Heidenheim Mehr als 4000 Heidenheimer sind starkem Lärm ausgesetzt

Heidenheim / Kathrin Schuler 10.07.2018
Mehr als 4000 Heidenheimer sind von erhöhten Schallpegeln durch den Verkehr betroffen. Was bedeutet das für Anwohner und was unternimmt die Stadt?

Zehntausende Autos rollen Tag für Tag durch Heidenheim. Dabei stoßen sie nicht nur wenig appetitliche Abgase aus, sondern verursachen beim Anfahren, Gas geben, und Bremsen auch jede Menge Lärm.

Weil Lärm heutzutage als einer der größten Stressfaktoren in der Gesellschaft wahrgenommen wird und sich Anwohner vielerorts darüber beklagen, nimmt sich auch die Landesanstalt für Umwelt diesem Thema an: Mithilfe von Lärmkartierungen soll deutlich werden, wo der Krach am schlimmsten ist – und wo etwas dagegen unternommen werden muss.

Wo es am lautesten zugeht

Auch für Heidenheim wurde die Lärmbelastung erfasst. In der momentan aktuellsten Lärmkartierung von 2012 zeigte sich, auf welchen Hauptverkehrsstraßen es in der Stadt am lautesten zugeht. Wenig überraschend: Die B19 ist ganz vorne mit dabei.

Nicht nur in Mergelstetten, sondern auch an der Ebert- und der Römerstraße sowie an der Strecke nach Aufhausen und Schnaitheim entsteht dabei direkt an der Straße eine Lärmbelastung von über 75 Dezibel. Doch nicht nur direkt an der Straße ist es laut: Dort, wo keine Lärmschutzwände die Ausbreitung des Schalls verhindern, ist der Verkehrslärm auch noch einige Querstraßen weiter präsent – und das in einer Lautstärke von 60 Dezibel und mehr.

Besonders laut ist es in Heidenheim auch im Ploucquet-Areal, entlang der St.-Pöltener- und der Erchenstraße sowie an der gesamten Wilhelmstraße.

Insgesamt sind in Heidenheim laut der Belastungsstatistik der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt tagsüber 4629 Einwohner einer Dauerschallbelastung von über 55 Dezibel ausgesetzt – und viele hundert sind sogar noch von wesentlich höheren Pegeln betroffen (siehe Zahlen).

Schutz vor dem Lärm

Dass Verkehrslärm nicht nur nerven, sondern auf Dauer auch zu Schlafstörungen oder ernsten Krankheiten führen kann, ist mittlerweile durch Studien wie „Norah“ (Noise-related Annoyance, Cognition and Health), die vom Land Hessen in Auftrag gegeben wurde, bekannt. Was also unternimmt die Stadt Heidenheim, um die Bewohner zu schützen?

Auf Grundlage der Lärmkartierung und Belastungsstatistik hat die Stadt 2013 zunächst einen Lärmaktionsplan erstellt. „Um den Verkehrslärm in Heidenheim zu verringern, wurde das Fußgänger- und Radwegenetz im Stadtgebiet ausgebaut“, sagt Pressesprecher Wolfgang Heinecker. Das Angebot für den Stadtbusverkehr soll zudem zum 1. August erweitert werden und dazu beitragen, dass vermehrt auf öffentliche Verkehrsmittel umgestiegen wird.

Sanierungen reduzieren den Lärm

„Mit jeder Straßensanierung und Deckenerneuerung wird der Verkehrslärm außerdem reduziert“, sagt Heinecker. Dieser entsteht nämlich durch das Antriebs- und das Reifen-Fahrbahn-Geräusch. Ist der Asphalt glatt und offenporig, kann die Geräuschemission vermindert werden. Sogenannter Splittmastixasphalt, der diese Eigenschaften aufweist und gleichzeitig einem hohen Verkehrsaufkommen standhalten kann, habe die Stadt laut dem Pressesprecher deshalb auch bereits auf Teilabschnitten der B19, in der Mergelstetter Reute, im ersten Bauabschnitt der Ploucquetstraße und der Paul-Hartmannstraße eingebaut.

Zwei Lärmschutzwände gibt es außerdem, die die Ausbreitung des Schalls mindern sollen: eine entlang der B19 in Mergelstetten, eine weitere in Schnaitheim.

Was Anwohner zum Thema sagen

Verkehrslärm ist also ein in Heidenheim durchaus präsentes Thema – doch laut Wolfgang Heinecker gebe es deswegen außer für die Wilhelmstraße keine auffallend häufigen Beschwerden. Aber was sagen eigentlich die Anwohner zu dem Krach?

Für Susi Klein, die an der Wilhelmstraße lebt und arbeitet, war die Geräuschkulisse besonders in der ersten Zeit nach ihrem Umzug in die Stadt ein Problem. „Ich komme aus einem Dorf, in dem es kaum Verkehr gibt“, erklärt sie. Durch den Lärm der vorbeifahrenden Autos habe sie darum Probleme beim Einschlafen gehabt. Mittlerweile könne sie die Geräusche jedoch ganz gut ausblenden. „Nur wenn wieder mal die Raser unterwegs sind, die meinen, mitten in der Stadt auf 100 Stundenkilometer beschleunigen zu müssen, stört mich das“, meint sie. Diesen Lärm könne man einfach nicht ignorieren.

Wo das Leben tobt

Für Margret und Klaus Boog ist Lärm nicht unbedingt etwas schlechtes: „Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, dahin zu ziehen, wo das Leben tobt“, sagt Margret Boog. Seit mehr als 30 Jahren wohnen sie zwischen Clichy- und Wilhelmstraße – dort, wo es in Heidenheim am lautesten ist. Sie haben sich angepasst: Im Wohnzimmer sind Schallschutzfenster montiert, das Schlafzimmer befindet sich auf der anderen Seite , wo es wesentlich ruhiger ist. „Wir sind froh, nicht im Erdgeschoss oder direkt an einer Ampel zu wohnen“, meint Margret Boog.

Trotzdem: Bei offenem Fenster fernsehen können sie im Wohnzimmer nicht. „Es ist dennoch kein Vergleich zu größeren Städten wie Stuttgart, wo es wirklich laut ist“, meint Klaus Boog. Beklagen wollen sich die beiden nicht – sie seien seien generell nicht so empfindlich, was den Verkehrslärm betreffe: „Und ab 1 Uhr ist auf den Straßen ohnehin nicht mehr so viel los.“ Über Schlafprobleme kann das Ehepaar deshalb auch nicht klagen. Nur wenn wieder einmal eine ganze Horde Lkw an ihrem Geschäft im Erdgeschoss vorbeidonnere, sei das wirklich schlimm: Dann würden dort regelrecht die Scheiben wackeln.

Wie viele von wie viel Krach betroffen sind:

69 Dezibel darf der Verkehrslärm in Kern- und Mischgebieten laut Lärmschutzverordnung tagsüber nicht überschreiten. In reinen Wohngebieten sind die Grenzwerte strenger: hier sollte der Lärmepegel tagsüber nicht höher sein als 59 Dezibel.

783 Heidenheimer sind laut der Belastungsstatistik der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt dennoch von einem Dauerschallpegel von 70 Dezibel oder höher betroffen.

59 Dezibel sollte der Dauerschallpegel durch Verkehrslärm in Kern- und Mischgebieten nachts nicht überschreiten.

1047 Heidenheimer sind jedoch auch in der Nacht von einem Dauerschallpegel von 60 Dezibel oder sogar noch mehr betroffen.

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