Schnaitheim / erwin bachmann 628 Menschen wohnen in der einstigen Arbeitersiedlung, die jetzt einer Rundumerneuerung entgegen sieht. Und nach Einschätzung der Stadt zieht ein großer Teil dieser im Schnaitheimer Hagen lebenden Bevölkerung mit, wenn's in Zukunft darum geht, dem Quartier ein schöneres Outfit zu verpassen.

Nur knapp zwei Monate ist es her, seit sich in der Turn- und Festhalle des nördlichen Vororts rund 200 Bürger versammelt hatten, um sich über die Ziele und Rahmenbedingungen des Sanierungsprogramms informieren zu lassen, mit dem die Stadt einiges in Bewegung bringen will. Inzwischen laufen die vorbereitenden Untersuchungen für dieses neue Sanierungsgebiet, und eine von der Stadtverwaltung gestartete Fragebogenaktion erlebt eine derart gute Resonanz, dass es im Rathaus niemand bange sein muss. Petra Kurz, die im städtischen Geschäftsbereich Liegenschaften für die Beratung und Bearbeitung der Förderanträge in Sanierungsgebieten zuständig ist, spricht von einem überwältigenden Rücklauf: „Das haben wir bisher in keinem anderen Sanierungsgebiet so erlebt.“

Dass die Heidenheimer Rathaus-Politik an der bürgerlichen Basis nicht ins Leere läuft, das Interesse an öffentlich geförderten Modernisierungsmaßnahmen sehr ausgeprägt ist, muss auch das Stuttgarter Finanz- und Wirtschaftsministerium interessieren. Und tut es auch, wie sich gestern zeigte, als Staatssekretär Peter Hofelich auf Einladung von Kultusminister Andreas Stoch nach Heidenheim gekommen war, um sich vor Ort ein Bild darüber zu machen, wo die von der Stadt Heidenheim erbetenen Landes-Fördermittel hinfließen – und was sie bewirken sollen.

Im Falle Schnaitheims geht es um die Aufwertung und Neuordnung eines in die Jahre gekommenen, eng bebauten und eher von Privatbesitz dominierten Stadtquartiers. Charakteristisch für eine ehemalige Arbeitersiedlung, wie Swen Profendiener, Leiter des Geschäftsbereichs, bei der gestrigen Kurzbesichtigung des Hagens befand. Zur Besonderheit des Gebietes zählt aber auch bis heute betriebenes Gewerbe, das sich an bereits von der Stadt erworbene Brachflächen entlang der Bahnlinie anschließt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Wohnbebauung liegt. Darunter auch die heute als Firmenpark genutzte frühere Zigarrenfabrik Schäfer. Sollte sie, was von Profendiener als mögliches Ziel beschrieben wird, im Zuge der Sanierung abgerissen werden, würde auch das heute noch an der alten Fassade prangende Bild von der legendären „Weißen Eule“ verschwinden – einer Zigarre, deren Duft auch dem in Salach wohnenden SPD-Landtagsabgeordneten bis heute in der Nase liegt: „Die lagen bei uns in der obersten Schublade,“ erinnerte sich Hofelich, der in der elterlichen, damals noch nicht ganz rauchfreien Wirtschaft aufgewachsen ist.

Was die Förderzusage angeht, so hatte das Stuttgarter Ministerium bereits frühzeitig positive Rauchsignale gegeben. 500 000 Euro liegen bereits im grünen Bereich, über einen Aufstockungs-Antrag muss noch entschieden werden, was erfahrungsgemäß noch vor den Landtagswahlen geschehen wird. Die Aussichten sind nicht schlecht, wenn man Hofelichs Aussagen richtig interpretiert. „Die Stadt Heidenheim hat die Maßnahmen sehr in den Vordergrund geschoben, das ist ein gutes Zeichen,“ so seine gestrige Aussage gegenüber Bürgermeister Rainer Domberg, der das so verstanden wissen darf: Die Stadt Heidenheim weiß, was sie will, und ihre Sanierungspolitik hat bereits Hand und Fuß – womit man in Stuttgart gute Karten hat.

„Es gibt hier großen Veränderungsdruck,“ bestätigte Andreas Stoch beim gestrigen Vor-Ort-Termin im Hagen. Auch energetisch liegt in vielen Häusern noch manches im Argen. Holz-Einzelhöfen sind kein Einzelfall, und Badausstattungen sind oft weit von dem entfernt, was in anderen Stadtteilen Standard ist. Dass da viele Häuslesbesitzer nachrüsten wollen, steht für Bürgermeister Rainer Domberg außer Frage, zumal er Hofelich gegenüber an eine lokale Besonderheit erinnerte: „Wenn die Schnaitheimer was kriegen, nehmen sie's – aber sie machen auch was draus.“ Der Handlungsbedarf als solcher dürfte sich für den Göppinger Wahlkreisabgeordneten allein schon bei der gestrigen Fahrt durch den Hagen ergeben haben, die selbst die bestens gefederten Stoßdämpfer eines nicht unnoblen Dienstwagens in die Knie zwingen. Und Profendieners Erklärung fast erübrigen: „Tiefbau ist hier ebenfalls ein wichtiges Thema,“ meinte der Mann vom Rathaus, der von einem im Hagen wohnenden Bekannten weiß, dass der Straßenzustand hier nur selten Vorteile hat: „Wenn er vom Einkaufen kommt und Sahne dabei hat, ist die schon fertig, bevor er zu Hause ist.“

Ploucquet-Areal: Die Fortsetzung im nördlichen Bereich muss noch eingenordet werden

Zu den Baumaßnahmen, für die die Heidenheim in Stuttgart Förderanträge gestellt hat, zählt auch die Erschließung des Ploucquet-Areals. 185 neue Stadtwohnungen, fünf Gewerbeeinheiten und ein Kindergarten: Das konnte sich nicht zuletzt gestern bei einer Besichtigung durch Staatssekretär Peter Hofelich sehen lassen.

Dort nahm der Gast selbst in Augenschein, was ihm von Heidenheims oberster Stadtplanerin Andrea Nußbaum als „hochwertige Planung“ vor Augen geführt wurde. Und zeigte sich überzeugt, dass der tiefe Griff in den Fördertopf kein Fehlgriff war. Im Gegenteil. „Ein Glücksgriff,“ urteilte Bürgermeister Rainer Domberg. So schnell wie hier seien noch selten Wohnungen verkauft worden: „Manche Notare sind da richtig glücklich geworden.“

Jetzt gilt es, das richtige Modell für die Abrundung dieses Sanierungsgebietes auf dem nördlichen Baufeld zu finden. Fest steht, dass das alte Sparkassen-Gebäude fallen wird. Noch offen ist die Zukunft des früheren Landeszentralbank-Komplexes. Nach persönlicher Meinung Dombergs wird man auch dieses denkmalgeschützte Gebäude auf Dauer nicht erhalten können: zu teuer, eher ein Fremdkörper, der einer geschlossenen Bebauung entgegenstehe.

Derzeit läuft eine Wirtschaftlichkeitsberechnung. Ob Wirtschaftlichkeit Denkmalschutz sticht? Peter Hofelichs Einlassung in diesem Zusammenhang ist durchaus geeignet, der Stadt Mut zu machen: Der Stil des Landesamtes für Denkmalschutz sei heutzutage stark auf Dialog ausgerichtet. Ungeachtet dessen werden dort vor einer Neubebauung auch noch die Archäologen anrücken. Die Hoffnung der Stadt: dass deshalb nicht eine mehrjährige Pause entsteht.