Heidenheim Russland, Deutschland und die eigenen Geschichte

Hier die Fremden und dort die Fremden: Russlanddeutsche hatten es oft in der alten wie in der neuen Heimat nicht einfach. Auch davon erzählt eine Wanderausstellung, die auch noch in Giengen zu sehen sein wird.
Hier die Fremden und dort die Fremden: Russlanddeutsche hatten es oft in der alten wie in der neuen Heimat nicht einfach. Auch davon erzählt eine Wanderausstellung, die auch noch in Giengen zu sehen sein wird. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Manuela Wolf 20.06.2018
Wo kommt meine Familie her? Schüler des Max-Planck-Gymnasiums beschäftigten sich zwei Tage lang mit Russland, Deutschland und ihrer eigenen Geschichte.

Integration, was für ein Wort! So konfliktbehaftet und schwer, manchmal will man gar nichts mehr davon hören. Andererseits steckt in diesen elf Buchstaben sehr viel Hoffnung und Menschlichkeit, und wenn Annemarie Mayr-Kälble von ihrem Schulalltag erzählt, macht sich durchaus auch Zuversicht breit. „Integration ist eine große Herausforderung, die man aushalten und mit der man leben lernen muss. Aber sie macht unsere Heimat auch vielfältiger“, sagt die Schulleiterin des Max-Planck-Gymnasiums.

Um diesem Ziel ein Stück näher zu kommen, hatte Mayr-Kälble die Wanderausstellung „Deutsche aus Russland. Geschichte und Gegenwart“ an ihre Schule eingeladen.

Doppelte Fremdheit

Auf 22 Stellwänden wird über die deutschen Spätaussiedler aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion informiert. Wer aufmerksam liest, erfährt beispielsweise alles über die große Welle der Auswanderung von Deutschen nach Russland 1763, die durch ein Manifest der deutschstämmigen Zarin Katharina der Großen ausgelöst worden war. Nach zwei blutigen Weltkriegen kehrten viele Deutsche wieder in das Land ihrer Ahnen zurück, ohne Besitz und ohne Heimat. Diese so genannte doppelte Fremdheit, auch das zeigen Einzelschicksale eindrücklich, ist vielen bis heute geblieben.

Aber lesen sich junge Menschen wirklich durch einen Berg aus Zahlen, Daten, Fakten? Lässt sich so Interesse wecken für Ereignisse aus längst vergangenen Tagen, egal, wie sehr sie den Lebensweg der eigenen Familie auch geprägt haben? Projektleiter Jakob Fischer hat daran keine Zweifel, im Gegenteil. „Die Großeltern-Generation, die man nach ihren Erlebnissen fragen könnte, ist oft nicht mehr da. Diese Ausstellung regt junge Menschen dazu an, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu beschäftigen und mit der Frage: Wo ist meine Heimat?“

5500 im Landkreis

Im Unterricht unterstützt der Pädagoge bei der Erstellung eines Stammbaums. Außerdem bittet er Mädchen und Jungen mit ausländischen Wurzeln um Erinnerungen an die alte Heimat.

Viele seien nach solch einer Erzählrunde erstaunt, wie wenig sie von ihren Mitschülern gewusst hatten, berichtet Fischer. „Die Russen kommen“, hieß es Anfang der 1990er Jahre vor dem Hintergrund des zerfallenden Ostblocks und der deutschen Wiedervereinigung. Über vier Millionen Menschen sind seitdem aus Russland und den 14 Ländern der ehemaligen UdSSR nach Deutschland gekommen. Rund 850 000 von ihnen leben in Baden-Württemberg, etwa 5500 im Landkreis Heidenheim. Jedes Jahr kommen etwa 7000 neue Zuwanderer aus diesen Gebieten ins Land. Die Auflagen sind streng, die Wartezeit beträgt fünf Jahre.

Die Stimmung im Deutschland sei damals ähnlich gewesen wie heute, sagt Projektleiter Fischer. „Doch das Beispiel der Deutschen aus Russland zeigt: Das kann gelingen.“ Bekanntestes Beispiel sei Sängerin Helene Fischer, aber auch in den Bereichen Sport, Kunst und Politik gebe es viele erfolgreiche Deutsche mit russischen Wurzeln.

Persönlich berührt

Bei ihrem ersten offiziellen Termin seit ihrem Amtsantritt im Juni fiel es Heidenheims neuer Bürgermeisterin Simone Maiwald nicht schwer, passende Worte zur Wanderausstellung zu finden. Das Thema Heimat berühre sie in diesen Tagen persönlich, sagte die Bürgermeisterin: „Man weiß erst, was sie einem bedeutet, wenn man sie nicht mehr hat.“

An 200 Schulen

Die Ausstellung „Geschichte der Deutschen aus Russland“ wird vom Bundesministerium des Inneren und vom Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge finanziert. Zusammengestellt wurde sie von der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (www.deutscheausrussland.de)

Station macht die Ausstellung in diesem Jahr jeweils für zwei Tage an 200 Schulen in ganz Deutschland, im Juli auch in Giengen an der Robert-Bosch-Schule und am Margarete-Steiff-Gymnasium.

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