnis: „Wie oft habe ich mir anhören müssen, dass ich abartig bin und dass es kein Zwischending gibt zwischen Mann und Frau. Gibt's schon – mich zum Beispiel.“

Als sie ihn am Busbahnhof verprügelten, nahm er sich vier Wochen Auszeit, wechselte die Klasse, wechselte schließlich die Schule. Er weinte viel in diesen Jahren, ritzte seine Arme auf. Saß tagelang alleine in seinem Zimmer. Seine Erlebnisse und Gedanken schrieb er in Reimform nieder. Bald wurden daraus Liedtexte, er wurde zum Rapper.

Zwei Jahre bis zum Kliniktermin

Erst diesen Sommer hat er seine Mittlere Reife gemacht. Derzeit jobbt er für ein paar Euro im Monat in einem Drogeriemarkt. Um seine Wunsch-Ausbildung als Informatikkaufmann oder im Bereich Feinoptik hat er sich bisher nur mäßig bemüht. Wer auf Nachlässigkeit tippt, tut dem türkischstämmigen Jungen sicher unrecht. „Ich bin in Therapie, seit ich 14 bin. Für den Antrag auf eine Geschlechtsumwandlung sind viele Gutachten und Gespräche nötig. Ständig hatte ich Termine in Ulm. Mein Kopf war voll mit anderen Dingen.“

Die Stimme tief, der Bart wuchs

Als vor anderthalb Jahren die Gabe von Testosteron als Vorbereitung auf die OP bewilligt wurde, konnte er sein Glück kaum fassen. Die Stimme wurde tiefer, der Bart begann zu wachsen, Kadriye verschwindet mit jedem Tag ein Stückchen mehr. Sobald die Krankenkasse grünes Licht gibt, kann ein Termin mit einer Fachklinik vereinbart werden – die Wartezeit beträgt in guten Kliniken zwei Jahre. Sechs Monate Krankenhausaufenthalt sind geplant, insgesamt wird es wohl noch fünf Jahre dauern, bis die Behandlung abgeschlossen ist.

„Ich bin so froh, wenn ich die Dinger endlich los bin“, sagt Kadir und zeigt auf seine Brust. Er bindet ab, was ihn nach außen hin zur Frau macht. Kein einziges Mal war er in diesem Jahrhundert-Sommer im Waldbad oder mit Kumpels am See, unvorstellbar der Gedanke, sich mit Brüsten in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Der Umgang in der Familie

„Wir sind keine Steinzeit-Muslime“, sagt der 18-Jährige über seine Eltern und seine sieben Halbgeschwister. Drei Kinder hat der Vater in die Ehe gebracht, vier die Mutter, Kadir ist das Nesthäkchen. „Wenn ich keine Freunde hätte, ich wäre trotzdem zufrieden, denn ich habe meine Familie, die hinter mir steht“, sagt er. Selbstverständlich habe seine Transsexualität zu Hause für einige Unruhe gesorgt. Der Vater tut sich auch heute noch ein bisschen schwer mit dem Thema, erst Tochter, dann Sohn, was für ein Durcheinander!

„Früher hat er mich immer als seine Tochter vorgestellt. Heute sagt er, das ist mein Kind. Es ist ok für mich.“ Die Mutter plagten dagegen lange Zeit Selbstzweifel. Sie fragte sich, was sie nur falsch gemacht hatte bei dem Kind. Inzwischen sieht sie nur noch den Sohn, diesen warmherzigen, hilfsbereiten Menschen, der mit Talent gesegnet ist. „Meine Mutter ist mein Antrieb und mein größter Fan“, sagt der junge Mann und arbeitet fleißig an einem Song mit türkischem oder serbischem Refrain, arbeitet auf den großen Durchbruch hin. Sein Ziel: So viel Geld verdienen mit der Musik, dass seine Eltern nicht mehr arbeiten müssen.

Das Video „Sunnyboy“ läuf gut im Netz

„Sunnyboy“ zieht derweil seine Kreise. Über 4700 Mal wurde das Video bisher angeklickt. Es läuft in der Heidenheimer Kiva Bar, wo der Aufhausener einen Stammplatz im VIP-Bereich hat, dank seiner serbischen Freunde in serbischen Clubs und auch auf den Straßen im Landkreis Heidenheim, überall dort, wo sich junge Leute versammeln. Vielen gefällt der moderne Sound mit Autotune und orientalischem Einschlag. Andere treibt die pure Neugierde an: Mal sehen, was die Transe kann!

Zum ersten Mal in seinem Leben könnte ihm dieses „Zwischending“ nützlich sein. Früher hat er sich weggeduckt. Heute genießt er es, im Mittelpunkt zu stehen, genießt die Blicke. Warum ausgerechnet ich? Warum dieser Weg? Fragen wie diese treiben ihn nicht mehr um. Er plant seine Zukunft im Düsseldorfer Raum, wo ein Großteil seiner Verwandtschaft lebt. „Hier in Heidenheim werde ich eh nie das machen können, was ich will, ohne aufzufallen. Aber ich werde die Tatsache, dass alle über mich reden, als Sprungbrett nutzen.“

Kadir: „Bewertet nicht mich, bewertet meine Musik!“

Musik kennt kein Geschlecht, keine Vorurteile, keine Probleme. Musik ist Rhythmus plus Melodie plus Gefühl, und auch wenn sie eng verbunden sei mit dem Menschen, der sie erschaffen hat, könne sie doch für sich stehen und dabei gefallen oder eben auch nicht, findet Kadir. Er wünscht sich deshalb mehr Objektivität von den Menschen, die Kommentare unter seinem Video zu „Sunnyboy“ hinterlassen: „Ich weiß, dass mich viele Leute nicht mögen. Aber ich finde es daneben, dass sie aus diesem Grund meinen Song schlecht machen. Ich bitte deshalb darum: Bewertet nicht mich, bewertet meine Musik! Ob Daumen hoch oder runter ist egal, Hauptsache, ihr seid ehrlich und fair.“

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