Heidenheim WCM-Areal: Von der Brache zum Silicon Valley

Das nördliche WCM-Areal ist Schauplatz umfangreicher Veränderungen hinsichtlich Bausubstanz und künftiger Nutzung. Ganz links ist die ehemalige WCM-Werkstatt zu sehen, daneben die Rote Halle. Am rechten Bildrand befindet sich die Gelbe Halle. Im Bildvordergrund entsteht in wenigen Monaten eine neue Kindertageseinrichtung.
Das nördliche WCM-Areal ist Schauplatz umfangreicher Veränderungen hinsichtlich Bausubstanz und künftiger Nutzung. Ganz links ist die ehemalige WCM-Werkstatt zu sehen, daneben die Rote Halle. Am rechten Bildrand befindet sich die Gelbe Halle. Im Bildvordergrund entsteht in wenigen Monaten eine neue Kindertageseinrichtung. © Foto: Christian Thumm
Heidenheim / Michael Brendel 17.08.2018
Auch in den Sommerferien wird an zahlreichen Bildungseinrichtungen geschraubt. Die Spanne reicht von der Kleinkindbetreuung über die Gemeinschaftsschule bis zur IT-Schmiede.

Ausschlafen, Beine hochlegen, einfach nichts tun. Was mit den Ferien verbunden wird, trifft auf die Gemeinschaftsschule am Brenzpark nur bedingt zu. Dort steht auch während der unterrichtsfreien Zeit Werken im weitesten Sinne und an verschiedenen Schauplätzen auf dem Stundenplan.

Seit dem Schuljahr 2016/17 ist die Rote Halle Heimat der zuvor in der Friedrich-Voith-Schule untergebrachten Sekundarstufe. Und offenbar wirkt die neue Umgebung inspirierend: Jeder vierte der jüngst verabschiedeten Abgänger des ersten Jahrgangs hat den Realschulabschluss in der Tasche, „nachdem alle von der Hauptschule aus gestartet waren“, sagt Schulleiter Werner Weber zufrieden.

Jetzt ist der unmittelbar angrenzende WCM-Werkstattbau an der Reihe. „Eigentlich ein klassisches Gebäude für den Abriss“, sagt Oberbürgermeister Bernhard Ilg. Ein solcher kam wegen des Denkmalschutzes allerdings nicht in Betracht. Also mussten sich die Planer einiges einfallen lassen, um vor allem hinsichtlich des Brandschutzes den Auflagen zu genügen, wie Stefan Bubeck anmerkt, der Leiter des Geschäftsbereichs Hochbau. Besondere Herausforderungen stellten auch die Innendämmung und die Akustik dar.

Abriss nicht möglich

Viele Überlegungen und Arbeitsstunden später zeigt sich jetzt, dass sich der einstige Abrisskandidat mit Bestandsschutz mehr und mehr zu einem wahren Schmuckstück mausert, in dem Fachräume und Büros für Lehrer und Schulverwaltung Platz finden sollen. Die teilweise sichtbare Kappendecke und die filigranen Stahlträger sind ebenso ein Hingucker wie das verschnörkelte Treppengeländer. Ilg: „Mit allen Kompromissen ist etwas wirklich Tolles daraus geworden.“

Ein aufwändiges Vorhaben steht aus: die barrierefreie Verbindung von Roter Halle und Werkstatt durch einen Zwischenbau. Abgeschlossen werden sollen die Arbeiten noch in diesem Jahr. Dazu gehört auch die Einrichtung einer Mensa im ehemaligen Ballenlager, der Gelben Halle.

Für die genannten Maßnahmen ist eine Investitionssumme von insgesamt 7,55 Millionen Euro vorgesehen. Aus der Schulbauförderung sind 2,3 Millionen zu erwarten.

Damit aber lange nicht genug, kommen doch weitere 1,6 Millionen Euro für das sogenannte Technolab hinzu. Dazu gehören der Co-Working-Bereich im Erdgeschoss des Ballenlagers und der Maker-Space im noch umzubauenden Sengegebäude.

Während das Technologiezentrum einst jungen Firmen günstige Flächen mit Telefonanschluss zur Verfügung stellte, sollen auf dem WCM-Gelände Start-up-Unternehmen zueinander finden. Für Ilg bündelt sich in all diesen am technologischen Fortschritt orientierten Einrichtungen die Entwicklung „von der Industriebrache zum Silicon Valley an der Brenz“.

Von nicht minderer Bedeutung ist freilich das Augenmerk auf die Jüngsten, und auch diesbezüglich werden ein paar Kilometer weiter südlich große Summen in die Hand genommen. „So wünscht es sich natürlich ein jeder Pädagoge“, sagt Schulleiter Werner Weber beim Gang durch die bereits sanierten Klassenräume für den Primarbereich der Friedrich-Voith-Schule. Keine Spur mehr vom Mief und dem Einheitsgrau der 1950er-Jahre, stattdessen orangefarbene Böden, viel Licht, Fenster zu den hellen Fluren, moderne Beleuchtung, verbesserter Schallschutz, neue Heizungsanlage, Aufzug, Teeküche. Alle Umbauten werden so ausgeführt, dass sich bei Bedarf wieder Unterrichtsräume daraus machen lassen. Bis zur Fertigstellung noch in diesem Jahr werden dafür 1,15 Millionen Euro aufgewendet.

Mit 400 000 Euro schlägt der Umbau von drei Klassenzimmern und von Teilen des großzügig dimensionierten Sanitärbereichs zu einem Hort zu Buche. Mitbenutzt werden kann dieser vom Kinderhaus an der Damaschkestraße, weil dort mehr Platz für die Kindertagesstätte benötigt wird.

Unterdessen startet dieser Tage die Ausschreibung für den Bau einer Kindertageseinrichtung mit vier Gruppen auf dem WCM-Areal.

Manz-Fenster: seltenes Zeugnis des Industriebaus aus dem 20. Jahrhundert

Historischen Wert hat ein bauliches Detail an der Roten Halle auf dem WCM-Gelände: das sogenannte Manz-Fenster. Es gilt als Vorläufer des Verbund- bzw. Isolierglasfensters und wurde von Philipp Jakob Manz für den Gebrauch in der Industrie entwickelt.

Manz wurde 1861 in Kohlberg geboren. Er studierte Architektur und Bauhandwerk an der Königlichen Württembergischen Baugewerkschule Stuttgart. Als 30-Jähriger eröffnete er ein eigenes Büro in Kirchheim unter Teck. Manz zählte europaweit zu den führenden Industriearchitekten seiner Zeit und gilt als Wegbereiter des funktionalen Bauens. Ihm zuzurechnen ist auch das Städtische Volksbad in Heidenheim (das heutige Kunstmuseum). Die Blüte der süddeutschen Textilindustrie und der damit einher gehende Bauboom bescherte ihm reichlich Aufträge.

Das Manz-Fenster gehört zu den sogenannten Panzerfenstern. Diese erhielten auf der Raumseite eine zweite Scheibe. An der Roten Halle werden die wenigen noch vorhandenen Exemplare erhalten – versehen mit einer zeitgemäßen Verglasung. OB Bernhard Ilg (rechts) und Hochbauchef Stefan Bubeck nahmen den Zustand der Fenster jetzt unter die Lupe

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