Heidenheim Wie Langzeitarbeitslose eine Chance bekommen

Ein Modell für die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen ist die „Verlängerte Werkbank“ der Awo bei Gardena in Niederstotzingen. Auch dort wurden neue Plätze geschaffen.
Ein Modell für die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen ist die „Verlängerte Werkbank“ der Awo bei Gardena in Niederstotzingen. Auch dort wurden neue Plätze geschaffen. © Foto: Archiv / Markus Brandhuber
Heidenheim / Von Karin Fuchs 04.02.2019
Wer stellt jemanden ein, der seit Jahren keiner Arbeit nachgeht? Wie schwer fällt es andersherum einem Langzeitarbeitslosen, geregelt arbeiten zu gehen? In dieser Situation kommt jetzt Hilfe.

Fünf Wochen ist ein neues Gesetz in Kraft, das so genannte Teilhabechancengesetz. Klingt sperrig, kann jedoch zur Chance für Langzeitarbeitslose werden. Denn mit Hilfe des Gesetzes können Frauen und Männer, die sechs Jahre oder länger Geld vom Job-Center bekommen haben, ohne längere Zeit berufstätig gewesen zu sein, im besten Fall wieder in das reguläre Arbeitsleben integriert werden, erläutert Albert Köble, Geschäftsführer des Job-Centers Heidenheim. Dafür stellt der Bund für den Landkreis 700 000 Euro für das Jahr 2019 bereit, das Programm läuft insgesamt fünf Jahre mit jährlich weiteren Geldzuwendungen.

Gehalt zahlt das Job-Center

Was passiert mit dem Geld? Vereinfacht gesagt, können damit rund 36 Arbeitsplätze finanziert werden. Denn wer einen Langzeitarbeitslosen einstellt, so Köble, erhält in den ersten zwei Jahren hundert Prozent der Lohnkosten erstattet, in den folgenden Jahren sinkt die Erstattung um jeweils zehn Prozent auf 70 Prozent im fünften Jahr.

Doch finden sich solche Arbeitsplätze überhaupt? „Wir sind überzeugt, dass wir 36 Kunden platzieren können“, sagt Köble. Die ersten dieser Jobs seien schon besetzte, wenn sich dies auch im sozialen Arbeitsmarkt befinden. Seit vielen Jahren schon gibt es in Niederstotzingen bei Gardena die so genannte Verlängerte Werkbank, wo zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt stark gehandicapte Menschen Beschäftigung geboten wird. Doch auch mit anderen Firmen, wie der Lebenshilfe, der Caritas und auch mit Discountern sei man bereits im Gespräch, die diesen Menschen eine Chance geben wollen, berichtet Wolfgang Krause, zuständig beim Job-Center für das Programm.

Warum diese Leute nicht so einfach einen Arbeitsplatz bekommen, ergibt sich aus deren Lebenslauf. Die eine Gruppe, so beschreibt es Köble, sei Ende der 1990er Jahre arbeitslos geworden. Sie hätten jahrelang einen gut dotierten Arbeitsplatz in der Industrie oder Baubranche gehabt und dann ihren Job verloren. Eine weitere Gruppe habe keinen Berufsabschluss, habe Hilfsjobs erledigt. „Als es dann eng wurde, waren sie die Verlieren auf em Arbeitsmarkt.“ Wieder eine andere Gruppe seien Frauen, die nach der Kindererziehungszeit den Anschluss an die Arbeitswelt verloren hätten. Allen diesen Menschen gemein ist eine „verhärtete Arbeitslosigkeit“, mit der sich auch in Zeiten vieler offener Arbeitsplätze nicht wieder Fuß fassen lasse.

Heidenheim ist das Schlusslicht

Dass Heidenheim besonders betroffen ist, zeigt die Statistik, laut der der Landkreis schon seit Jahren auf einem der hinteren Ränge rangiert, was den Anteil der Langzeitarbeitslosen betrifft. Für die fünfjährig bezuschusste Beschäftigung kämen laut Köble rund 1000 Menschen in Frage.

Um gleich mit Inkrafttreten des Gesetzes zum Jahresbeginn loslegen zu können, ist die Agentur Ende vorigen Jahres in Vorleistung gegangen. Die Menschen wurden vorbereitet auf ihre künftige Arbeitstätigkeit. Acht Wochen lang gab es die Möglichkeit, das Arbeiten zu erproben, sich finanziell beraten zu lasen, Bewerbungsunterlagen zu erstellen.

Das Ergebnis: Fünf Beschäftigte haben schon jetzt mit dem Arbeiten begonnen: vier bei der Awo, einer bei der Lebenshilfe. Ziel sei es, im Februar weitere 17 Menschen auf dieser Weise eine finanzierte Arbeitsstelle zu beschaffen, im März drei und im April elf. Sollte jemand aussteigen, soll schnell nachbesetzt werden, so Wolfgang Krause.

Das Interesse am Programm sei unterschiedlich: Die einen sehen es als ihre Chance, auch wieder soziale Kontakte zu knüpfen durch die Arbeit. Andere wiederum begegneten dem Angebot mit ablehnender Haltung. „Wenn jemand so lange nicht gearbeitet hat, der hat Angst, dass er im Betrieb nicht mehr mitkommt.“

Zwei Jahre arbeitslos und dann?

Neben dem Fünf-Jahres-Programm gibt es noch ein zweites Programm, bietet das Teilhabechancengesetz noch eine weitere Möglichkeit, das speziell den Menschen helfen soll, die mindestens zwei Jahre am Stück arbeitslos gewesen sind. Arbeitgeber erhalten in diesen Fällen ebenfalls Lohnkostenzuschüsse in Höhe von 75 Prozent im ersten und 50 Prozent im zweiten Jahr. 27 Plätze will das Job-Center schaffen, eine Person bereits eine solche Arbeitsstelle angetreten. Momentan sei das Job-Center noch dabei, bei Arbeitgebern zu werben, so Krause.

Unter den Schlusslichtern im Land

Rund 7000 Menschen erhalten im Landkreis Heidenheim Grundsicherung. Dazu zählen auch so genannte Bedarfsgemeinschaften, also Familien mit Kindern. 4500 all dieser Menschen sind im erwerbsfährigen Alter.

Was die Langzeitarbeitslosigkeit betrifft, ist der Landkreis Heidenheim strukturell bedingt schon viele Jahre lang unter den Schlusslichtern in Baden-Württemberg. Ihr Anteil unter den Arbeitslosen beträgt rund 27 Prozent. Eine gravierende Änderung zeichnet sich nicht ab. Im Landesdurchschnitt liegt der Anteil bei rund zwölf Prozent.

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