Heidenheim Werner Koczwara präsentierte sein neues Programm im Konzerthaus

Von wegen Trollinger: Werner Koczwara im Konzerthaus.
Von wegen Trollinger: Werner Koczwara im Konzerthaus. © Foto: Rudi Weber
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 04.02.2019
Werner Koczwara serviert im Heidenheimer Konzerthaus sein neues Programm „Für eine Handvoll Trollinger“ und treibt dabei den Humor durchaus auf die Spitze des Niveaus.

Für eine Handvoll Trollinger“ steht auf dem Plakat, ohne das die Bühne im Konzerthaus leer wäre. Doch behaupte niemand, man habe ihn nicht gewarnt. Denn „Kabarett“ steht da auch. Und sollte sich noch jemand mitgebrachten Illusionen hingeben, erscheint nun, um diese im Keim zu ersticken, der Mann, dessen Konterfei das Plakat ebenfalls zeigt, höchstpersönlich auf der Szene. Trocken und humorlos stellt der klar, weder daran zu denken, hier und heute die späte schwäbische Version eines frühen Italowestern aufzuführen, noch beispielsweise gewillt zu sein, die Stimmung des Publikums durch eine Weinprobe aufzuhellen.

So weit, so schlecht: Aber immerhin weiß man nun, was einen erwartet. Nicht einmal ein Lemberger. Und schon gar nicht Clint Eastwood. Stattdessen: Kabarett. Und Werner Koczwara. Das immerhin ist ein Trost. Denn Koczwara kann Kabarett. Er ist ein Großmeister des Genres. Und wenn es dafür noch eines Beweises bedurft hätte, dann ist es dieser: Koczwaras neues Programm birgt gar nicht einmal wenige Inhalte seines viel älteren Schlagers „Der wüstenrote Neandertale“, in dem er seinerzeit unter anderem die Entwicklung des Menschen zum Bausparer geschildert hatte. Aber selbst die, die diese in Witwe-Bolte-Manier aufgewärmten Klassiker mehr oder weniger auswendig aufsagen könnten, lachen darüber wie diejenigen unter den 150 Besuchern, die davon noch nie etwas gehört hatten. Das muss man erst mal hinbekommen.

Spektakuläre Kindheitserinnerung

Und sonst? Kein Italowestern, kein Wein. So weit war das bereits klar. Und Trollinger? Das sind die Bewohner von Trollingen, einem schwäbischen Dorf, das Koczwara aus dem Effeff kennt. Schließlich ist er ein geborener Trollinger. Also erzählt er auch von Geburt an. Wobei er dann bald auf die vielleicht spektakulärste Kindheitserinnerung zu sprechen kommt, die je auf einer deutschen Kabarettbühne zu hören war. Er, der Werner, und seine fünf Geschwister hatten aufgrund des in unvorstellbar kargem Ambiente an der Schule in Trollingen verabreichten Religionsunterricht jahrelang geglaubt, evangelisch zu sein!

Das ist der Gipfel. Und es geht gerade mal ungefähr so weiter. Denn in allzuviel tiefer liegende schwindelnde Höhen des Humors steigt Koczwara erst gar nicht ab. Da ist der Pfarrer mit dem vor professioneller Demut triefenden Weihrauchsopran. und das ist nicht zuletzt der HvK, der Hund vom Kaiser, dem örtlichen Versicherungsmakler, ein Tier mit Nerven wie Drahtseilen, die es als Kampfhund der Bundeswehr in allen Krisenregionen der Welt gestählt hat. Der HvK, die einzige Trollinger Institution auf vier Beinen, hat zwei Jahre Gefangenschaft bei den Taliban überlebt und versteht die Frage „Ja, wo isch er denn?“ deshalb in allen afghanischen Mundarten ...

Ein rechtes Labsal ist auch Koczwaras Hang zur eleganten Formulierung. Der Mann bewegt sich sprachlich nicht etwa auf dem inzwischen bald allgemein anerkannten Niveau, das ein auf vielleicht zehn Hände voll begrenzter aktiver Wortschatz mit sich bringt. Koczwara redet geschliffen, auch wenn er das hinter der harten, aber herzlichen Schale des Schwaben mitunter zu verbergen sucht. Trotzdem kann er nicht anders. Und wiederum allein schon das macht ihn zu einer wohltuende Ausnahme im Vergleich zu all den anderen Könnern im Geschäft, für die die Bewerkstelligung des Gegenteils eine der leichtesten Übungen ist.

Was noch übrig bleibt von diesem rundum lohnenswerten Abstecher nach Trollingen? Unbedingt Koczwaras durch einen hochprozentigen Traum verursachter Besuch in der Hölle, wo fanatisierte Insassen inzwischen ein Rauchverbot durchgesetzt haben, das nötigenfalls von einer eigens dazu gegründeten und mit für einen solchen Ort schon aberwitzig anmutenden Lizenz zum Löschen ausgestatteten Feuerwehr exekutiert wird. Kein Wunder, dass der Teufel außer Nikotinpflastern auch noch Gummistiefel trägt.

In der Hölle und beim Kasperle

Tja, und dann, als weiterer und nachgerade olympischer Höhepunkt des Humors: das als kulturelles Beiprogramm zum Empfang der ersten Flüchtlinge in Trollingen gedachte Kasperltheater, bei dem auf der kleinen Bühne des Trollinger Kindergartens der für seinen avantgardistischen Ansatz gefürchtete Dorfpoet Regie führt. Unter anderem treten dabei auf ein Kasper, der das Kasperltheater für tot erklärt, ein Krokodil, das sich nach Verlesung sämtlicher Paragraphen des Tierschutzgesetzes erschießt und – ein Räuber, der sich als Unternehmensberater entpuppt und alle Kinderschüler entlässt... Ein echter Showdown. Wer braucht da noch Clint Eastwood?

Vier Tage Germanist

Werner Koczwara, Jahrgang 1977, geboren in Schwäbisch Gmünd, studierte nach dem Abitur „vier Tage“ Germanistik in Konstanz, 1978 zwei Semester Volkswirtschaft in Freiburg und 1979 bis 1985 Amerikanistik, Politik und Publizistik in München und Berlin. 1984 betrat er erstmals die Satirelandschaft mit einem kurzen Sketch und etablierte sich im Hörfunk. Ab 1986 wurde Werner Koczwara durch wiederholte Gastauftritte in Dieter Hildebrandts „Scheibenwischer“ bei einem breiten Publikum bekannt. 1989 erhielt er den Kleinkunstpreis „Salzburger Stier“ und wurde für die Hörfunksatire „Euradio“ (WDR) mit der Silbernen Rose von Montreux ausgezeichnet. 2017 erhielt Koczwara er den „Kleinkunstpreis Baden-Württemberg“.

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