Ja, die gibt's noch (Teil 5) Wenn Sandstumpen-Gerd an der Kurbel dreht

Musik aus dem Handgelenk: Gerd Duda und seine Drehorgel.
Musik aus dem Handgelenk: Gerd Duda und seine Drehorgel. © Foto: mw
Heidenheim / Manuela Wolf 24.06.2018
Alles ist im Wandel, vieles gerät auf's Abstellgleis – oder? Wir zeigen, wer einfach weitermacht. Heute geht es um Drehorgelspieler.

Drehorgeln? Na klar! Gerd Duda nickt. „Jeder kann das. Man muss sich nur hinstellen und loslegen“, sagt er. „Am einfachsten ist es natürlich, wenn man das Lied kennt. Wegen der Geschwindigkeit.“ Er nimmt den linken Arm leicht nach oben und stützt ihn auf seiner imaginären Drehorgel ab. Mit der rechten Hand kreiselt er durch die Luft. Mit einem Mal ist der ganze Mann in Bewegung. Er lacht, seine Augen lachen mit. „Ach, ich dreh einfach für mein Leben gern“, sagt der 75-Jährige und summt eine fröhliche Melodie.

Die Liebe zu diesem Instrument und seinem satten, schwungvollen Klang begleitet den gebürtigen Berliner schon sein ganzes Leben. Wenn er als kleiner Bub den Drehorgel-Spieler im Hinterhof hörte, rannte er nach draußen und sammelte die Münzen auf, die Hausfrauen als Dank für die willkommene Unterhaltung in Zeitungspapier einwickelten und aus dem Fenster warfen. 1961 zog die Familie von Zehlendorf im Südwesten der heutigen Hauptstadt nach Steinheim am Albuch. Gerd Dudas Vater hatte dort eine Stelle als Busfahrer angenommen. Der Sohn folgte ihm bald nach. Über Jahrzehnte hinweg saß er von Berufswegen am Steuer, wurde in dieser Zeit zweimal Vater, begann mit dem Sammeln von Briefmarken, wurde Mitglied in einer Volkstanzgruppe. Es war eine arbeitsreiche, aber beschauliche Zeit. Eigentlich fehlte es ihm an nichts.

Zum Start nur fünf Titel...

Eigentlich. „Bis auf eine Drehorgel. Aber meine Frau hat immer gesagt, solange Du als Busfahrer arbeitest, kannst Du nicht mit dem Leierkasten betteln gehen, dich kennen ja alle.“ Und dann kam sein 60. Geburtstag. Zehn Jahr zuvor hatte der Jubilar eine kleine Tisch-Drehorgel bekommen, die er überall mit hinschleppte. Fünf Lochbänder gehörten dazu, die von Hand zurückgekurbelt werden mussten. Das begrenzte Repertoire ging bald allen auf die Nerven „außer mir natürlich“. Aber dann: Seine Eltern und seine Frau erfüllten ihm seinen Herzenswunsch. „Ich werde diesen Tag nie vergessen, er hat mein Leben verändert. Seitdem habe ich so viele schöne Stunden verlebt.“ „Das stimmt wohl“, ruft seine Frau Gudrun, die in der Küche nebenan Mittagessen kocht. „Zuerst kommt die Drehorgel. Dann kommt lange nichts. Dann kommt nochmal die Drehorgel und dann alles andere.“

...und heute über 800

Das erste Wunsch-Instrument wurde bald gegen ein zweites, ein größeres eingetauscht, mit mehr Titeln, mehr Pfeifen ergo mehr Tönen und einfacherer Handhabung. Vor ein paar Jahren dann die dritte kostspielige Anschaffung: eine wunderschöne Deleika mit Memory-Funktion. Auf einer Art Chip sind 824 Lieder gespeichert. „Die Vielfalt macht das ganze so teuer“, erklärt Duda, „jedes Lied kostet 25 Euro.“ Natürlich hat er noch nicht jedes einzelne gedreht. Aber es vergeht kein Auftritt, bei dem nicht jemand stehen bleibt und fragt: Sandstumpen-Gerd, hast du vielleicht mein Lieblingslied dabei?

Anfangs hatte der Steinheimer Scheu, vor Publikum aufzutreten. Inzwischen geht er ohne seine Deleika nur noch ungern aus dem Haus: „Die Wahrscheinlichkeit, das ich eine Einladung annehme, wenn ich sie mitbringen darf, ist sehr hoch. Ansonsten bleibe ich eigentlich lieber daheim.“

Barbarenorgel, Leierkasten und Werkelmänner: Drehorgel-Wissen

Wirklich alt sind Drehorgeln musikgeschichtlich nicht. Anders als bei vielen anderen Instrumenten gibt es keine antiken Vorbilder, erst in der frühen Neuzeit kamen die mechanischen Instrumente auf. Eines der ältesten erhaltenen Exemplare findet sich im Vatikan.

Die „Orgel zum Mitnehmen“ war anfangs äußerst nobel: Gebaut wurde sie von Orgelmanufakturen, gespielt in adligen Salons und kleinen Kirchen.

Erst im 18. Jahrhundert wurde die Drehorgel zum typischen Instrument von Gauklern, Straßenmusikern und Schaustellern. Aus dieser Zeit stammte auch die Tradition, kleine Äffchen auf die Orgeln zu setzen. Sie sammelten das Geld der Zuhörer ein - der Legende nach manchmal auch per Griff in die Taschen des Publikums.

In Österreich nennt man Drehorgelspieler übrigens „Werkelmänner“, und in Frankreich nennt man das Instrument „Orgue de Barbarie“, also „Barbarenorgel“. Tatsächlich führte ein Italiener namens Barberi das Intsrument ab 1702 in Frankreich ein.

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