Heidenheim / Kathrin Schuler  Uhr
Klaus Portofee ist geistig und körperlich behindert: Warum es in Heidenheim in Sachen Akzeptanz noch einiges zu tun gibt, weiß er aus eigener Erfahrung.

Abschätzige Blicke und spöttische Kommentare: Wenn Klaus Portofee in Heidenheim unterwegs ist, bekommt er nicht selten beides zu spüren. Sie kommen von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen. Klaus Portofee ist geistig und körperlich behindert. Sein angeborener Klumpfuß bereitet ihm beim Gehen Schwierigkeiten, die Lern- und Entwicklungsstörung im Kontakt mit Menschen: „Die Blicke sind oft nur schwer zu ertragen. Aber das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, genauso“, sagt er.

In Sachen Akzeptanz und Inklusion sei in der Gesellschaft noch ein weiter Weg zu gehen, meint auch die kommunale Behindertenbeauftragte Iris Mack. Zum einen hätten viele Menschen Berührungsängste, wissen nicht, wie sie mit Behinderten umgehen sollen. „Das ist verständlich“, meint Portofee. Zum anderen würden Behinderte aber noch immer schlecht behandelt und gemobbt: „Hinter unserem Rücken werden wir ausgelacht und auch oft nicht für voll genommen.“ Das passiert ihm in ganz alltäglichen Situationen: zum Beispiel auf der Bank. Ohne seinen Betreuer habe man ihm dort keine Informationen zu seinem eigenen Konto geben wollen. In solchen Momenten fühlt sich Klaus Portofee hilflos, es macht ihn aber auch wütend. „Wir sind behindert, und das ist eben so. Es sollte aber nichts daran ändern, wie man uns als Menschen behandelt“, sagt er.

Keine Freunde ohne Behinderung

Als Behinderter Anschluss zu finden, sei nicht einfach. Das hat Portofee auch in der Schule bei den Elternabenden seines Sohns erlebt, der selbst nicht behindert ist: Richtig dazugehört hat er zu den anderen Eltern nicht. Freunde, die selbst keine Behinderung haben, hat Portofee keine. „Jemanden, der es ehrlich mit mir meint, habe ich nie kennengelernt“, sagt der 53-Jährige, der mit Frau und Kind in Schnaitheim lebt. Früher habe ihn das depressiv gemacht, denn auch von der eigenen Familie wurde er nicht gut behandelt. Eine Zeit lang ging es ihm deshalb so schlecht, dass er darüber nachgedacht habe, sich das Leben zu nehmen.

Anerkennung bekommt der geistig und körperlich Behinderte bei seiner Arbeit in der Heidenheimer Lebenshilfe. Dort ist Portofee im Textilbereich tätig und setzt sich außerdem für die Vertretung der Interessen der rund 280 Behinderten ein, die wie er dort in den Werkstätten arbeiten: Seit rund 25 Jahren ist er Vorsitzender des Werkstattbeirats  – eine vergleichbare Position wie die des Betriebsratsvorsitzenden in einem Unternehmen. Darauf ist Portofee stolz: „Ich habe ein eigenes Büro, und wer ein Problem hat, kann zu mir kommen. Morgens grüßen mich alle – das stärkt mein Selbstbewusstsein.“

Acht Stunden täglich an fünf Tagen pro Woche arbeitet Klaus Portofee bei der Lebenshilfe. Und bekommt trotzdem nicht viel mehr als ein Taschengeld. „Das Problem ist, dass der Arbeitsmarkt den Wert von Menschen mit Behinderungen nicht erkennt“, sagt Mack. Viele Behinderte könnten mit ihren Fähigkeiten auch außerhalb der Lebenshilfe arbeiten. Doch dazu fehlt es in den Unternehmen an Entgegenkommen und den Mitarbeitern an Akzeptanz für das andere Arbeitstempo der Behinderten. Das kennt auch Klaus Portofee: Eigentlich habe er mal Schreiner werden wollen. Auf dem Arbeitsamt sei jedoch gleich klar gewesen, dass er zur Lebenshilfe soll. „Dort hat man mich gar nicht erst gefragt“, sagt Portofee.

Mehr leichte Sprache

Obwohl Portofee nicht viel verdient, spart er eisern: Für eine Urlaubsreise mit seiner Frau nach Hamburg. Davon träumt er schon lange. „Perfekt wäre es, wenn dann auch noch der FCH gegen St. Pauli spielen würde“, schwärmt Portofee, der ein großer Fan der Heidenheimer Fußballer ist. Bei fast jedem Heimspiel feuert er sie in der Voith-Arena an. Auch in Sachen Barrierefreiheit ist Portofee ein FCH-Fan: „Es gibt extra eine Rampe, sodass ich nicht die Treppen gehen muss“, sagt er. Außerdem gibt es im Stadion eine Behindertenbetreuung, die bei Schwierigkeiten hilft, und ein Audio-System für Sehbehinderte mit Kommentaren zum Spiel in Echtzeit.

Doch an anderer Stelle könnte in Heidenheim in Sachen Inklusion noch einiges verbessert werden: „Wir würden uns wünschen, dass es in Zukunft mehr Broschüren in leichter Sprache gibt“, sagt Iris Mack. Die seien bislang nämlich für Menschen mit geistiger Behinderung völlig unverständlich.

Auch eine spezielle Stadtführung in leichter Sprache sowie eine Bürgersprechstunde für Menschen mit Behinderung wäre wünschenswert. Bei öffentlichen Veranstaltungen könnte außerdem ein Dolmetscher in Gebärdensprache übersetzen, sodass auch Hörbehinderte etwas verstehen. Und die Pflastersteine in der Fußgängerzone sind für Menschen mit Gehbehinderung eine Hürde: „Man stolpert dort sehr leicht“, sagt Portofee, der aufgrund seiner Krankheit selbst humpelt. „Wenn die Stadt da etwas machen würde, wäre das für uns schon gut.“

Ein Demonstrationszug durch die Fußgängerzone war am Freitagvormittag der Auftakt zum Tag der Menschen mit Behinderungen.

Mission Inklusion: Demo zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung

Anlässlich des Europäischen Aktionstags zur Gleichstellung für Menschen mit Behinderung findet am heutigen Freitag ein Aktionstag in Heidenheim statt. Daran beteiligen sich regionale Verbände und Organisationen der Behindertenhilfe und -selbsthilfe.

Unter dem Motto „Mission Inklusion – Die Zukunft beginnt mit Dir“ sollen insbesondere Kinder und Jugendliche dazu aufgerufen werden, sich für Vielfalt und ein besseres Miteinander einzusetzen, sodass in Zukunft Barrieren im Kopf gar nicht erst entstehen. „Menschen mit Behinderungen sind keine Aliens aus einer anderen Welt – die Leute sollen sehen, dass man auch gemeinsam Spaß haben kann“, sagt die kommunale Behindertenbeauftragte Iris Mack.

Los geht die Veranstaltung um 10 Uhr mit einem Protestzug am Eugen-Jaekle-Platz, der durch die Fußgängerzone bis auf den Willy-Brandt-Platz führt. Dort sind Grußworte von Vertretern der Stadt und des Landkreises zu hören. Es gibt Unterhaltung und die Möglichkeit zum Austausch.