Heidenheim / Michael Brendel Im April 1959 lassen es sich die Heidenheimer auf dem Rummel und auf der Liegewiese im Waldbad gutgehen. Für betretene Gesichter sorgt hingegen das vergebliche Warten auf einen Hubschrauber-Pendeldienst.

60 Meter breit und 100 Meter lang ist der Hartplatz, den der VfL Heidenheim im April 1959 im „Kurzen Gewande“ hinterm Jahnhaus baut. Er soll den gepachteten Erchensportplatz im Katzental ersetzen. Parallel dazu entsteht ein etwas kleineres Spielfeld für die Hockeyabteilung des Vereins. Die Oberligamannschaft findet dort künftig angemessene Bedingungen vor und muss ihre Begegnungen nicht mehr auf einem allenfalls mäßig geeigneten Sandplatz austragen. Etwa 2500 Kubikmeter Erde sind zu bewegen, ehe die beiden Felder zur Verfügung stehen.

Wenige Kilometer entfernt sind ebenfalls Planierraupen im Einsatz: Auf der Ostseite der Westschule wird ein Hof angelegt, außerdem entsteht ein Sportplatz. Als Belag dient Makadam, damit beide Flächen bei Bedarf auch als Ausweichparkplatz genutzt werden können.

Gefährliche Kreuzung

Um dorthin zu gelangen, passieren viele Autofahrer die Gärtnerei Pommerenke an der Beethovenstraße. Weil in diesem Bereich nicht weniger als fünf Straßen zusammentreffen, ist die Kreuzung als besonders gefahrenträchtig eingestuft. Um die Sicherheit der Fußgänger zu verbessern, lässt die Stadt deshalb drei mit Pinsel und Spritzmaschine ausgestattete Maler einen Zebrastreifen auf die Fahrbahn auftragen.

Gewienert und gestrichen wird auch im Waldbad, wo nach der Winterpause Großputz angesagt ist. Ehe Wasser in die Becken gelassen werden kann, müssen zunächst die Wände abgespritzt, das Laub entfernt und das Unkraut aus den Plattenfugen gekratzt werden. Und obwohl noch gar kein offizieller Eröffnungstermin feststeht, tummeln sich bei fast 25 Grad Celsius bereits die ersten Sonnenanbeter auf der Liegewiese.

Sonniger Frühling

Es sind Tage wie aus dem Bilderbuch in diesem April 1959, und selbst ältere Heidenheimer vermögen sich nicht daran zu erinnern, in einem Frühling jemals höhere Temperaturen erlebt zu haben. Etwas hochgegriffen scheint allerdings die Einschätzung eines Lesers, der bei einem Anruf in der Redaktion der Heidenheimer Zeitung von einer wahren Bruthitze spricht.

Kein Stöpsel gezogen wurde vor dem Winter naturgemäß am Itzelberger See. Was aber heraus muss, ist der Schlamm. Über die dafür veranschlagten 580 000 Mark wird im Königsbronner Rathaus diskutiert. Dort fällt außerdem die Entscheidung, eine Vogelschutzinsel anzulegen.

465 Arbeitslose

Offen ist, ob die noch zu beauftragenden Firmen über Mitarbeiter in ausreichend großer Zahl verfügen, denn die allgemeine Auftragslage führt dazu, dass in etlichen Branchen die Kräfte knapp werden. Am 31. März 1959 sind im Kreis Heidenheim lediglich 465 Personen arbeitslos gemeldet – nie waren es zu einem vergleichbaren Zeitpunkt seit Kriegsende weniger. Gleichzeitig hat die örtliche Filiale des Arbeitsamts 636 offene Stellen im Angebot.

Wer über das Privileg verfügt, nicht arbeiten gehen zu müssen, kann sich derweil auf dem Oster-Rummel vergnügen, den es gleich auf zwei verschiedenen Plätzen gibt: neben der Olgaschule und an der Kreuzung Wilhelm-/Bergstraße. Neben klassischen Vergnügungen wie Schießbude und Glückslotterie gibt es auch einen Miniatur-Hau-den-Lukas. Der kommt ohne einen Hammer aus, stattdessen muss mit der geballten Faust zugeschlagen werden. Je nach Muskelkraft variiert das anschließend verliehene Prädikat zwischen Säugling, Schlappschwanz, Waschlappen, Wüstling, Geldschrankknacker und Super-Athlet.

Warten auf Hubschrauber

Während sich der Frankfurter Rhein-Main-Flughafen zum Knotenpunkt im Geflecht des düsengetriebenen Flugverkehrs entwickelt und ein neues Wartungszentrum für rund 30 Millionen Mark plant, schickt sich Heidenheim an, ins neu geschaffene Hubschrauber-Städtenetz aufgenommen zu werden. Die zwischen München und Stuttgart verkehrenden Maschinen der Neckar-Isar-Flug-GmbH sollen fortan täglich auf dem VfL-Platz zwischenlanden.

Etliche Schaulustige wollen sich die Premiere nicht entgehen lassen. Von einem Helikopter ist allerdings auch nach längerem Warten weit und breit nichts zu sehen. Hellhörig hätte vielleicht die prognostizierte Ankunftszeit machen sollen: zwischen 11.13 und 11.21 Uhr. Am 1. April.

Weshalb gerade 60?

Im Dezember 2008 war der Lokschuppen Schauplatz einer Festveranstaltung, bei der eine damals seit 60 Jahren bestehende freie und unabhängige Presse in Heidenheim im Mittelpunkt stand. An jenem Abend mischten sich Aus- und Rückblicke, und unter anderem wurde die Idee geboren, in regelmäßigen Abständen in Erinnerung zu rufen, worüber die HZ jeweils 60 Jahre zuvor berichtet hatte. Die Serie startete mit der Rückschau auf 1949, mittlerweile gilt das Augenmerk schon dem Jahr 1959. Und ein Ende ist nicht in Sicht. bren