Heidenheim Vor 60 Jahren: Von Personalsuche bis Personenfahndung

Im Oktober 1958 fand der letzte Schafmarkt auf dem Galgenberg statt.
Im Oktober 1958 fand der letzte Schafmarkt auf dem Galgenberg statt. © Foto: Archiv
Heidenheim / Michael Brendel 02.11.2018
Im Oktober 1958 geht in Mergelstetten ein Brandstifter um. Während die Polizei nach ihm fahndet, wird in Rom ein neuer Papst gewählt.

60 Jahre Gesangverein Liederkranz Herbrechtingen – gefeiert wird das 1928 mit einer Fahnenweihe. Drei Jahrzehnte später, die Folgen des Krieges sind weitgehend überwunden, wirft die Heidenheimer Zeitung einen Blick auf das Ereignis zurück, erinnert auch an die Anfänge.

In der Geburtsstunde des Vereins sind die meisten Sänger Feuerwehrleute. Beide Organisationen bedienen das Gefühl der Kameradschaft, und so ergibt es sich, dass die Mitglieder großteils dieselben sind. Allerdings wissen sie ein Lied davon zu singen, dass die Feuerwehr nicht nur ein Hort fröhlichen Miteinanders ist. Deutlich macht das eine Brandserie, die im Oktober 1958 für Aufsehen sorgt.

Zunächst zieht es in Mergelstetten in der Nacht zum 2. Oktober Hunderte Schaulustige auf die Straße, weil hinterm „Ochsen“ ein Stall in Flammen steht. Gemeinsam gelingt es den Feuerwehren aus Heidenheim und Mergelstetten sowie der Werksfeuerwehr von Ploucquet, das angrenzende Wohn- und Gasthaus zu retten.

Hoher Sachschaden

Die Löschschläuche sind noch nicht getrocknet, da wird erneut Alarm gegeben: 48 Stunden nach Ausbruch des ersten Feuers brennt ein landwirtschaftliches Anwesen an der Oberdorfstraße. Es ist eines der größten im Ort, und entsprechend hoch ist der Schaden mit rund 50 000 Mark. Ausgerechnet am Tag des Erntedankfests wird die gesamte Ernte des Jahres vernichtet. Bis die Feuerwehr am Unglücksort eintrifft, geht wertvolle Zeit verloren. Grund: Der den Brand meldende Anrufer wählt in seiner Aufregung nicht die 112, sondern die alte Notrufnummer 333.

Nachdem Polizeibeamte die verkohlten Heureste untersucht haben, steht fest: Selbstentzündung scheidet aus. Bei der Fahndung nach dem Brandstifter wird die Öffentlichkeit um Mithilfe gebeten. In der HZ erscheint kurz darauf ein Aufruf der Staatsanwaltschaft Ellwangen, verdächtige Beobachtungen zu melden. Gesucht wird ein schlanker Mann mittleren Alters, der ein älteres Herrenfahrrad mit Gepäckträger mit sich führte. Als Belohnung winken 500 Mark.

Werksfeuerwehr hilft

Der Unbekannte steht auch im Verdacht, am Abend des 8. Oktober ein landwirtschaftliches Anwesen an der Giengener Straße in Herbrechtingen angesteckt zu haben. Schaden: 30 000 Mark. Feuerwehrkräfte aus Herbrechtingen, Bolheim und Heidenheim schaffen es zusammen mit der Werksfeuerwehr von Osram, mehrere Wohngebäude und die Brauerei Föll vor der Zerstörung zu bewahren.

Wie sehr die Brände die Menschen verunsichern, zeigt die Reaktion eines Mergelstetters: Weil er starken Brandgeruch wahrnimmt, schlägt er einen Feuermelder ein. Wenig später stellt sich heraus, dass nach dem zweiten Feuer abtransportierter Brandschutt qualmt, ohne dass aber Gefahr für die Öffentlichkeit besteht. Diese diskutiert gleichwohl darüber, wer die Kosten für die sich häufenden Feuerwehreinsätze zu tragen hat.

Steuerzahler gefragt

Der Steuerzahler ist's. Er bezahlt jedem Feuerwehrmann pro Einsatzstunde 2,50 Mark. Pro Kilometer und Fahrzeug sind zudem zwei Mark fällig. Die Betriebsstunde eines Löschfahrzeugs schlägt mit 14 Mark zu Buche, bei tragbaren Spritzen sind es zehn Mark. Bei den Schläuchen wird nach Metern abgerechnet: Saugschläuche sind mit 50 Pfennig günstiger als Druckschläuche, für die 20 Pfennig veranschlagt sind.

Lässt bei den geschilderten Bränden dichter Qualm keinen Zweifel an der Brisanz des Geschehens aufkommen, herrscht bei der Wahl eines neuen Papstes in Rom Verwirrung. 200 000 Menschen blicken am 26. Oktober gebannt auf den unscheinbaren Schornstein, der nach jahrhundertealtem Zeremoniell das Ergebnis verkündet.

Zunächst steigt schwarzer Rauch auf. Ein Zeichen, dass es noch keinen Nachfolger für Pius XII. gibt. Plötzlich brandet aber Beifall auf, als die Rauchfahne ins Weiße wechselt. Der Sprecher des Vatikansenders verkündet ein Resultat – um rasch zurückzurudern: Eine weitere schwarze Wolke zeigt nämlich an, dass das Konklave doch nicht auf Anhieb eine Einigung erzielt hat. Nachmittags wiederholt sich das Schauspiel: Weißem Rauch und der von den Nachrichtenagenturen in die Welt geschickten Vollzugsmeldung folgt das schwarz wabernde Dementi.

Letzter Schafmarkt

Während also die Schäfchen in der römisch-katholischen Kirche noch im Ungewissen sind, hinter welchem Oberhirten sie sich in Zukunft versammeln werden, geht in Heidenheim eine Ära zu Ende: Im dichten Nebel findet auf dem Galgenberg der letzte Schafmarkt statt. „Sang- und klanglos bei einem ziemlich lustlosen Verkauf“, so ist anderntags in der Lokalzeitung zu lesen, sei von der Veranstaltung Abschied genommen worden. Der Berichterstatter beklagt, ein Stück Alt-Heidenheim sei abgebröckelt. Und es bestehe keine Aussicht, „dass unter den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen und im Zuge der raschen technischen Entwicklung die Schafmärkte wieder aufblühen könnten“.

Zurück in die Heilige Stadt. Am 28. Oktober gelingt es den 51 versammelten Kardinälen im elften Anlauf, sich auf ein neues Kirchenoberhaupt zu verständigen. Allerdings macht unter den Wartenden zunächst fälschlicherweise die Runde, die Wahl sei auf Ernesto Ruffini gefallen, den Erzbischof von Palermo. Schnell kommt die Korrektur. Angelo Giuseppe Roncalli, Patriarch von Venedig, ist der neue Papst: Johannes XXIII.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel