Historie Wechselbäder der Gefühle um das Heidenheimer Waldbad

Kühne Pläne Anfang der 1950er: Für die Heidenheimer Zeitung zeichnet Stadtbaurat Georg Beutler 1949 diese Ansicht eines gewaltigen Sportparks in den Seewiesen – inklusive Freibad. Nach 16 Jahren Hickhack vor und nach dem Krieg kam schließlich das Waldbad.
Kühne Pläne Anfang der 1950er: Für die Heidenheimer Zeitung zeichnet Stadtbaurat Georg Beutler 1949 diese Ansicht eines gewaltigen Sportparks in den Seewiesen – inklusive Freibad. Nach 16 Jahren Hickhack vor und nach dem Krieg kam schließlich das Waldbad. © Foto: Foto: Archiv
Heidenheim / Hendrik Rupp 08.03.2013
Vor genau 75 Jahren beschloss Heidenheim erstmals den Bau eines Freibads abseits der Brenz. Bis zum modernen Badevergnügen im Waldbad war es dann ein langer Weg - voller Hin und Her und mit vielen Stolpersteinen.

Stadtverordnete, die Mut zur Größe fordern, Bürger, denen alles zu groß und zu neu ist, Pläne, die man wieder über den Haufen wirft, andere Pläne, die plötzlich aufkommen: Wer meint, dass diese Eigenschaften Heidenheimer Lokalpolitik Kinder unserer Zeit seien, muss eigentlich nur zurückdenken – oder im Archiv blättern.

Zum Beispiel zum 8. März 1938. Genau heute vor 75 Jahren nämlich beschloss der Heidenheimer Gemeinderat erstmals den Bau eines modernen Freibads. Nicht mehr am Brenzufer und im Brenzwasser sollten die Heidenheimer baden, sondern in einem eigens gefüllten Becken, am besten in sonnigen Höhen über dem Talkessel. Der Gemeinderat hatte konkrete Pläne: Auf dem Großen Bühl über der Oststadt sollte das Freibad entstehen, das Becken sollte 20 auf 80 Meter haben.

Die Presse bejubelte den "Heidenheimer Lido"

Heidenheims erste beiden Freibäder hatten als Flussbäder an der Brenz gelegen. Seit der Jahrhundertwende hatte man am Brenzsee nördlich der WCM gebadet. Weiter flussabwärts ging es nicht: Die WCM und andere Fabriken belasteten die Brenz in einer Weise, die man heute schlicht als Verseuchung bezeichnen würde. Die WCM selbst hielt darum auch fast alle Fischrechte. Die Cattunmanufactur war es auch, der das Freibad neben ihrem Werk irgendwann im Wege stand. 1933 wurde ein neues Flussbad auf Höhe der heutigen Volksbank-Arena im Brenzpark eröffnet. Die Presse jubelte über den „Heidenheimer Lido“, Badegäste murrten jedoch auch: Das Bad war legendär schlammig, und selbst im Hochsommer krochen Bodennebel durch die noch weit feuchteren Seewiesen. Es wurde oft klamm.

Im Filstal schossen in jenen Jahren lauter neue Freibäder aus dem Boden. Dank Arbeitsdienst und Arbeitsbeschaffung buddelte man im Reich gerne an Großvorhaben, zudem äugte man natürlich auch neidisch in die Nachbarschaft. Nur vier Jahre nach der Eröffnung des Flussbads in den Seewiesen plante Heidenheims Baurat Georg Beutler ein modernes Freibad.

Statt des Bades kam der Krieg, doch schon unmittelbar nach Gründung der Bundesrepublik stand das neue Badevergnügen wieder auf dem Tapet. „Heidenheim ist das seinem guten Ruf schuldig!“, so Oberbürgermeister Dr. Karl Rau im Oktober 1949, als man eine Spenden-Aktion zugunsten eines neuen Freibads startete. Überall in der Stadt konnte man Benefiz-Streichhölzer kaufen, pro Heftchen sollten 4,4 Pfennig an den Freibad-Fonds gehen und für ein Zehntel der auf rund 310 000 D-Mark geschätzten Baukosten sorgen.

Ein Freibad als Mittel gegen soziale Brennpunkte

Viele Heidenheimer spendeten, viele beschwerten sich aber auch über die Idee: Kein Geld habe die von Flüchtlingen und Heimkehrern überflutete Stadt, um sich statt um den Bau dringend benötigter Wohnungen um ein Freibad zu kümmern, sagten die einen. Gerade angesichts der schlechten Lebensverhältnisse sei ein Freibad nötig, sagten die anderen: Die Jugend brauche ein Angebot, sonst drohten in der Stadt soziale Brennpunkte zu entstehen.

Gestritten wurde auch über den Standort: OB Rau favorisierte den Großen Bühl, andere Badefreunde wollten das Freibad lieber im Katzental (anstelle des heutigen Schützenhauses) sehen, hinter dem Naturtheater (an der Stelle des Klinikums) oder im Heckental. Ein einzelner Leserbriefschreiber regte im Januar 1950 übrigens an, das Bad hinter der „Jahnkampfbahn“ im Rauhbuchtal zu errichten. Man hörte nicht auf ihn.

Unterdessen schlug auch die Seewiesen-Fraktion zurück: Baurat Beutler skizzierte den kühnen Plan eines Sportparks in den Seewiesen: Auf weit mehr als der Fläche des heutigen Epcos-Werkes sollten ein Stadion und Übungsplätze, Tennisanlagen und eine Eisbahn entstehen – und ein großes neues Freibad. Selbst ein „Volkspark“ war geplant. Die Heidenheimer Zeitung wünschte sich zu Silvester 1949 gar eine „Freibad AG“ und veröffentlichte eine fantastische Ansicht des Sportparks.

Der Gemeinderat entschied sich 1950 für die Seewiesen, doch zum Bau fehlte das nötige Kleingeld. Wie so oft war die Idee des bürgerschaftlichen Fundraisings in Heidenheim gescheitert, statt über 30 000 Mark hatte die Zündholz-Aktion nur armselige 2611 Mark gebracht. Die Stadt fragte bei der Industrie nach Geld, doch dort zeigte man sich sehr bedeckt. Und gleichzeitig kamen schließlich sogar noch Forderungen auf, man solle kein neues Freibad, sondern lieber ein neues Hallenbad bauen.

1952 dufte wieder über ein Freibad debarttiert werden

1952 sah die finanzielle Lage der Stadt weit besser aus: Dank Währungsreform und gewaltiger Wohnungsbauprogramme durfte über ein Freibad wieder debattiert werden. Doch von den Debatten hatte man im Rathaus offenbar genug. Man holte externe Berater (von der „Deutschen Gesellschaft für das Badewesen“), die das Rauhbuchtal als besten Standort empfahlen. Und glücklicherweise war gerade der Hochbehälter auf dem Galgenberg fertig geworden: Wasser gab es nun auch hinter dem Jahnhaus in genügender Menge.

Trotz des Widerstandes der Seewiesen-Anhänger (und einiger genereller Bad-Gegner) ging das Bauvorhaben noch im Juli 1952 durch den Gemeinderat: Bis zur Saison 1953 sollte das neue Freibad fertig sein. Es dauerte länger und wurde viel, viel teurer: 1949 hatte man die Kosten auf 300 000 Mark geschätzt, wenige Jahre später sprach man bereits von 750 000 Mark und rechnete rathausintern mit 810 000 Mark. Am Ende kostete das Waldbad eine runde Million.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel