Menschenmassen auf den Straßen, Betrunkene und fröhlich singende Personen schwanken durch die Gassen. Die Heidenheimer Innenstadt ist in der Nacht vor Weihnachten kaum wiederzuerkennen. Es scheint fast, als ob alle Menschen, die in Heidenheim leben, hier früher gelebt haben oder noch leben werden, sich in der Nacht des 23. Dezembers mit ihren Freunden, Bekannten und Verwandten in der Innenstadt treffen und von Bar zu Bar ziehen, um auf die Vorweihnachtszeit anzustoßen und schon mal allen „Frohe Weihnachten“ zu wünschen.

„Es kommen einfach alle von überall her“, sagt Frank Zeger vom „Warsteiner Seminar“. Ob frühere Spieler des 1. FC Heidenheim oder ehemalige DH-Studenten – alle treffen sich schon seit mehreren Jahren immer beim „Warten aufs Christkind“ in seiner Bar an der Olgastraße. Mehr als doppelt so viele Gäste wie an einem guten Samstag hat Zeger in dieser Nacht. Und trotz der Masse sei noch nie etwas passiert. „Zu 99 Prozent läuft in dieser Nacht alles friedlich ab“, so die Erfahrung Zegers in den vergangenen Jahren. Dies bestätigt auch die Polizei. In all den Jahren dieser spontanen Massenzusammenkunft habe es nie herausragende Straftaten gegeben, so Wolfgang Jürgens, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Ulm.

2013: Ein 18-Jähriger bekommt eine Bierflasche ins Gesicht

Komplett ohne Zwischenfälle ging es aber doch nicht ab. 2013 gab es zwei Vorfälle, die polizeiliches Eingreifen nötig machten: Im Bereich des „Stattgartens“ wurde einem 18-Jährigen eine Bierflasche ins Gesicht geschlagen, und in einer Bar in der Schnaitheimer Straße wurde einem 28-Jährigen ein Faustschlag ins Gesicht verpasst. Ansonsten verlief alles ruhig, auch zuvor und in den Jahren danach.

Allerdings sorgten die vielen fröhlichen und feiernden Personen vor allem im Bereich des Eugen-Jaekle-Platzes immer wieder für Verkehrsbehinderungen. Besonders gravierend war dies 2011. Viele tausend Menschen feierten eine riesige Party auf den Straßen. Teilweise kam der Verkehr ganz zum Erliegen. Besonders extrem war die Situation beim Eugen-Jaekle-Platz.

Der Selbstläufer „Warten aufs Christkind“ hat jedoch jedes Jahr noch größere Ausmaße angenommen. Bis schließlich mehrere Tausend Menschen in den Straßen von Heidenheim feierten. Sollte sich der Trend fortsetzen, werden es dieses Jahr noch mehr sein.

1990 fing im "Gesellschaftsgarten" alles an

Dabei fing alles ganz beschaulich an. 1990 kamen die damaligen Betreiber des „Gesellschaftsgartens“ auf die Idee, einen Schwof am 23. Dezember unter dem Motto „Das Warten aufs Christkind“ zu veranstalten. „Die ganzen jungen Leute und Studenten waren vor Weihnachten wieder in Heidenheim und wir wollten der feierwilligen Meute einfach was bieten“, sagt Stefan Schaefer. Er war damals Geschäftsführer des Heidenheimer Traditionslokals an der St. Pöltener Straße.

Kurzerhand wurde vor dem „Gesellschaftsgarten“ Glühwein ausgeschenkt und die Party war perfekt. Bereits im darauf folgenden Jahr wollten so viele im „Gselle“ feiern, dass die Menschen auf der Straße standen, erinnert sich Schaefer. Danach entwickelte das Ganze eine Eigendynamik. Immer mehr Bars stimmten in die Feierlichkeit zur Vorweihnachtszeit ein. „Das Bistro am Flügel machte mit und schließlich auch der ,Mohren‘ und irgendwann kamen auch die ,Radiobar‘ und das ,Populär‘ dazu“, erzählt Schaefer. Bis eben schließlich die ganze Innenstadt geschlossen zu feiern schien.

1994: Ein Abend, ein Inferno

Bereits 1994 sei es ein „Inferno“ gewesen, so Schaefer. Heute betreibt der 48-Jährige die „Kleine Heile Welt“ neben dem Bahnhof. Und auch dort wird dieses Jahr am 23. Dezember natürlich etwas geboten sein. „Bei mir treffen sich allerdings eher die älteren Semester“, sagt er. Die Jüngeren finden sich unter anderem bei Michel Kneule im Café Swing ein.

Und davon jede Menge, etwa dreimal so viele Menschen wie an einem gut besuchten Abend, feiern in der Nacht des 23. Dezembers im und vor allem auch vor dem „Swing“. Und es werden immer mehr. Das „Warten aufs Christkind“ werde immer verrückter. „Vorbereiten kann man sich eigentlich nur, indem man Beruhigungsmittel einwirft, einen Haufen Getränke einkauft und eine ordentliche Menge Personal beschäftigt“, so Kneule. Es sei einfach immer ein kompletter Ausnahmezustand, aber auch ein „geiler Abend“, sagt der 50-Jährige. Auch im „Warsteiner“ an der Olgastraße sieht es ähnlich aus. „Es ist immer die Hütte voll und die Hölle los“, sagt Frank Zeger.

Ab 22 Uhr muss Ruhe herrschen

Bei solchen Menschenmassen wäre es für den einen oder anderen Gastwirt sicher schön, die eigene Kneipe etwas zu erweitern und auch auf der Straße auszuschenken. Dies ist allerdings untersagt, so der Pressesprecher der Stadt Heidenheim, Wolfgang Heinecker. Auch die Außenbewirtschaftung ist nur bis 23 Uhr gestattet, sofern die nächtliche Ruhezeit eingehalten wird. Das heißt: Um 22 Uhr muss Ruhe herrschen.

Auch in anderen Städten gibt es ähnliche Spektakel. Allerdings nicht am Abend des 23. Dezember, sondern am Morgen des 24. Dezember. In Reutlingen beispielsweise feiern die Menschen am „Heiligen Morgen“ in der kompletten Innenstadt. „Auch der „Heilige Morgen“ ist in den vergangenen Jahren massiv gewachsen“, sagt die Pressesprecherin der Stadt Reutlingen, Sabine Külschbach.

Mit Verkehrsbehinderungen wie in Heidenheim haben die Reutlinger trotzdem nicht so zu kämpfen, denn die Feier findet zum größten Teil in der ausgedehnten Fußgängerzone der Großstadt statt. Dort dürfen auch Stände aufgebaut werden, in denen die Cafés, Bars und Kneipen ausschenken können – allerdings nur bis 15 Uhr. Um diese Zeit löse sich die Veranstaltung aber sowieso wieder auf. „Irgendwann müssen eben alle heim und die Vorbereitungen für den Heiligabend treffen“, so Külschbach.

Zwei Ordnungshüter werden unterwegs sein

Auch in Reutlingen verlaufe nahezu alles friedlich. „Die Menschen trinken gemütlich ein paar Glühwein“, sagt Külschbach. Probleme gebe es hauptsächlich mit Wildpinklern und Falschparkern, berichtet Bernd Stöhr, stellvertretender Amtsleiter. Doch die Stadt Reutlingen zeige während der Veranstaltung auch vermehrt Präsenz, etwa zwölf Mitarbeiter des Ordnungsamts seien im Einsatz. Außerdem sei die Polizei stärker in der Reutlinger Innenstadt unterwegs. In Heidenheim ist das „Warten aufs Christkind“ eine Nummer kleiner. Schließlich hat Heidenheim rund 60.000 Einwohner weniger als Reutlingen.

Dieses Jahr sollen an der Brenz zwei städtische Vollzugsbeamte für Ordnung sorgen. „Das Warten aufs Christkind ist eben fast einzigartig“, sagt Frank Zeger. „Es ist eine schöne Tradition, sollte die wegfallen, wäre es wirklich ärgerlich“, erklärt Stefan Schaefer. Auch Michel Kneule würde die Verrücktheit dieses Phänomens vermissen: „Beim Warten aufs Christkind teilt man die Vorfreude auf Weihnachten und trifft einfach nochmal alle, bevor es in die Feiertage geht.“