Heidenheim Draufgeblickt (10): Das Naturtheater wurde gut bedacht

Nachdem mehr als sieben Jahrzehnte lang der Zahn der Zeit an der alten Tribüne genagt hatte, musste sie 1995 schließlich der neuen Zuschauerhalle weichen. Seitdem sitzt das Publikum im Naturtheater dort Jahr für Jahr komfortabel im Trockenen.
Nachdem mehr als sieben Jahrzehnte lang der Zahn der Zeit an der alten Tribüne genagt hatte, musste sie 1995 schließlich der neuen Zuschauerhalle weichen. Seitdem sitzt das Publikum im Naturtheater dort Jahr für Jahr komfortabel im Trockenen. © Foto: Luftbilder Geyer
Heidenheim / Kathrin Schuler 10.08.2018
Mehr als 70 Jahre lang schützte die alte Zuschauerhalle die Gäste des Naturtheaters vor Wind und Wetter – bis sie 1995 einem zwei Millionen Mark teuren Neubau wich.

Ein Schauspiel unter freiem Himmel – das verspricht das Naturtheater Heidenheim. Draußen und unter freiem Himmel wird auch gespielt – und zwar ganz egal, was das Wetter macht. Das kann selbst während der Spielzeit in den Sommermonaten zuweilen ganz schön wechselhaft sein und nicht immer sind laue Nächte an der Tagesordnung: Ab und an pfeift auch mal der Wind über den Schlossberg und der ein oder andere Regenguss prasselt herunter. Nass werden dabei jedoch nur die Schauspieler: König Kunde sitzt auf der überdachten Zuschauertribüne sicher im Trockenen.

Nach 70Jahren abgerissen

Bereits seit 99Jahren gibt es das Theater auf dem Schlossberg – früher noch unter dem Namen „Volksschauspiele“. Über mehr als sieben Jahrzehnte hinweg hielt die ursprüngliche Zuschauerhalle jegliches meteorologisches Übel vom Publikum fern. Mit den Jahren nagte jedoch der Zahn der Zeit an der Tribüne: Nicht nur die Elektrik war stark renovierungsbedürftig, auch Statiker hatten bereits Bedenken an der Standhaftigkeit des Bauwerks angemeldet.

Die Tribüne konnte ihre Altersschwäche schließlich nicht mehr verbergen. Der damalige baden-württembergische Ministerialrat Peter Selbach vom Kultusministerium, der sich dann später auch für den Neubau der Zuschauerhalle einsetzte, berichtete sogar von einem besonders unangenehmen Erlebnis: Während des Besuchs einer Vorstellung hatte er buchstäblich den Boden unter den Füßen verloren, als der morsche Sitz unter ihm weggebrochen sei – für den Abriss wurde es also höchste Zeit.

Im Sommer 1994 wurde der Entschluss im Heidenheimer Gemeinderat gefasst: Eine neue Zuschauerhalle für das Amateurtheater auf dem Schlossberg musste her. Nach dem Ende der Sommerspielzeit des selben Jahres begannen die Abrissarbeiten, die alte Tribüne wurde noch im September 1994 dem Erdboden gleich gemacht. Jeder, der wollte, konnte einen der alten Sitze mit nach Hause nehmen – wenn er selbst das nötige Handwerkszeug mitbrachte, um den Sitz abzumontieren.

Drei Wochen in Verzug

Nachdem die Bauarbeiten aufgrund von Lieferschwierigkeiten gut drei Wochen in Verzug geraten waren, konnte die neue Zuschauerhalle gerade noch rechtzeitig vor Saisonbeginn fertiggestellt werden: Bei einem Galaabend am 17.Juni1995 wurde der als „Schmuckstück der Theaterlandschaft“ bezeichnete Neubau schließlich feierlich eröffnet.

Das „Weiße Rößl“ und „Alice im Wunderland“ waren somit die ersten Stücke, die die Zuschauer von den komfortablen neuen Sitzplätzen aus verfolgen konnten.

Die Kosten für den Neubau beliefen sich dabei auf insgesamt rund zwei Millionen Mark. Die Stadt Heidenheim, das Land Baden-Württemberg und das Naturtheater selbst einigten sich darauf, die Kosten zu je einem Drittel zu tragen. Für das Amateurtheater war das eine dicke Stange Geld, die zu beschaffen keine kleine Herausforderung darstellte. Genau wie heute ließen sich auch schon damals mit dem durch Eintrittsgelder erwirtschafteten Geld keine großen Sprünge machen.

300 000 Mark Schulden

Doch es gab Unterstützung: 1994 wurde der Förderverein Naturtheater Heidenheim gegründet, mit dem Ziel, das Theater auf dem Schlossberg materiell und ideell zu unterstützen. Zunächst galt es jedoch, den durch den Neubau für das Theater entstandenen Schuldenberg Stück für Stück abzutragen. Dieser belief sich immerhin auf die stolze Summe von rund 300 000Mark.

Doch schneller als ursprünglich erwartet konnte sich das Naturtheater wieder von den roten Zahlen befreien: Dank einer ganzen Reihe an erfolgreichen Saisons und mit der Unterstützung des Fördervereins, der zugunsten des Theaters zahlreiche Tombolas, Spendenaktionen und Altpapiersammlungen veranstaltete, war das Theater bereits im Jahr 2003 wieder schuldenfrei.

Weniger Platz als zuvor

Mit rund 1100 Sitzen bietet die neue Zuschauerhalle etwa 300Gästen weniger Platz als die alte Tribüne. Doch dafür kann sie einen ungetrübten Theatergenuss garantieren: Im Gegensatz zu früheren Zeiten gibt es dort keine das Sichtfeld einschränkenden Pfeiler. Und seitdem die neue Halle steht, ist auch nie wieder ein morscher Sitz aus den Angeln gebrochen.

Was 2018 auf dem Schlossberg gespielt wird

Das Naturtheater zeigt jährlich auf drei Bühnen insgesamt vier Produktionen. Zur Anfangszeit war es lediglich ein Hauptstück, das auf der Freilichtbühne während der Sommerspielzeit aufgeführt wurde.

In knapp 100 Jahren Naturtheater wurden bereits Stücke von Shakespeare, Goethe und Schiller aufgeführt - aber auch Geschichten von Kinderbuchautoren wie Michael Ende, Erich Kästner und Astrid Lindgren adaptiert.

Jährlich besuchen rund 40 000 Gäste die Vorstellungen auf dem Schlossberg - und das allein während der Sommerspielzeit. Die Freilichtbühne des Theaters ist die zweitgrößte in Baden-Württemberg, in der Zuschauerhalle finden knapp 1100 Gäste Platz. Insgesamt kommt das Naturtheater Heidenheim so auf rund zwei Millionen Besucher, die im Laufe der 99 Jahre eine der zahlreichen Vorstellungen im Freien oder im Theatersaal besucht haben.

Aktuell werden im Naturtheater, wie während der Sommermonate üblich, zwei Stücke aufgeführt: ein Stück für die Erwachsenen und ein Kinderstück. So wird in diesem Jahr „Frühstück bei Tiffany“ nach dem Roman von Truman Capote gespielt, das noch bis zum 18. August zu sehen ist. Für die Kleinen läuft „Der Prinz und der Bettelknabe“ nach der Geschichte von Mark Twain. Das Kinderstück wird am 25. August zum letzten Mal aufgeführt.

Auch im Herbst spielt die Naturtheatergruppe

Auch in den kalten Monaten wird auf dem Schlossberg gespielt - allerdings nicht draußen. Bei eisigen Temperaturen könnte auch die überdachte Zuschauerhalle kein angenehmes Erlebnis für die Gäste garantieren. Im Herbst zeigt das Naturtheater „Herr der Fliegen“ nach William Golding ab dem 19. Oktober bis zum 3. November. Im Dezember ist Märchenzeit: Vom 1. bis zum 21. Dezember wird „Der Nussknacker und der Mäusekönig“ gespielt.

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