Heidenheim Flüchtlingskinder lernen wie Kindergarten funktioniert

Buntes Programm wie in jedem anderen Kindergarten auch: Die 15 Kinder aus geflüchteten Familien werden an der Walther-Wolf-Straße betreut, hier sind sie bei einer Turnstunde.
Buntes Programm wie in jedem anderen Kindergarten auch: Die 15 Kinder aus geflüchteten Familien werden an der Walther-Wolf-Straße betreut, hier sind sie bei einer Turnstunde. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Nadine Rau 23.07.2018
Seit April werden an der Walther-Wolf-Straße in Heidenheim 15 Kinder aus geflüchteten Familien auf eine Tagesbetreuung vorbereitet, die sie so nicht kennen. Das klappt gut, ist aber auch anstrengend.

Wenn man den Raum betritt, sieht es kaum anders aus als in jedem anderen Kindergarten auch. Jacken und Schuhe liegen an der Garderobe, drinnen sitzen Kinder am Tisch und puzzeln, andere knien auf einem bunten Teppich und setzen Duplosteine aufeinander. „Christaaa, stimmt das so?“, fragt ein Kind die Betreuerin – und hält ihr sein fertiges Auto samt Vorlage vor die Nase.

Es ist eins von 15 Kindern aus geflüchteten Familien, das seit April im Gebäude des ehemaligen Kindergarten St. Hedwig an der Walther-Wolf-Straße betreut wird. An drei Tagen, von Dienstag bis Donnerstag, kümmern sich die beiden Fachkräfte der Stadt Heidenheim, Christa Puntigam und Birgit Kliewer, um die Gruppe. Weil die Kinder es aus ihrem Heimatland nicht kennen, gemeinsam mit anderen Gleichaltrigen unter einem Dach betreut zu werden, sollen sie es hier lernen (siehe auch Infokasten), ehe sie in einen anderen Kindergarten oder gleich in die Schule kommen.

Volles Haus beim Bastelmittag

Die Kinder sind zwischen drei und sechs Jahren alt und kommen etwa aus Russland, Nigeria oder Syrien. In der Kindergruppe wird weitestgehend deutsch gesprochen, nur die Kleinen untereinander unterhalten sich auch mal in ihrer Muttersprache. Von zu Hause kennen sie das nicht anders, schließlich können auch die Eltern der Kinder noch nicht besonders gut deutsch. „Die Eltern stehen bei diesem Programm auch sehr im Fokus“, erklärt deshalb David Mittner, der bei der Stadt für den Bereich Kinder, Jugend und Familie zuständig ist.

Erst vor kurzem, so erzählt es die Betreuerin Puntigam, habe es einen Bastelnachmittag gegeben. Anmeldungen gab es zwar nur vier, gekommen seien schließlich aber zwölf Familien. Zum einen wissen sie demnach nicht, wie man hier mit Anmeldungen und ähnlichen Formularen umgeht, zum anderen haben sie aber Lust darauf, mit weiteren geflüchteten Familien und auch den beiden Betreuerinnen zusammenzukommen. „Frau Puntigam ist für uns ein Gewinn“, loben die Verantwortlichen der Stadt und des Landkreises. Vorher hat sie im Hölderlin-Kindergarten gearbeitet und verfügt über viel Erfahrung. Sie ist diejenige, die drei Mal pro Woche vor Ort erlebt, ob das Programm tatsächlich funktioniert oder nicht. Ihr Fazit: „Das klappt wunderbar, aber es ist sehr anstrengend.“ Mit 15 Kindern auf einmal habe sie nicht gerechnet, für nächstes Jahr würde sie sich freuen, wenn es etwas weniger wären. „Hier ist wirklich intensive Betreuung notwendig“, macht sie deutlich. Bevor die Räume an der Walther-Wolf-Straße fertig waren, gab es bereits zweimal pro Woche ein ähnliches Angebot im Kinderhaus Damaschkestraße.

Der Tagesablauf der jetzigen Gruppe ähnelt dem eines gewöhnlichen Kindergartens: Ankommen, Morgenkreis, gemeinsames Frühstück, spielen oder zum Beispiel turnen im eigens dafür vorhandenen Turnraum. Eine Dozentin kommt für diese Stunden extra vorbei. Die Kinder sind viel draußen, schließlich liegt das Gebäude direkt am Wald und bietet viel Platz. Bisher haben sie sich an der Natur, an Schnecken oder Schmetterlingen erfreut, es soll aber auch eine Schaukel und einen Sandkasten geben. Väter der Kinder haben sich schon dazu bereit erklärt, beim Schaufeln mitzuhelfen.

18 000 Euro für Renovierung

Renovierungsarbeiten im Inneren des Gebäudes wurden über städtische Haushaltsmittel finanziert, die Kosten beliefen sich auf 18 000 Euro. Gelohnt hat sich das auch deshalb, weil die Stadt ab September einen Teil des Gebäudes an die Lebenshilfe untervermieten wird.

Die Beleuchtung wurde erneuert, man hat alles gestrichen, die Sanitäranlagen mussten hergerichtet und Schutzvorrichtungen an die Heizungen montiert werden. Regale wurden etwa aus der früheren Stadtbibliothek übernommen.

„Im Geiste haben wir diesen Kindergarten schon hundert Mal abgerissen“, sagt Oberbürgermeister Bernhard Ilg. Jetzt sehe man, dass das Gebäude doch noch wichtig sei. „Die Stadt ist über dieses Programm sehr dankbar. Die verschiedenen Nationen kommen mit dem Ablauf eines Kindergartens hier nur schwerlich klar“, so Ilg.

Dankbar, so sagt es die Betreuerin Puntigam, sind auch die Eltern der 15 Kinder. „Sie treten mir gegenüber sehr entgegenkommend auf, bringen ihre Kinder regelmäßig und pünktlich und wissen das Angebot zu schätzen.“ Gemeinsam habe man auch schon Schultüten gebastelt – wieder so etwas, das Familien aus anderen Ländern gar nicht kennen.

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