Konzert Zeitgenössische Musik: Muss nicht elitär sein

Das Landesjugendensemble Neue Musik, geleitet von Christof M. Löser, zeigte bei seinem Konzert in der Heidenheimer Musikschule, dass zeitgenössische Klänge nicht verpeilt sein müssen.
Das Landesjugendensemble Neue Musik, geleitet von Christof M. Löser, zeigte bei seinem Konzert in der Heidenheimer Musikschule, dass zeitgenössische Klänge nicht verpeilt sein müssen. © Foto: Hans-Peter Leitenberger
Heidenheim / Hans-Peter Leitenberger 08.11.2016
Das Landesjugendensemble Neue Musik widerlegte in seinem Heidenheimer Konzert das Vorurteil, wonach zeitgenössische Musik immer elitär sein muss.

Musikbegeisterte Jugendliche gibt es zum Glück viele, aber wie steht es mit Begeisterung für Neue Musik? Das oft gehörte Vorurteil, dass diese Klänge nur einem elitären, intellektuell angehauchten Personenkreis vorbehalten sind, widerlegte jetzt das Landesjugendensemble Neue Musik Baden-Württemberg in der Heidenheimer Musikschule auf bemerkenswerte Art.

Unter der temperamentvollen wie sensiblen Leitung von Christof M. Löser boten die jungen Musiker ein buntes, bewegendes Konzert, das die Vielschichtigkeit einer Musikgattung verdeutlichte – wobei manche Stücke ja auch schon mehr als 80 Jahre alt sind.

Umrahmt wurde der durchweg spannende Abend mit dem originellen Stück „Edges“ des amerikanischen Komponisten Christian Wolff, dessen Faible für John Cage erkennbar war. Punktuelle Strukturschichten wurden durch die räumliche Aufteilung mit leichter Hand deutlich hervorgehoben.

Vielleicht ist es gerade die Möglichkeit zur freien Wahl des Ausdrucks, was junge Leute an dieser Musik fasziniert. Minimalistische Figuren von verschiedenen Instrumenten hatten einen humorvollen Charakter und es genügte zum Beispiel, zur Klangerzeugung ein Mundstück über die Heizkörperrippen zu streichen.

„Derivé“, ein Stück des im Januar verstorbenen Pierre Boulez, lebte von der gekonnten Umsetzung des verfeinerten Klangsensualismus mit filigranen Linien durch die Spieler, wodurch der Reiz des Atonalen im Werk des unangepassten und stets experimentierfreudigen Komponisten deutlich wurde.

Begeisterung, aber auch spielerische Disziplin und Instrumentenbeherrschung zeigten sich während des ganzen Konzerts, etwa bei Mauricio Kagels „Zehn Märschen, um den Sieg zu verfehlen“. Schwirrende Piccolo-Figuren und verjazzte Trompetenklänge, ironische Piccolo- Violin- und Fagottlinien, dazu rasante Schlagzeugfiguren verdeutlichten Kagels Spott über alles Militärische – Marschmusik weit entfernt von Preußens Gloria.

Die ganze Faszination und Magie einer zauberischen, zirpenden Klangwelt wurde offenbar wie auch bei Morton Feldmans „Duration 5“. Die sensible Klanggestaltung durch zarte Violin- und Cellolinien, dazu ruhige Fagottfiguren, dezente, feinsinnige Harfentupfer und markante Horn- und Vibraphonpassagen, beeindruckte hier besonders.

Hannes Seidl erklärte humorvoll seine Intention zu dem Stück „Es geht besser.“ Der Schlager aus der heilen Welt der Fünfziger-Jahre, so Seidl, sei ihm „immer auf den Keks gegangen“; und so konnte man Peter Alexanders „Cantus firmus“ nur schwer heraushören. Die heile Welt wurde mit ironischem Rasseln, Pfeifen und rumpelnden Geräuschen aus dem Lautsprecher gründlich zerzaust; und es wurde kein Schwelgen im Wirtschaftswunder, eher erinnerten manche Figuren an den unbarmherzigen Takt der Maschinen beim Malochen in den Fabriken für die Profiteure der Adenauer-Zeit. Dass es den jungen Musikern Spaß machte, war auch daran zu erkennen, dass sie sogar die Pause zu einem temperamentvollen „Becken-Konzert“ nutzten.

Beim luftig dargebotenen Kopfsatz von Anton Weberns Quartett op. 22 traten die kurzen, prägnanten Motive bei Klarinette und Saxophon, aber auch die filigranen Violin- und Klavierlinien bei dem knappen dynamischen Höhepunkt klar und engagiert hervor. Sensible Klangfarbennuancen bei „Behind the Velvet Curtain“ der Engländerin Rebecca Saunders, besonders die sensibel ziseliert gestalteten Harfenklänge und der kontrastreiche Dialog von Harfe und Trompete, aber auch die sauber geführten Klavier- und Cellolinien zeigten das ganze Können des hier auftretenden Quartetts.

Röhrenglockenfiguren und Schlagzeugeruptionen, aber auch bizarre Linien auf Cello, Violine, Flöte und Klarinette wurden bei Morton Feldmans eher ruhigem Stück „For Frank O'Hara“ mit enormem Engagement dargeboten. Man spürte die erfrischende Nonchalance im Spiel der jungen Leute, denen die harte Übungsarbeit, die ein Konzert mit Neuer Musik erfordert, nicht anzumerken war. Auch das ist ein Zeichen von Können und künstlerischer Reife.

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