Heidenheim Vogelfütterung: sinnvoll oder nicht?

Etwas unsicher scheint diese Kohlmeise die Schneelast zu beäugen.
Etwas unsicher scheint diese Kohlmeise die Schneelast zu beäugen. © Foto: Sabrina Balzer
Heidenheim / Michael Brendel 15.01.2019
Angesichts schrumpfender Lebensräume, intensiver Landwirtschaft und von Steinen dominierter Gärten nehmen viele der Tiere im Winter bereitgestelltes Futter dankend an.

Selbst als vor wenigen Tagen reichlich Schnee lag, zwitscherten im Morgengrauen die Vögel. Sie finden also offenbar genügend Nahrung. Zum einen gab's im vergangenen Jahr in den Wäldern große Mengen an Bucheckern, Obst auf den Bäumen und Beeren an den Sträuchern. Zum anderen sorgen viele Tierfreunde für einen reichlich gedeckten Tisch auf Terrassen und Balkonen. Vogelexperte Markus Schmid vom Kreisverband des Naturschutzbunds weiß, worauf bei der Vogelfütterung zu achten ist.

Sollte man Vögel im Winter grundsätzlich füttern, Herr Schmid?

Markus Schmid: Aktuell erleben wir einen großen Rückgang von Vögeln. Mit der naturnahen Gartengestaltung und auch der Fütterung im Winter, können wir den Vögeln zumindest ein wenig Gutes tun. Es stärkt Energieversorgung und Überlebensrate. Daher ist das Füttern der Vögel sinnvoll.

Welches Futter ist geeignet?

Als Basisfutter eignen sich Sonnenblumenkerne, dazu kann man kleinere Kerne wie Hanf oder Getreide beimischen. Damit bietet man Körnerfresser wie Finken, Sperlingen und Ammern schon viel. Daneben überwintern bei uns die Weichfutterfresser wie Rotkehlchen, Zaunkönig, Amsel. Sie bevorzugen tierische Kost und feine Sämereien wie Hirse und Leinsamen, auch Äpfel. Meisen, Spechte und Kleiber nehmen Sonnenblumenkerne, Erdnüsse oder Fettmischungen gerne an. Man sollte darauf achten dass das Futter nicht mit Ambrosia-Samen belastet ist. Ihre Ausbreitung ist für Allergiker ein großes Problem.

Können Vögel auch mit Brot etwas anfangen?

Nein Speisereste sind für Vögel gar nichts. Im Gegenteil, hier können sich sehr leicht Krankheiten ausbreiten.

Grundsatzfrage: klassisches Vogelhäuschen oder Futterspender?

Am besten mehrere Futterspender verwenden. So verteilen sich die Vögel und Krankheiten, wie z.B. Salmonellen. Das Futter sollte möglichst trocken bleiben. Zudem sollten die Vögel nicht ins Futter sitzen können, denn durch den Kot verbreiten sich Krankheiten schnell. Daher: peinlichst auf Sauberkeit achten. Die Plätze sollten einen Rundumblick ermöglichen oder erhöht liegen, denn auch Katzen gehen hier gerne auf die Jagd.

Darf sich jemand, der Vögel füttert, als Artenschützer auf die Brust klopfen? Oder beruhigt er damit eher sein Gewissen, ohne dass der Natur ein besonderer Dienst erwiesen wird?

Von der Winterfütterung profitieren zehn bis 15 Vogelarten, die aber nicht extrem selten sind. Daher ist der Beitrag alleine der Winterfütterung zum Artenschutz begrenzt. Aber viele Kinder und Jugendliche kennen kaum noch die heimischen Vogelarten. An den Futterhäusern erleben sie diese hautnah. Und getreu dem Motto, was man kennt, dass schätzt man, wird ein Verständnis für die Natur geschaffen.

Wäre natürlich gut, wenn das über die Vogelfütterung hinausgeht.

Stimmt. Wenn man auch versucht, seinen Garten ökologischer zu gestalten, Samenstände stehen lässt, Obst und Beeren an Sträuchern und Bäumen lässt, Laub- und Reisighaufen erhält, dann hat man einen wichtigen Beitrag geleistet.

Besteht denn nicht die Gefahr, dass durch das Füttern ungewollt den Feinden der Vögel ihre Beute auf dem Silbertablett serviert wird?

Die Natur darf man nicht mit menschlichen Maßstäben betrachten. Es gilt das Gesetz „Fressen und gefressen werden“. Der Angriff eines Sperbers auf Singvögel ist ganz normal. Auch er will leben und hat im Winter zu kämpfen. Und eine Vogelart gefährdet die andere nicht ernsthaft. Mit dem notwendigen Rundblick und Versteckmöglichkeiten in dichten Büschen bestehen ohnehin Fluchtmöglichkeiten.

Ist das Füttern abhängig davon, ob Schnee liegt, der Boden gefroren ist oder die Lufttemperatur unter einen bestimmten Wert sinkt?

Hat man einmal begonnen, sollte man die Fütterung nicht unterbrechen, denn die Vögel verlassen sich darauf.

Wie sieht es mit Trink- und Badewasser aus?

Darauf sollte verzichtet werden. Vögel würden das Bad annehmen, aber bei Frost besteht die Gefahr, dass das Gefieder gefriert, die Vögel sich nicht mehr warm halten können und sterben. In einer kalten Winternacht brauchen sie die isolierende Wärmeschicht besonders. Meisen verlieren dann bis zu zehn Prozent ihres Körpergewichts.

Sollte man die Vögel im Garten das ganze Jahr über füttern?

Da nur zehn bis 15 Vogelarten profitieren und sie nicht zu den seltenen Arten gehören, leistet die ganzjährige Fütterung aus meiner Sicht keinen wirklichen Beitrag zum Artenschutz und ist nicht sinnvoll.

Klimawandel und Vogelzug

Vögel reagieren auf den Klimawandel. Davon ist Markus Schmid vom Nabu überzeugt. Als Beleg führt er an, dass zum Beispiel Kiebitz, Singdrossel, Star und Hausrotschwanz nicht mehr so weit wie früher in den Süden fliegen, sondern den Winter zunehmend in Mitteleuropa verbringen. Gleichzeitig kehren viele Arten früher aus dem Winterquartier zurück.

Die Mönchsgrasmücke wählt ganz neue Zugrouten. Sie fliegt nicht mehr nach Spanien oder Südafrika, sondern überwintert zunehmend in Südengland. Dieses Verhalten gilt offenbar für die sogenannten Kurzstreckenzieher. Die Langstreckenzieher scheinen hingegen an ihren vererbten Zugmustern festzuhalten.

Schmid weist darauf hin, dass die Mechanismen sehr komplex sind und Vieles noch nicht erforscht ist. Seriöse Prognosen für Mitteleuropa hinsichtlich der Auswirkungen des Klimawandels hält er deshalb derzeit für unmöglich.

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