Heidenheim Opernfestspiele: Marcus Bosch zieht Bilanz

Ist mit dem künstlerischen Ertrag der Saison 2018 sehr zufrieden: Heidenheims Opernfestspieldirektor Marcus Bosch.
Ist mit dem künstlerischen Ertrag der Saison 2018 sehr zufrieden: Heidenheims Opernfestspieldirektor Marcus Bosch. © Foto: Oliver Vogel
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 03.08.2018
Nach dem Ende einer ebenso üppigen wie turbulenten Saison blickt Festspieldirektor Marcus Bosch im Interview sowohl zurück als auch nach vorn.

Die Saison 2018 ist vorüber: Die Opernfestspiele hatten mit 19 700 so viele Besucher wie nie, so unberechenbares Wetter wie nie und, was auch noch nie vorgekommen war, die Absage einer Vorstellung. Es ging hoch her.

Besucherrekord, künstlerischer Ertrag, vielleicht wäre auch der Energiehaushalt eines Intendanten mal eine Frage wert. Aber Sie wissen ja, Herr Bosch: zuerst die Wetternote.

Ich erfinde mal eine (lacht): die sieben. Nein, im Ernst, das war schon sehr gemischt. Wir haben ja eine wirklich sehr schöne Bilanz zwischen draußen und drinnen. Andererseits . . .

. . . andererseits wäre schon die Premiere beinahe ins Wasser gefallen. Eine Woche später dann die Komplettabsage einer Vorstellung, erstmals in der Geschichte der Festspiele. Wie konnte das passieren?

Wir entscheiden wirklich nach bestem Wissen und Gewissen. In beiden Fällen sagten uns unsere Profis vom Wetterdienst Stuttgart um 16 Uhr – das war an diesen Tagen der spätestmögliche Entscheidungstermin – dass keinerlei Probleme zu erwarten sind. Um 18.45 Uhr war plötzlich alles anders. Bei der Premiere hatten wir noch Glück, der Regen dauerte nur zehn Minuten. Am 6. Juli zuerst das Gleiche, dann kam aber um 19.45 Uhr die zweite, viel schlimmere Meldung nach, weil ein Gewitter, das eigentlich über Abtsgmünd ostwärts zog, eine völlig unerwartete 90-Grad-Wende machte . . . Der Rest ist bekannt. 45 Minuten Regen. Wir haben nur kurz überlegt, ob wir doch ins CC umziehen können. Wir konnten nicht, es war logistisch unmöglich und wäre viel zu spät geworden. Wir hätten selbst bei günstigstem Verlauf nicht vor zehn, eher noch deutlich später anfangen können.

Warum dauert ein Umzug vom Rittersaal ins Festspielhaus so lange?

Es geht vor allem um die Ausgangslage. Was war vorher? Mal bauen wir von Konzert zur Oper um, mal von einer Oper zur anderen. Wir treiben ja einen irren Aufwand mit unseren beiden Spielstätten, das kann sich eigentlich niemand vorstellen, und es ist ja auch einzigartig. Welches Opern-Open-Air garantiert allen Gästen eine vollwertige szenische Aufführung? Bregenz schickt 5300 Menschen nach Hause. Und Verona wartet zwei Stunden, um eine Stunde Spielzeit rauszuschinden . . . Das hat ja alles seinen eigenen Reiz, aber bei uns gibt's eben alles doppelt.

Aber offenbar doch nicht alles, oder?

Ja, richtig, sonst könnten wir ja einfach rübergehen. Ich weiß nicht, wie oft die Technik in dieser Saison von „Lombardi“ auf „Nabucco“ umgebaut hat und zurück. Das sind oft ganze Nächte für diese Teams. Alles immer für einen Umzug binnen einer Stunde vorbereiten, wäre aber nochmal ungleich mehr Aufwand – mehr Techniker, mehr doppelte Ausstattung, mehr Autos . . .

Wäre das machbar?

Wir werden es sehr ernsthaft prüfen. Heute stecken im Rittersaal Sänger und Chor schon in den Kostümen, müssten sich im Regen umziehen oder im Kostüm im Regen hinüber ins Festspielhaus laufen. Alles wäre nass, die Maske ruiniert. Also müssen die Kostümbildnerei und Maske ebenfalls umziehen und sich dort wieder an die Arbeit machen. Dann das Orchester, die Instrumente, die nur durch die kleine Tür rechts von der Bühne und über diese nach Westen aus dem Orchestergraben nach draußen können, weil sie sonst durchs Publikum getragen werden müssten, das ja ebenfalls umzieht. Der Orchester-Lkw wiederum steht auf der anderen Seite unterhalb des Rittersaals. Von dort aus aber kann nur maximal ein Kleinlaster die Schotterpiste hinauf und um den Batterieturm herum dahin fahren, wo Instrumente, Kostüme, Maske und alles warten würden. Wenden kann man dort oben gar nicht, retour geht's also nur langsam im Rückwärtsgang. Und mit nur einer Tour kommt man nicht weit, da hat man noch nicht einmal die Pauken oder alle Kontrabässe vom Berg . . .

Okay, das dauert. Wie könnte man trotzdem schneller werden?

Wenn man der Absage einer Vorstellung etwas Gutes abgewinnen möchte, dann das, dass ganz viel Bewegung hinsichtlich dieser Frage entstanden ist. Wir werden alles auf null stellen, alle Abläufe, Ausstattung et cetera ganz neu überlegen. Vom doppelten Satz Kontrabässe bis zur Verbesserung des Schotterwegs . . .

Haben Sie schon konkret ein auf der Uhr ablesbares neues Ziel für die Dauer eines Umzugs vor Augen?

Schreiben wir mal „eine Stunde“ drüber. Am Ende wird es eine Frage der Abwägung sein, und wenn es anderthalb Stunden werden oder zwei, wäre das schon eine gewaltige Veränderung.

Kann man schon absehen, wie groß das durch die Absage entstandene finanzielle Loch in der Bilanz ist?

Im Moment gehen wir in einer internen Rechnung von 55 000 Euro aus. Wir wollen auch in Zweifelsfällen natürlich kulant sein – so eine Absage ist ja fürs Publikum wirklich alles andere als lustig. Wir hatten ausgerechnet in dieser Vorstellung zum Beispiel eine Reisegruppe aus Texas, die unverrichteter Dinge abreisen musste.

Mir fiel heuer besonders auf, dass sowohl bei „Nabucco“ als auch bei „I Lombardi“ überhaupt nicht darüber diskutiert wurde, ob man, was die Inszenierung anbelangt, so etwas überhaupt machen darf, sondern ausschließlich übers Ergebnis.

Ja, so ist es. Ein ganz wesentlicher Entwicklungsschritt. Und insofern haben wir heute ein weiteres großes Ziel erreicht, das ich immer schon verfolgt habe, nämlich wirklich vom Inhalt her motiviertes Musiktheater zu machen – ohne Abstriche. Die Verbindung der inhaltlichen Idee mit dem besonderen Ort, das ist der Kern der Festspiele. Der Inhalt muss letztlich prägend für ein Festival sein, man kann das gar nicht hoch genug hängen, dass wir hier vor allem unsere Schwerpunkte setzen. Und was das anbelangt, waren beide Inszenierungen auf ihre Weise beispielhaft.

Wie sehen Sie den „Nabucco“?

Wir haben mit Helen Malkowsky einen absoluten Profi als Regisseurin erlebt, die ihre Sicht der Dinge sehr gut vermittelt hat. Dass darüber diskutiert werden würde, war klar. Insofern alles wunderbar. Wir hatten ein Ensemble, das – die den Wetterumständen bei der Premiere geschuldete Entfokussierung lassen wir mal außer Betracht –, eine sehr gute, sehr geschlossene Leistung gebracht hat. Und wir sind in der Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Philharmonikern wieder einen Schritt nach vorn gekommen. Ich bin sehr zufrieden.

Entfokussierung müssen Sie mal erklären.

Na ja, ein Sänger, eine Sängerin, sie bringen Höchstleistung an so einem Abend, sie konzentrieren sich auf den Punkt, der ganze Tag ist auf die Vorstellung ausgerichtet. Manche machen sich minutiöse Zeitpläne vom Aufstehen bis zum Vorstellungsbeginn. Wenn der dann plötzlich eine halbe Stunde später ist, das ist dann eine halbe Ewigkeit, das kann viel Durcheinander anrichten in der Musikerpsyche.

Und „I Lombardi“?

Das war aus meiner Sicht eine extrem stimmige, poesievolle Theaterarbeit. Wir hatten, ich denke an Pavel Kudinov und Ania Jeruc, Bass und Sopran, zwei herausragende Sängerleistungen. Zu Chor und Cappella Aquileia muss man eigentlich schon gar nichts mehr sagen. Man kann das nicht hoch genug wertschätzen. Auch Tobias Heyders Inszenierung hat, so wie der „Nabucco“ von Helen Malkowsky, gezeigt, was ein Regisseur heute machen kann, darf, muss und sollte, alles zusammen eigentlich.

Was bleibt Ihnen von dieser Spielzeit ganz besonders im Gedächtnis?

Die Kunst der Cappella, diese Leistungsexplosion bei Beethovens Neunter im Galakonzert, die Energie, die dadurch im Publikum erzeugt wurde. Das war ein ganz besonderer Moment. Es war eben nicht einfach schön, das war viel mehr. Und dann, auch wenn ich mich wiederhole, dass Inszenierungen diskutiert wurden und nicht die Frage, ob man so etwas braucht oder darf. Nicht erwartet hatte ich auch, dass ein scheinbar entlegenes Werk wie „Die Ruinen von Athen“ mit Sprecherin so begeistert aufgenommen würde.

Wo sehen Sie weiteres Entwicklungspotential schon für 2019? Die von Ihnen mal angemahnte Taxi-Zentrale fehlt ja wohl immer noch.

Stimmt leider. Auch die Hotel-Angebote, was Mittagessen oder das Essen nach Vorstellungen anbelangt, waren schon besser. Beides ist, vorsichtig formuliert, nicht festspielfreundlich. Hier muss etwas geschehen. Künstlerisch? Organisatorisch? Wie jedes Jahr muss ich mich auch da fragen, ob jeder Euro maximal gut ausgegeben worden ist. Allein diese Frage fordert uns immer wieder neu heraus. Aber dadurch entstehen die Möglichkeiten, die – ein wunderbares Wort – Spielräume. So wächst alles weiter.

Ihr Energiehaushalt?

Glücklich ausgeschöpft.

Ihr Saison-Fazit, wenn möglich, bitte, nur in seinem Satz.

Aufregend und erfolgreich wie nie.

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