Heidenheim Ein „Revolverheld“ antwortet: Was verbindet Hamburg und Heidenheim?

Heidenheim / Joelle Reimer 05.07.2018
Am 11. August spielt die Hamburger Band „Revolverheld“ beim Brenzpark-Festival in Heidenheim. Gitarrist Niels Hansen spricht im Interview über das neue Album, Vorurteile und darüber, wie Band- und Familienleben in Einklang gebracht werden können.

Als Kind will Niels Hansen unbedingt Schlagzeuger werden. Er trommelt auf allem herum, was er in die Hände bekommt, wünscht sich ein echtes Schlagzeug – doch mehr als eine kleine Bongo soll es für ihn nicht geben. Zum Glück. Denn sonst hätte der 38-Jährige vielleicht niemals eine Gitarre in die Hand genommen – und wäre vielleicht auch niemals zum „Revolverhelden“ geworden. Im Interview spricht der Gitarrist aus Hamburg über Songs mit Botschaft, den Umgang mit Kritik und über seine Liebe zum Wasser.

Fast wäre „Revolverheld“ 2015 schon mal nach Heidenheim gekommen. Nun klappt's am 11. August endlich mit dem Brenzpark-Festival. Wussten Sie, dass es Gemeinsamkeiten zwischen Heidenheim und Ihrer Heimatstadt Hamburg gibt?

Niels Hansen: Ich kenne Heidenheim nur vom Namen her. Ich glaube, ich war noch nie dort. Deswegen sind mir die Gemeinsamkeiten nicht unbedingt bekannt – klären Sie mich auf.

Heidenheim ist zwar keine Hansestadt, hat aber immerhin die Brenz. Sie dürften sich beim Konzert in Wassernähe also hoffentlich wohl fühlen. Außerdem wäre da noch die zweite Fußball-Bundesliga . . .

Oh ja, jetzt, wo Sie's sagen: stimmt. Ich bin Fußballfan. HSV-Fan, beziehungsweise sogar HSV-Mitglied. Mit der zweiten Liga gibt's also definitiv schon mal eine Verbindung zu Heidenheim.

Im Vorfeld unseres Interviews wurde mir gesagt: Johannes Strate gibt nur TV-Interviews. Ich hatte zwar gar nicht nach ihm gefragt, und eigentlich ist mir das so auch ganz recht, schließlich sind oft gerade die Nicht-Front-Männer die interessanteren Gesprächspartner. Dennoch, der Eindruck blieb: Muss man als Gitarrist ab und zu hinten anstehen?

Nein. Wir haben einfach momentan – glücklicherweise – sehr, sehr viele Anfragen. Im TV ist es auf jeden Fall wichtiger, dass man den Sänger sieht, weil die Menschen sein Gesicht eher kennen als das des Gitarristen. Wir sind aber alle gleichberechtigt und wissen auch alle, wovon wir reden. Wir teilen uns da seit Jahren auf.

Sie sind also zufrieden mit Ihrer Rolle als Gitarrist in der Band?

Wenn man lange Musik macht, weiß man irgendwann um seine Stärken und Schwächen. Ich bin Gitarrist und hatte nie das Bedürfnis, als Frontmann auf der Bühne zu stehen und zu singen. Das entspräche überhaupt nicht meinem Naturell.

Die Gitarre und Sie: Wie kamen sie zusammen?

Als Kind wollte ich eigentlich Schlagzeuger werden. Ich habe auf allen möglichen Dingen herumgetrommelt, aber meine Eltern haben gezögert. Sie haben mir mal so eine kleine Bongo-Trommel geschenkt, aber so ein richtiges Schlagzeug – nein, hatte ich nie. Das ist zum einen sehr teuer und zum anderen sehr laut. Naja, und irgendwann hat es umgeschwenkt, dann habe ich im TV Musiker mit Gitarre gesehen und wollte das auch. Mit acht Jahren habe ich angefangen, erst klassische Gitarre, dann E-Gitarre.

Die Band gibt's seit 2002. Erst unter dem Namen „Manga“, danach „Tsunamikiller“. Wie wurde daraus „Revolverheld“?

Dazu gibt es eigentlich keine große Geschichte. Wir haben einfach mit den ersten beiden Namen etwas daneben gelegen, sei es im Hinblick auf Naturkatastrophen oder seien es Markenrechte, die da im Weg standen. Deshalb haben wir uns einen neuen Namen überlegt.

Aber „Revolverheld“?

Ja, okay, eine Idee dazu gab es schon. Ganz am Anfang stand der Gedanke dahinter, dass ein Revolverheld mit Worten schießt, da wir eben versucht haben, sehr gerade und direkt zu texten. Das war ursprünglich so ein Gedanke. Dazu kam, dass wir den Klang gut fanden, und – na ja, irgendwann denkt man auch nicht mehr darüber nach. Es ist eben einfach ein Name.

Sie bezeichnen sich als Songwriter/Producer. Stammen die „Revolverheld“-Songs aus Ihrer Feder?

Beim aktuellen Album sind Johannes und Kris die Songwriter. Sie kamen mit den ersten Songideen an. Dann arbeiten wir alle zusammen im Studio an diesen Ideen; ich bin da eher Komponist als Texter. Die ersten beiden Alben habe ich mit Kris zusammen produziert.

Was inspiriert Sie?

Wir hören selbst viel Musik, gehen viel auf Konzerte. Und wir haben eine Begeisterung, die uns schon immer ausgemacht hat. Und das in Kombination ist, glaube ich, das, was man bei „Revolverheld“ hört.

Mit Blick auf die vergangenen Jahre gibt der Erfolg Ihnen Recht. Aber was steckt hinter Ihrer Musik: Ist es der Wunsch, erfolgreich zu sein, oder der Wunsch, mit Hilfe der Songs etwas auszudrücken, eine Botschaft zu senden?

Wir haben alle angefangen, Musik zu machen, weil uns Musik interessiert. Und weil wir es als Ausdrucksform sehen. Wir schreiben, was uns gerade umtreibt. Im aktuellen Album „Zimmer mit Blick“ ist zum Beispiel mit dem Titeltrack ein gesellschaftspolitischer Song drauf, in dem es darum geht, dass man in der heutigen wirren und schwierigen Zeit selbst mal seine Komfortzone verlassen sollte.

Gerade im Titelsong „Zimmer mit Blick“ kommt Kritik durch, es werden Missstände angeprangert.

Ja. Es geht uns darum, dass man etwas tun sollte, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Einfach etwas unternehmen. Sich positionieren, Haltung zeigen. Damit man sich später nicht fragt: Schade, wir haben alle gewusst, dass etwas schief läuft, aber unternommen haben wir nichts. Vor allem mit Blick auf nachfolgende Generationen.

Nun gilt die Pop-Band „Revolverheld“ im Vergleich zu anderen Musikstilen als eher harmlos, was die Texte angeht. Eine nette, bodenständige Band. Mainstream. Etwas, das nebenbei im Radio läuft. Kennen Sie solche Aussagen, und ärgert Sie das?

Ach, wir sind ja gewohnt, uns alles mögliche anzuhören. Mit dem Erfolg kommt auch Kritik. Ehrlich gesagt finde ich es gut, wenn Leute über etwas reden – das ist immer besser, als wenn sie nichts sagen. Ich glaube, wir mussten uns schon alles anhören, was man sich anhören kann. Aber eben auch im Positiven. Es gibt viele Leute, denen unsere Texte helfen, die unsere Songs wahnsinnig berührend finden. Es ist einfach toll, was Musik auslösen kann. Und das ist es doch, worum es geht. Wenn ein Kritiker etwas Negatives schreibt, müsste uns das egal sein, denn unsere Musik machen wir ja nicht deshalb.

Sondern, weil Sie die Welt ein Stückchen besser machen wollen?

Wissen Sie, es sind genau diese Sachen, die uns passieren – diese kleinen Geschichten, wenn wir die Menschen mit unseren Songs berühren. Genau das führt dann vielleicht dazu, das Leben ein Stück besser zu machen. Ein Lächeln aufs Gesicht zu zaubern. Und sei es nur für den Moment.

Nach fünf Jahren, in denen es relativ ruhig um die Band war, scheint nun der Moment für „Revolverheld“ wieder gekommen zu sein. Drei Worte zum neuen Album „Zimmer mit Blick“?

Das finde ich immer unheimlich schwierig. Und es wird dem auch nicht gerecht. Da steckt eine Menge Arbeit dahinter, und das auf drei Worte herunterbrechen zu müssen, geht nicht.

Dann anders: Was zeichnet das Album aus?

Wir sind jetzt einfach fünf Jahre weiter. Zwischendrin gab's das MTV-Unplugged, das war eine Art Best-of, in dem wir aus den alten Songs andere Versionen arrangiert haben. Aber jetzt haben wir uns auch als Menschen weiterentwickelt, und das merkt man dem neuen Album an. Es sind andere Lebensumstände, man ist älter, hat Kinder, ich werde dieses Jahr auch Vater . . . Man beschäftigt sich einfach mit ganz anderen Dingen als mit Anfang 20. Und dann entsteht auch mal ein gesellschaftskritischer Song. Oder ein Song, der sich mit dem Thema Glauben auseinandersetzt.

Nicht nur die Texte, auch die Musik klingt irgendwie neu . . .

Musikalisch sind wir ständig auf der Suche. Da gibt es jetzt die Entwicklung weg von der Akustik-Gitarre hin zu E-Gitarre und Synthesizer. Wir haben viel rumgespielt im Studio, viel ausprobiert, waren kreativ und haben uns keine Limits gesetzt. Und wahrscheinlich sind wir – von MTV-Unplugged beeinflusst – sehr stark in eine neue, in eine ganz andere Richtung gegangen.

Haben Sie einen persönlichen Lieblingssong auf dem neuen Album?

Puh, das ist schwierig. Wir haben für jeden Song so wahnsinnig viel Zeit aufgewendet. Oft ist es so, dass man erst mal den Live-Auftritt abwarten muss. Wir hatten zur Release eine kleine Club-Tour – was natürlich Spaß macht, sind Songs wie „Immer noch fühlen“, den schon jeder kennt.

Wo ist „Revolverheld“ in nächster Zeit live zu sehen?

Im Sommer haben wir einige Open Airs wie in Heidenheim und sind ab dem nächstem Jahr auf großer Arena-Tour. Stuttgart, München und viele andere Städte.

Das klingt durchaus stressig. Sie haben es vorhin selbst angesprochen: Die Lebenssituation aller Bandmitglieder hat sich geändert, Sie selbst werden Vater. Wie geht das zusammen?

Wir sind in der sehr komfortablen Situation, dass wir zwar oft spielen können, aber auch sehr schnell zu Hause sind. Das kann man nicht vergleichen mit Bands, die weltweit unterwegs sind. Dass wir zu unserer Frau sagen: Schatz, ich bin dann mal für zwei Jahre weg – das passiert bei uns nicht. Die Distanzen sind überschaubar, und wir wählen die Konzerte inzwischen auch sorgfältiger aus und spielen nicht mehr überall. Jeden Tag oder jeden zweiten Tag live zu spielen, das hält man auf Dauer nicht durch.

Wenn Sie mal richtig durchschnaufen müssen, wohin gehen Sie?

Ich bin ein Kind der Ostsee. Ich fahr gerne ein, zwei Tage da hin und leg die Beine hoch. Aber auch in Hamburg gibt's viel Wasser, das wirkt auf mich sehr beruhigend. Oder dann eben die Brenz in Heidenheim.

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