Kultur Werner Brix: Wo beginnt denn der Wahn?

Der 52-jährige Österreicher Werner Brix ist kein platter Comedian, sondern ein mehrfach ausgezeichneter Meister des schwarzen, intelligenten Humors. Mit seinem Programm „Mit Vollgas zum Burn-out“ gastierte er im Lokschuppen.
Der 52-jährige Österreicher Werner Brix ist kein platter Comedian, sondern ein mehrfach ausgezeichneter Meister des schwarzen, intelligenten Humors. Mit seinem Programm „Mit Vollgas zum Burn-out“ gastierte er im Lokschuppen. © Foto: Rudi Weber
Heidenheim / Ursula Grüninger 07.11.2016
Ganz schön schräg ging es zu beim Auftritt des österreichischen Kabarettisten Werner Brix im Lokschuppen: Er war am Samstagabend Gast der Heidenheimer Kulturschiene.

Eine gute Prise Irrsinn, wohldosiert und in Humor gewickelt, war Teil der imaginären Therapiesitzung, die Werner Brix als Burn-out-Gefährdeter auf der Bühne des Lokschuppens mit sich selbst abhielt.

Der 52-jährige Brix, in Wien geboren und in Klosterneuburg aufgewachsen, ist kein Comedian, sondern ein mit diversen Preisen ausgezeichneter Vertreter des schwarzen, intellektuellen Humors. Platte Komik ist nicht sein Ding. Trotzdem bringt er seine Zuschauer zum Lachen – auch wenn denen das manchmal fast im Hals stecken bleibt. Er ist, neben seinen diversen anderen Aktivitäten, unter anderem als Theater- und Filmschauspieler, Regisseur und Coach, ein Kabarettist im besten Sinn.

Sein erfolgreiches Sologramm „Mit Vollgas zum Burn-out“ führt die Absurdität der Verfolgung eines bis ins letzte Detail getimten und gestylten Lebens vor Augen. Der paranoide Stress, den der in der heutigen Gesellschaft vorherrschende Glaubenssatz erzeugt: „Nur der Schnellste und Effektivste kommt durch“, lässt er auf der Bühne hautnah erleben.

Sein Programm ist eine rasante Abfolge von zunächst scheinbar völlig unzusammenhängenden Gedanken und Szenen. Brix€ Therapiegespräch mit dem fiktiven Psychiater wird immer wieder unterbrochen von seinen mobilen Telefonaten, denn seine Zeit ist, ganz klar, doppelt belegt. Ob es der völlig überforderte Kollege am anderen Ende der Leitung ist, dem er mit zunehmendem eigenen Kontrollverlust den Umgang mit dem Computer erklärt: „Nein, nicht am Telefon OK sagen! Auf die Tasten drücken!“ Oder ob seine sechsjährige Tochter auf der sofortigen Rezitation ihres Lieblings-Abendgedichts im Dada-Stil besteht: „Wir haben es mit Bachblüten versucht, vergebens.“

Brix schafft das alles scheinbar spielend. „Schließlich ist Stress nichts Negatives!“ Wären da nicht die lästigen körperlichen Symptome wie der juckende Ausschlag, die Schuppen oder die Hicks, die die permanent an ihn denkende Mutti auslöst. Brix in Hochform!

Tempo ist angesagt. Immer weiter, immer schneller: „Nur nicht mit Details aufhalten!“ Sei es das erste Matchboxauto oder die erste Frau. Was man einmal kennt, lohnt das zweite Hinsehen oder gar Nachdenken darüber nicht.

Kochen, essen? Keine Zeit! Die Unox-Brühe aus der Kaffeetasse, kalt oder warm durch den Strohhalm geschlürft „mit Bröckele oder ohne“ oder, noch besser, aus dem Trinkrucksack, denn die Hände müssen zum Arbeiten frei bleiben.

Dumm nur, wenn nicht alles so glatt läuft wie geplant und das fürs Pinkeln disponierte Zeitfenster schrumpft. „Dann geht's halt öfters in die Hose.“ Ein Opfer muss man wohl bringen.

Kläglich scheitert auch der Therapieansatz des Psychiaters, fünf Minuten lang zu schweigen. Der „Fülltext“, mit dem Brix die unerträglich lange Zeit überbrückt, bringt sein schauspielerisches Talent dafür umso besser zur Geltung.

Wo endet die Normalität und wo beginnt der Wahn? Für Brix sind die Übergänge fließend. In der Drehtür des Mega-Einkaufscenters, akustisch vollflächig zugedröhnt und hektisch getrieben vom Konsumzwang, verliert und verheddert er sich in geradezu transzendenten Begegnungen und Erfahrungen. Drei Personen namens Herr Gott, O Gott und Lieber Gott kreuzen seinen Weg auf der Flucht aus dem Megaplexx. „Bin ich schon tot?“

Hier ist jedenfalls seine Chance, die großen Fragen der Menschheit zu adressieren. Aber welche sind das? Das Geheimnis der Schweiz, das Elend der Welt? Stress pur! Die Fragen bleiben offen, doch einige Antworten schnappt Brix quasi im Vorbeigehen auf: Bei ihrer blinden Hetze nach dem perfekten Leben haben die Menschen die Gegenwart verloren. Sie genießen ihre Ziele nicht, wenn sie sie erreicht haben.

Schnitt: Nach dem Sprung (ohne Fallschirm) aus dem abstürzenden Flugzeug, in Gesellschaft anderer obskurer „Götter“ wie Bush, Bin Laden, Putin und Berlusconi geht es rasant abwärts. Erst kurz vor dem Aufprall wird er aus der Drehtür des Einkaufscenters befreit. Was ist real und was nicht? „Papa muss schleunigst entschleunigen“, lautet der Ratschlag der Tochter. „Geht nicht, solange Geld der einzige Wert ist“, so Brix€ Antwort.

Damit entlässt er sein Publikum in die Nacht. Mache man draus, was man kann. Zum Schluss noch ein Handyphoto der jubelnden Menge – natürlich.