Heidenheim / Günter Trittner Bei durchschnittlich 25 geschiedenen Paaren pro Jahr ist eine spezielle Aufsicht erforderlich, wenn ein Elternteil Umgang mit dem Kind hat. Für diese Treffen soll es künftig mehr Freiraum geben.

Auch wenn die Scheidungsquote in Deutschland seit Jahren sinkt, von fünf Ehen scheitern immer noch zwei. Nicht nur an den Erwachsenen gehen solche Krisen nicht spurlos vorbei. Es leiden auch die Kinder, wenn Eltern auseinander gehen. Im Jahr 2017 zählte man bundesweit 125 563 Scheidungskinder, über deren weiteres Aufwachsen die Eltern nicht immer einig sind.

Hochstrittige Fälle

Fünf bis zehn Prozent der Scheidungsfälle gelten sogar in dieser Hinsicht als hochstrittig. Jugendamt und letztlich das Familiengericht müssen dann klären, wie der Umgang mit dem Kind vonstatten gehen soll.

Im Fachbereich Jugendhilfe der Landkreisverwaltung führen die vier Mitarbeiter der Fachberatungsstelle für Partnerschaft, Trennung und Umgang pro Woche mindestens drei Gespräche mit Elternteilen, bei denen es um den Umgang mit den Kindern geht.

Schutz des Kindes geht vor

In rund 25 Fällen im Jahr geht es um noch mehr. „Wenn das Wohl des Kindes bedroht scheint“, so Franziska Eberhardt, die zuständige Fachfrau in der Beratungsstelle, „dann wird ein betreuter Umfang richterlich festgesetzt.“ Das heißt, das Treffen mit dem Kind findet unter Aufsicht statt.

Die Jugendhilfe arbeitet dazu mit dem Kinderschutzbund zusammen, der die Räume für den betreuten Umgang und auch eine dafür qualifizierte Fachkraft zur Verfügung stellt. Yvonne Kälble, die zuständige Geschäftsbereichsleiterin im Landratsamt und Franziska Eberhardt wollen auch andere Situationen für die Treffen ermöglichen. Für ihre Fortschreibung der Konzeption haben sie bereits die volle Zustimmung des Jugendhilfeausschusses erhalten, dem sie jüngst ihre Vorstellungen erläuterten.

Treffen sollen individueller ausgestaltet werden

Es sind Erfahrungswerte, welche Eberhardt dazu gebracht haben, das Feld, auf dem die Treffen stattfinden können, auszuweiten. Elternteil und Kind sollten unbeschwerter und ungezwungener in Kontakt zueinander kommen können. Der Aufenthalt in einem fremden Raum hat für Eberhardt „etwas Künstliches“. Um die sowieso nicht einfache Situation zwischen Elternteil und Kind zu entspannen, sollen die Treffen individuell geregelt werden. Denkbar ist für Eberhardt als Treffpunkt auch ein Spielplatz, ein Kletterpark oder eine Eisdiele. „Man muss die Familie neu betrachten und schauen, was passt.“ Aber weiterhin wird immer im Hintergrund eine fachliche Begleitung dabei sein.

Für eine halbes Jahr angeordnet

Als zweites möchte die Jugendhilfe beim betreuten Umgang die Beratung der Eltern und bei Bedarf auch die des Kindes verstärken, damit es rascher zu einer Normalisierung kommt. Der betreute Umgang wird jeweils für die Dauer eines halben Jahres angeordnet. Es können psychische Probleme der Erwachsenen sein, eine Sucht oder andere Risiken, welche es Jugendamt und Gericht angezeigt scheinen lassen, zum Schutz des Kindes bei den Treffen eine Begleitperson einzuschalten. Anlass kann aber nicht das bloße Misstrauen sein, das geschiedene Eltern gegenüber ihrem früheren Partner oft zeigen. „Viele bitten um einen begleiteten Umgang, weil sie fürchten, der Partner wolle das Kind auf seine Seite ziehen“, berichtet Eberhardt.

„Wir schauen schon genau hin“, sagt Kälble. Bevor auf einen der Helfer beim Kinderschutzbund zurückgegriffen wird, prüfe man, ob sich nicht im Umfeld der Familie Personen wie etwa Großeltern oder Verwandte finden, welche die Treffen begleiten können. Das Jugendamt versuche grundsätzlich Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. „Wir erwarten auch von den Eltern, dass sie die Dinge wieder selbst regeln können.“, so Kälble.

Recht auf Umgang haben Kinder und Eltern

Rechtlich hat in Deutschland das Kind einen Anspruch auf den Umgang mit beiden Elternteilen. Aber auch die Elternteile haben, selbst wenn sie über kein Sorgerecht verfügen, den Anspruch ihr Kind in regelmäßigen Abständen zu treffen und mit ihm Kontakt haben zu können. In ihren Beratungsgesprächen hat Eberhardt erfahren, wie schwer es sein kann, ein Einvernehmen der Eltern dazu herzustellen. Gestritten werde um Ort, Zeit und Häufigkeit der Treffen, um die Wahl des Kindergartens, der Schule, des Arztes, ob das Kind geimpft wird oder wie viel Taschengeld es erhält. Jeder Aspekt des Lebens könne zu Differenzen führen, bei denen das Jugendamt als Vermittler oder letzten Endes das Familiengericht als Entscheider angerufen werde. Vielfach seien es bereits die Scheidungsanwälte, welche die Eltern auf diese Beratungsstelle im Jugendamt hinwiesen.

Heidenheimer Praxis

Die seit 2005 gehandhabte Heidenheimer Praxis ist ein Zusammenschluss von Anwaltschaft, Familiengericht, Jugendamt, Verfahrensbeistandschaft und der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche im Landkreis Heidenheim. Ziel ist es, die Eltern während der Phase von Trennung und Scheidung, in der Erarbeitung einer einvernehmlichen, tragfähigen und dauerhaften Lösung zum Umgang mit den Kindern oder zum Sorgerecht zu unterstützen. Dies ist besonders wichtig, da Kinder, vor allem in dieser Zeit, Eltern benötigen, die zusammenarbeiten. Noch vor der Anhörung beim Familiengericht wird versucht, mit den Eltern eine einvernehmliche Lösung zu erarbeiten. Kinder in diesen Lebenssituationen haben überwiegend den Wunsch, die Beziehung zu beiden Elternteilen aufrecht zu erhalten. Die Realisierung dieses Wunsches wird durch das Jugendamt unterstützt.