Oper Vor zehn Jahren: Große Aufregung um Mozart-„Entführung“

Manfred F. Kubiak 12.01.2018
Am Sonntag, 21. Januar, gibt's in Heidenheim – konzertant im CC – mal wieder Mozarts „Entführung“. Die war hier vor gut zehn Jahren im Rittersaal ein echter Aufreger.

Am Sonntag, 21. Januar, wird sie Heidenheims Winteroper sein. Vor gut zehn Jahren war sie Heidenheims Sommeroper. Bei den Festspielen 2007 drehte sich das Programm rund um Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“. Und am Sonntag in acht Tagen wird das deutsche Singspiel ab 18 Uhr zumindest einen Abend lang im CC den Mittelpunkt des Geschehens abgeben.

Wobei man die Anlässe nicht unbedingt vergleichen kann. Dieses Jahr wird die Chose konzertant angegangen. 2007 gab es sie mit allem Drum und Dran. Und mit jeder Menge Aufregung im Anschluss an die Premiere. Nicht zuletzt deshalb sollte die Rückkehr der „Entführung“ nach Heidenheim hier einen kleinen Rückblick wert sein.

Motorrad und Handschellen

Einen Rückblick, der auf einem Motorrad beginnt – und in Handschellen endet. In solchen erschien nämlich seinerzeit demonstrativ der damalige Opernfestspieldirektor Marco-Maria Canonica zu einer die Saison abschließenden Podiumsdiskussion. Und dies immerhin auf seiner nagelneuen Harley Davidson, mit der der Maestro seit Probenbeginn vielbeachtet in der Stadt und auf dem Schlossberg unterwegs gewesen war.

Die Inszenierung der „Entführung“ besorgte der österreichische Regisseur Leopold Huber. Und was er im Rittersaal präsentierte, hatte es in sich: Die Oper spielte allem Anschein nach in Bagdad – und rund um den Serail, in dem der west-östliche Diwan in gehöriger Schräglage stand, wimmelte es von martialischen Kalaschnikow-Trägern. Haremswächter Osmin war kein dattelpflückendes Männlein mit Turban und Schnabelschuhen, sondern zumindest von der Couture her eine Art islamischer Gotteskrieger. Und sein T-Shirt zierte der Schriftzug „Kill Bush“.

Dazu dirigierte Marco-Maria Canonica nicht im Frack, er erschien vielmehr in der Uniform eines irakischen Warlords im Orchestergraben und sah aus, als stünde er auf der Liste der letzten von den USA noch gesuchten gestrigen persischen Machthaber. Man erinnert sich: Im Sommer 2007 war der Irak nach einer Militärinvasion seit vier Jahren von Truppen der USA, Großbritanniens und einer „Koalition der Willigen“ besetzt und dessen früherer Machthaber Saddam Hussein – nach Gefangennahme, Prozess und Hinrichtung – seit einem halben Jahr tot.

Und auch wenn die Quintessenz der am Ende mehr als gelungenen und dabei heftig unterhaltsamen Inszenierung keineswegs eine politische war, sondern, unter anderem, vielmehr endlich einmal vorführte, dass so eine Entführung aus einem nicht ganz grundlos feindlich eingestellten Umfeld kein Kindergeburtstag ist, drehte sich die alsbald beginnenden Leserbriefschlacht in der Heidenheimer Zeitung vor allem um politische Begrifflichkeiten.

Die Gegner der Inszenierung, denen Befürworter in ähnlicher Anzahl gegenüberstanden, empörten sich vor allem darüber, dass zum Mord am Präsidenten einer befreundeten Nation aufgerufen werde oder dass ganz allgemein der Islam diskriminiert werde.

Damals und heute

Die Frage war konkret oder unterschwellig auch, ob bis an die Zähne bewaffnete Mudschaheddin zu Musik von Mozart passen, ob eine Oper mit dem Handlungsort Türkei überhaupt im krisengeschüttelten Mittleren Osten angesiedelt werden könne oder ob man Muslime grundsätzlich so gewaltbereit zeichnen müsse. Es ging selbstverständlich auch um die Freiheit der Kunst. Am Ende der Spielzeit freuten sich die Opernfestspiele über eine Auslastung von 94 Prozent.

Das war 2007. Heute wagte man in toleranzgesteuerter Selbstzensur womöglich die Bildsprache der Heidenheimer „Entführung“ so gar nicht mehr und diskutiert die Gesellschaft allgemein aus dem Damals resultierende politische und religiöse Fragen unter etwas anders beleuchteten Aspekten nach wie vor. Bloß heftiger. Zu guter Letzt wirkt, wer hierzulande den amtierenden Präsidenten der USA nicht beleidigt, inzwischen schon beinahe irgendwie verdächtig. So ändern sich die Zeiten und Sitten.

Eintrittskarten für die Aufführung von Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ am Sonntag, 21. Januar, ab 18 Uhr im CC in Heidenheim sind im Ticketshop des Pressehauses sowie online unter veranstaltungen.hz.de erhältlich.