Heidenheim Jubiläum: 20-jähriges Bestehen der Notfallseelsorge

Heidenheim / Klaus-Dieter Kirschner 15.10.2018
Beim Jubiläums-Festakt der Notfallseelsorge würdigten die Redner die Zusammenarbeit der Kirchen mit dem Kriseninterventionsteam des DRK. Allein 2017 gab es Hilfe für mehr als 500 Menschen.

Die wohl ehrlichste Rede beim Festakt zum 20-jährigen Bestehen der Nofallseelsorge und die nunmehr zehnjährige Zusammenarbeit mit dem Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes (KiD) hielt am Freitagabend Albert Tränkle, der Präsident des DRK-Kreisverbandes.

In jungen Jahren war er Sanka-Fahrer, erlebte vielfach furchtbares Leid. Wenn Angehörige im Klinikum auf die Nachricht aus dem Operationssaal warteten, schlich Tränkle mit gesenktem Haupt an allen vorbei und suchte eine ruhige Ecke, um bitterlich zu weinen: „Da war keiner, der mir helfen konnte. Danke dass es diese Hilfe für die Seele heute gibt. Gebt bitte nicht auf! Ihre Arbeit ist so wichtig und unersetzlich.“

„Die Einsatzkräfte gehen und wir bleiben da“, beschrieb der Leitende Notfallseelsorger und Heldenfinger Pfarrer Rolf Wachter die Situation bei vielen Ereignissen.

Abschied und Neubeginn

Zum Auftakt des Doppeljubiläums feierten der katholische Dekan Dr. Sven van Meegen und Landespolizeipfarrer Ulrich Enders im Versöhnungsgemeindehaus einen ökumenischer Gottesdienst, den ein Bläser-Quintett und Ann-Kathrin Roth auf der Orgel musikalisch umrahmten.

In diesem Rahmen wurden neue Notfallseelsorger eingesetzt: Stefan Wietschorke, Thomas Haselbauer, Elisabeth Redelstein und Christoph Burgenmeister, sowie vom Kriseninterventionsdienst Ute Hommel, Petra Bonauer, Christiane Imdahl, Daniel Dück und Ingrid Constroffer. Verabschiedet wurden, in dem sie die Einsatzjacken an die Nachfolger übergaben: Pastoralreferent i.R. Bruno Möhler, Pastor i.R. Martin Bültge und die Pfarrer Andreas Neumeister und Eva-Maria Busch.

Beim Festakt hielten im lockeren Dialog Holger Look (Kriseninterventionsdienst) und Pfarrer Michael Williamson Rückschau auf die vergangenen zwei Jahrzehnte und meinten im Blick auf die Zukunft: „Vor 20 Jahren war es viel leichter, 20 Frauen und Männer zur Mitarbeit zu finden als heute.“

Seelsorger betreuten mehr als 530 Menschen

Von „einer beispielhaften Sorge für Menschen in äußerst schwersten Situationen“ sprach Vize-Landrat Peter Polta: „Wir sind froh und dankbar für die rund 30 Personen, die heute diese ungemein wichtige Aufgabe der Notfallseelsorge erfüllen. Die Zahlen sprechen für sich: 2016 wurden bei 69 Einsätzen rund 300 Menschen betreut. 2017 waren es 535 Personen bei 66 Einsätzen und 160 Einsatzstunden“. Polta nannte die Notfallseelsorge unverzichtbar und sicherte seitens des Landkreises weiterhin finanzielle Mittel zu. So würden weiter neue Funkalarmwecker und Einsatzjacken angeschafft.

Auch Seelsorger brauchen Seelsorge

„Größten Respekt“ vor der Arbeit der Notfallseelsorge bekundete die Co-Dekanin Dorothea Schwarz namens des evangelischen Kirchenbezirks. Die Landeskirche wolle die Notfallseelsorge noch stärker fördern in der Hilfe für die Helfenden. Auch Seelsorger bräuchten Seelsorge, um all die Eindrücke verarbeiten zu können.

„Auch in unseren Reihen haben wir Betroffene“, bestätigte Uli Steeger, Stellvertretender Kreisbrandmeister und Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbandes. Er dankte für Unterstützung: „Stets wurde prima Erste Hilfe für die Seele geleistet“.

Dankbar für all das Vertrauen, das zwischen Polizei und Notfallseelsorgern über die Jahre gewachsen ist, zeigte sich Erster Polizeihauptkommissar Dieter Knolmar. Er war einer der ersten Polizeibeamten, die sich als Konfliktberater ausbilden ließen und damit zum Helfer für traumatisierte Kollegen wurden. Knolmar, der in wenigen Wochen als Leiter des Polizeireviers Giengen in den Ruhestand geht, begrüßte, dass bei Einsatznachbesprechungen auch die Notfallseelsorge mit Rat vertreten sei.

Oberärztin Dr.med. Monika Enderle (Ostalbklinikum Aalen) sprach zum Thema: „Wenn die Rettung zum Stress wird“. Sie nannte die Erkennungszeichen für posttraumatischen Belastungen und gab Rat zur Hilfe: Wichtig blieben achtsame Vorgesetzte, die Einsatzreflexion und die Supervision: Auch Seelsorger brauchen Seelsorge.

Die Anfänge nach schweren Unglücken

Auslöser für die Gründung der NotfallseeIsorge im Kreis Heidenheim waren das Zugunglück von Eschede mit über 100 Toten, Großbrände mit vielen Opfern, ein schweres Busunglück bei Villingen-Schwenningen mit über 20 Toten und Befürchtungen im Blick auf ein mögliches Unfallgeschehen auf der Autobahn im Landkreis.

Als Väter der Notfallseelsorge wurden beim Festakt der frühere Stellvertretende Kreisbrandmeister Günter Spahr, Pastoralreferent Karl-Heinz Kocka und Klaus-Dieter Kirschner begrüßt. Der Mitbegründer und jetzige Ruhestandspfarrer Karl Benz (ehedem Hürben) ließ schriftlich grüßen. Pfarrer Rolf Wachter zitierte aus dem Brief: „Selbst nach zehn Jahren im Ruhestand kommen einem die schrecklichen Bilder und Erfahrungen wieder, wenn draußen irgendwo Martinshorn dröhnt.“

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