Heidenheim Weltstar Dorothee Mields singt vorm Finale der Fußball-WM

In der Alten Musik eine ganz große Nummer: die Sopranistin Dorothee Mields.
In der Alten Musik eine ganz große Nummer: die Sopranistin Dorothee Mields. © Foto: Harald Hoffmann
Heidenheim / Manfred F. Kubiak 05.07.2018
Die Sopranistin Dorothee Mields ist ein Weltstar in Sachen Alte Musik, ging auf Schalke zur Schule, erinnert sich an Heidenheim und wird hier am Finaltag der Fußball-WM singen.

Da müsste schon Dänemark Fußball-Weltmeister werden, damit der kommende 15. Juli eine größere Sensation zu bieten hat als die, dass am Finaltag der WM die Sopranistin Dorothee Mields in Heidenheim auftritt, ein absoluter Weltstar in Sachen Alte Musik. Zu erleben sein wird sie in der Pauluskirche gemeinsam mit der Berliner „Lautten Compagney“ und dem Blockflötisten Stefan Temmingh, allesamt ebenfalls Superstars der Szene.

Sie stammen aus Gelsenkirchen, Frau Mields, und sind beruflich im Barock zu Hause...

(Dorothee Mields beginnt zu lachen)

... was nicht ohne Assoziationen abgehen kann, die die Geschichte des Möbel-Designs berühren...

(lacht herzlich weiter)

... Gibt es dank Ihnen nun auch Gelsenkirchener Barock in der Musik oder ist der womöglich sogar älter als die massigen, ornamentreichen Wohnzimmer-Buffets der 1950er-Jahre, für die der Begriff steht?

(beruhigt sich langsam) Gelsenkirchen gab's im 17. und 18. Jahrhundert ja noch gar nicht so richtig, denn die Stadt ist das Ergebnis mehrerer späterer Gebietsreformen. Dafür haben wir in der Gegend zahlreiche schöne Wasserschlösser, auch aus der Barockzeit...

in denen bestimmt auch musiziert wurde...

... davon gehe ich aus...

... und möglicherweise nach Noten einheimischer Komponisten.

Ah, jetzt verstehe ich! Da bringen Sie mich aber auf eine Idee, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dem sollte man tatsächlich nachgehen, da klemm ich mich auf jeden Fall mal dahinter; vielleicht warten ja wirklich ein paar Schätze darauf, gehoben zu werden. Gelsenkirchener Barock in der Musik, da bin ich jetzt aber sehr gespannt, ob sich was finden lässt.

Dann gleich noch einmal Gelsenkirchen: Dort geht man doch eher zum Fußball auf Schalke. Wie wird man da Sängerin?

Na, oléoléolé (singt), das kräftigt die Stimmbänder. Aber ich muss zugeben, dass ich es, obwohl wir genau gegenüber vom Schalker Vereinsheim gewohnt haben, mit dem Fußball eigentlich nie so gehabt habe...

... jetzt betrüben Sie den Enkel eines Bergmanns, der als Kind noch mit dem Vater in die Glückauf-Kampfbahn gegangen ist...

... (lacht) obwohl ich natürlich sagen darf, dass gerade die Schalker Fans im Vergleich lauter harmlose Frohnaturen sind; da habe ich so einige andere erlebt auf Bahnhöfen.

Die aus Dortmund sind schlimmer?

Das sagt man jedenfalls in Schalke! (lacht)

Haben Sie als junges Mädchen schon von Barockmusik geträumt oder doch eher davon, die Aida zu singen oder die Tosca?

Ich habe ja tatsächlich als Tosca angefangen, mit sechs, da habe ich mit Begeisterung Arien aus „Tosca“ oder „La Bohème“ nachgesungen. Und ich war ein totaler Fan von José Carreras. Ich habe mit neun einen Roman geschrieben mit mir als Hauptperson, die verheiratet war mit José Carreras, und wir haben gemeinsam an der Oper in Alicante gesungen und selbstverständlich auch ein Gestüt gehabt (lacht). Dann bin ich in der neunten Klasse nach Essen aufs musische Gymnasium gewechselt. Dort gab's einen Mathe-Referendar, der ebenfalls aus Gelsenkirchen stammte und Gambe gespielt hat. Er hat mich immer im Auto mit in die Schule genommen und bei der Gelegenheit Aufnahmen mit Emma Kirkby vorgespielt. So bin ich mit Barockgesang in Berührung gekommen und fand nach und nach irgendwie heraus, dass meine Stimme zur Barockmusik besser passt als zur Tosca. Und dann gab's in Essen noch einen anderen Lehrer, der Laute spielte. Da haben wir zu dritt ein Ensemble gegründet, im Sommer Straßenmusik gemacht und eines Tages einen Ausflug nach Stuttgart, wo wir nicht nur in der Fußgängerzone gespielt, sondern uns auch Karten für die Tage der Alten Musik gekauft haben. Bei der Gelegenheit habe ich das Amsterdam Baroque Orchestra gehört, das hat mich direkt umgehauen, da ist mir richtig das Herz aufgegangen.

Sie haben dann aber dennoch zunächst Operngesang studiert.

Richtig, an der Musikhochschule in Bremen. Aber ich hatte zuvor auch schon eine Lehrerin in Alter Musik. Und dann habe ich in Bremen eher zufällig erfahren, dass es dort eine, damals noch private, Akademie für Alte Musik gibt. Da habe ich nicht nur Hille Perl und Ludger Rémy kennengelernt, sondern bin gewissermaßen so ein bisschen mitgelaufen. Später an der Musikhochschule in Stuttgart habe ich mit Júlia Hamari eine großartige Lehrerin gehabt, die mich zwar lieber in Richtung Belcanto geführt hätte – über Alte Musik haben wir immer ein wenig gezankt –, bei der ich aber in Sachen Donizetti und Bellini viel technisches Rüstzeug mitgenommen habe, das mir bei der Alten Musik zupasskommt.

Was unterscheidet den Gesang in der Barockmusik von dem, na, bleiben wir bei Puccini und Verdi?

Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Nehmen Sie mal Städte aus dem Mittelalter oder eben der Barockzeit, die sind verwinkelt, verschachtelt. Mit einem großen Lastwagen kommen Sie da nicht ohne Weiteres durch, da hat man so seine Schwierigkeiten, selbst wenn man ein ganz toller Lastwagenfahrer ist. Mit einem italienischen Piaggio, diesem Zweitakter-Dreirad, geht hingegen alles viel leichter. Verdi ist ein wenig wie mit dem Porsche über die Autobahn brettern, Barockmusik erfordert viel mehr Flexibilität und Feintuning.

Hat das dann auch etwas mit der Größe der Stimme zu tun?

Nicht unbedingt, aber vielleicht ist Barockmusik mit einer kleinen Stimme einfacher zu singen, mag sein. Nehmen wir noch einmal den tollen Truckfahrer: Der kommt irgendwann schon durch die verwinkelten Gassen, aber das dauert seine Zeit und sieht vielleicht auch nicht ganz so elegant aus. Im Barock steht die Flexibilität über allem, der Ton ist immer am Auf- und Abschwellen, es braucht viel Detailarbeit. Aber als Gelsenkirchenerin habe ich ja eine natürlich Vorliebe für Ornament und Schnörkel... (lacht).

Was Barockmusik angeht, sind Sie in Deutschland die mit Abstand erste Stimme. Warum hat es eigentlich so lange gebraucht, bis in einem Land, wo es an barocker musikalischer Tradition wahrlich nicht mangelt, tatsächlich auch mal eine echte Barocksängerin auf den Plan trat? In England etwa hat man da seit jeher aus dem Vollen geschöpft.

In England gibt es eine viel größere Tradition, im Ensemble zu singen, in der Schule zum Beispiel, aber vor allem in der Kirche. Speziell in Deutschland wurde das in den Kirchen in den vergangenen 20 Jahren sogar noch viel weniger praktiziert, das ist etwas, was ich mir mit großer Sorge anschaue, denn im Barock ist Kirchenmusik ein ganz zentraler Aspekt. Auch die Tradition, Kirchenmusiker adäquat auszubilden, wird bei uns inzwischen vernachlässigt; eine Entwicklung, die ich für katastrophal halte.

Es ist fast unmöglich, einen Termin mit Ihnen zu bekommen. Wie viele Tage im Jahr sind Sie unterwegs?

Zuletzt hatte ich alle sechs Wochen einen freien Tag, ansonsten war ich mit Konzerten oder CD-Aufnahmen beschäftigt, und im vergangenen Jahr war ich an 300 Tagen nicht zu Hause.

Bevor Ihre Karriere so richtig durch die Decke ging, habe ich Sie mit Marcus Bosch in Giengen in der Stadtkirche erlebt und kann mir seither nicht mehr vorstellen, dass man „Exsultate, jubilate“ schöner singen kann...

... Ahhhhh, das ist jetzt aber nett von Ihnen...

... oder singen Sie es nun inzwischen vielleicht anders als damals?

Eigentlich nicht. Na ja, vielleicht ein wenig irdischer, denn je älter ich werde, gehe ich nicht nur rein physisch in die Breite, sondern erdet sich die Stimme immer mehr, das gefällt mir eigentlich sehr gut. Aber die Freude, die im „Exsultate“ steckt, wirkt auf mich nach wie vor so ansteckend wie eh und je. Wenn es mir mal nicht so gut geht, und ich singe das, geht's mir sofort besser.

Sie haben 2006 auch schon einmal in Heidenheim gesungen. Können Sie sich daran erinnern?

Ja, warten Sie, das war eine „Schöpfung“, stimmt's?

Stimmt. Und Sie haben damals ganz schön kess in Abänderung des Textes im Rezitativ mit Adam durch geschickte Verwendung von Possessivpronomina die Unterwerfung der Frau unter den Willen des Gatten verweigert und sie allein unter den Schutz des Schöpfers gestellt.

(lacht) Ja, jetzt erinnere ich mich lebhaft. Das war eine Wette. Ich hatte das bei einer Probe schon einmal so gemacht. Das hörte eine Kollegin aus New York und sagte: Wenn Du das im Konzert singst, bekommst Du 100 Dollar von mir, aber Du traust Dich ja eh nicht. Da hab' ich's dann in Heidenheim gemacht. Das stand damals danach übrigens sogar in der Zeitung.

Das war ich. Und die 100 Dollar?

Hab' ich nie bekommen.

Pauluskirche: Staraufgebot am Finaltag

Ein regelrechtes All-Star-Team der Alten Musik schicken die Opernfestspiele mit Dorothee Mields, der „Lautten Compagney“ unter Leitung von Wolfgang Katschner und dem Blockflötisten Stefan Temmingh am Sonntag, 15. Juli, in die Heidenheimer Pauluskirche. Los geht's bereits um 15 Uhr, damit die Besucher rechtzeitig zum Anstoß des Endspiels der Fußball-WM um 17 Uhr wieder daheim sein können.

Alte Musik bezeichnet europäische Musikstile aus verschiedenen Epochen etwa von Mitte des 11. bis Mitte des 18. Jahrhunderts und umfasst Musik des Mittelalters, der Renaissance und des Barocks. Für die Musik des frühen Mittelalters und davor wird die Bezeichnung Frühe Musik verwendet.

Karten für das Konzert mit Werken von Bach, Vivaldi und Telemann sind im Vorverkauf im Ticketshop des Pressehauses Heidenheim erhältlich.

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