Heidenheim Wenn Purismus üppig wird: Heidenheims dritte Oper

Heidenheim / Manfred F. Kubiak 21.07.2018
Tobias Heyder und Marcus Bosch erzählen Giuseppe Verdis „I Lombardi“ über alle textlichen und musikalischen Widersprüche hinweg packend, atmosphärisch dicht und interpretatorisch ganz erstaunlich kongruent.

Weniger Stühle, dafür ein Tisch. Und sonst eigentlich nichts. Tobias Heyder bleibt sich treu, und der Purismus von „Oberto“, dem ersten Streich, hat wieder Einzug gehalten in die Verdi-Reihe der Opernfestspiele nach dem dem opulenten Komödienkracher zuletzt, den Heyder vielleicht ja sogar augenzwinkernd zitiert, als er im ersten Akt Paganos Mordbrenner in Tarnkleidung steckt, die aus dem Gastronomiegewerbe entlehnt ist, in dem vor Jahresfrist Barbora Haráková-Joly „Un giorno di regno“ hatte spielen lassen.

Heuer aber gilt's in Heidenheim „I Lombardi“, dem vierten Werk aus der Feder des frühen Verdi und aus einer Zeit, als dieser nur eines im Sinn haben konnte: den Erfolg des „Nabucco“ zu bestätigen und sich als nicht mehr nur aufgehender, sondern bereits aufgegangener neuer Stern am italienischen Opernhimmel zu positionieren. Damals galt es, Publikum und Kritiker mit Neuem zu überzeugen. Heute indes geht es eher darum, den Grund dafür zu liefern, was das Ganze noch mit unserer Lebensrealität zu tun haben könnte.

Keine leichte Aufgabe. Nicht nur szenisch, wo eine der der Logik und des inneren Zusammenhangs am meisten entbehrenden Geschichten der an solchen Storys nicht unbedingt armen Opernliteratur eine immense Herausforderung an den Regisseur darstellt. Sondern auch musikalisch, da sich Dirigent und Orchester ja nicht im gewissermaßen leeren Raum einer konzertanten Aufführung bewegen, sondern idealerweise wenigstens auf Tuchfühlung mit dem auf der Bühne Verhandelten sein sollten. Was wiederum beim frühen Verdi auch so eine Sache ist.

Im Zusammenhang mit dem „Nabucco“ – wunderbarerweise sorgen die Festspiele in dieser Saison dafür, dass die für den Wandel des Komponisten vom unverdientermaßen durchgefallenen Anfänger zum bis heute endlos bejubelten Hitschreiber exemplarischen Opern drei und vier nebeneinander gehört werden können – war ja an dieser Stelle bereits von der Inkongruenz von Musik und Text beim frühen Verdi die Rede gewesen. Allerdings kommt in dieser Hinsicht der „Nabucco“ beinahe schon aus einem Guss daher, wenn man ihn mit „I Lombardi“ vergleicht, einem Opus, das textmusikalisch nun wirklich alles andere als ausbalanciert ist.

Effekt und Allüre

Man höre sich nur einmal den Kreuzfahrerchor im vierten Akt an, gewissermaßen den kleinen Bruder des Gefangenenchors aus „Nabucco“, der ein Musterbeispiel dafür ist, dass Verdi hier in dem Bestreben, einem grandiosen Publikumserfolg einen weiteren folgen zu lassen, ohne mit der Wimper zu zucken auch den Effekt und die Allüre in Kauf nimmt. Auch das späterhin noch bedeutsamer werdende und bei den Erstlingen „Oberto“ und „Un giorno di regno“ praktisch nicht vorhandene Hum-ta-ta und Tschingderassabum findet in der Partitur von „I Lombardi“ schon deutlich Anwendung. Der Opernprofi Verdi hat gelernt, fürs Publikum zu schreiben. Man sollte sich allerdings hüten, das geringzuschätzen. Denn etwas blöd zu finden, nur weil es den Leuten gefällt, ist, dies nur am Rande, oft auch nichts anderes als Allüre.

So viel vorweg. Und was macht man nun in Heidenheim aus alldem? Eine atmosphärisch sehr dichte und – siehe da! – szenisch-musikalisch aufregend kongruente Angelegenheit, die schon beinahe ein Maximum aus dem Vorgefundenen herausholt. Wobei der Trick letztendlich der ist, dass hier weder Regie noch Musik versuchen, die Widersprüche und Gräben, die sich in Libretto wie Partitur auftun, zu überbrücken, indem man sie etwa durch Zutaten oder Kontraste zu erklären oder gar zu verschärfen trachtet. Wenn man so will, ebnen sowohl Tobias Heyder als auch Marcus Bosch den Weg über die Löcher oder die Schlucht also nicht dadurch, dass sie diese auffüllen, sondern indem sie eine Brücke bauen.

Das sieht dann bei Tobias Heyder, der selbstverständlich auch wieder ein Höchstmaß an guter Personenführung demonstriert, so aus, dass er sich darauf beschränkt, die Brüder Arvino und Pagano als die zwei Fanatiker herauszuarbeiten, die sie sind, sodann zeigt, was es aus zwei Menschen machen kann, wenn nach der Trennung der eine den anderen weiterliebt, und schließlich den Blick für ein junges Mädchen schärft, das sich vom Vater, auch und vor allem von dessen politisch-religiösen Vorstellungen, emanzipiert.

Darüber hinaus und gewissermaßen nebenher erzählt Heyder das, was uns aus heutiger Sicht an dieser zwischen Bruderzwist, verklärender Kreuzritter-Romantik, unglücklicher Liebe und überreligiöser Hysterie hin und her schwankenden Geschichte als Unfug erscheinen muss, mit durchaus angemessen durchscheinender humoristischer Schlagseite – etwa wenn „Europas Heer“ dahergefuchtelt kommt –, ohne aber je etwas oder jemanden lächerlich zu machen. Und am Ende sind wir dann in der Nachbarschaft des epischen Theaters angelangt, wo es nicht zuletzt auch am Publikum ist, sich einen eigenen Reim auf das Erlebte zu machen.

Not und Tugend

Das mag sich alles so anhören, als arbeite die Regie holzschnittartig. Und wenn man so will, tut sie das auch. Allerdings in der Form, dass sie so aus der Not des Librettos die Tugend dieser Inszenierung macht. Und rein optisch münden die auf diese Weise zahlreich entstehenden einzelnen Szenen nicht zuletzt auch dank der grandiosen Lichtregie von Hartmut Litzinger und den wie immer äußerst passend und geschmackvoll geschneiderten Kostümen von Janine Werthmann in – Purismus hin, Purismus her – üppige, um nicht zu sagen sinnliche Tableaus, die in ihrer Ästhetik auch für sich allein stehend zu genießen sind.

Hier setzt auch die musikalische Interpretation durch Marcus Bosch an. Es gibt, regiebedingt, viele, viele Vorhänge und Unterbrechungen in dieser Inszenierung. Und auch hier wird aus dem, was sich zur Not auswachsen könnte, eine Tugend, indem Marcus Bosch und die wie selbstverständlich an allen Pulten in Bestform angetretene „Cappella Aquileia“ ebenfalls in Szenen, in Tableaus denken und so den Herzschlag dieser Inszenierung auch musikalisch umsetzen.

Das alles klingt dann mitunter so frisch und so intuitiv, als sei es gerade eben erfunden worden, wobei insbesondere in rhythmischer Hinsicht oft wie nebenbei Waghalsiges geleistet wird. Selbstverständlich wird hin und wieder vorgeführt, wie leise die „Cappella“ kann. Allerdings haut Bosch diesmal auch mit Genuss den Lukas, wobei der Hammer nie mit roher Kraft, sondern in stets eleganter, fließender Bewegung geschwungen wird.

Und dann der Chor! Die Brünner, wenn das überhaupt möglich sein sollte, übertreffen sich selbst und sind die sängerischen Hauptdarsteller eines in dieser Hinsicht über die weitesten Strecken großen Abends, dem solistisch insbesondere auch der mit fundamentaler Tiefe bestechende Pavel Kudinov als Pagano und Ania Jeruc als Giselda ihren Stempel aufdrücken. Die Polin verfügt über einen veritablen Spinto-Sopran, dessen dramatische Seite noch mehr frappiert als die lyrische. Die Intensität ihrer Vorstellung auf der Bühne vor den 700 Besuchern im Festspielhaus war zeitweise atemberaubend.

Ewig schade drum, dass man sie und die anderen im homogen besetzten Ensemble lediglich ganze zweimal erleben kann. Da hilft dann nur die Vorfreude auf die CD dieser Produktion, die im kommenden Frühjahr erscheinen wird.

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