Wetter Warum hat es in Heidenheim so oft Nebel?

© Foto: Geyer-Luftbild
Heidenheim / Stefanie Kirsamer 03.10.2018
Grau muss nicht trist sein: Heidenheim versinkt an mehr als 90 Tagen pro Jahr im Nebel. Die Nachbarstadt Aalen dagegen nur an 30 Tagen. Ein Grund deprimiert zu sein?
Blauer Himmel – Fehlanzeige. Von der Sonne keine Spur. Der Blick nach oben – deprimierend. Heidenheim versinkt mal wieder im Nebel. Alles nur grau in grau. Und dann noch die Kollegen aus Aalen: „Also – als ich heute daheim los bin, schien dort die Sonne.“ Das kann doch gar nicht sein, oder doch?

Tatsächlich. Nebel ist in Heidenheim kein seltenes Phänomen. In Aalen dagegen schon. Heidenheim hatte in den vergangenen zehn Jahren an über 900 Tagen Nebel, so die Angaben des Wetterdienstes Meteogroup. Das heißt, von zehn Jahren war der Himmel über Heidenheim fast drei Jahre lang vom Nebelschleier verdeckt. Im Kreis Aalen waren es dagegen nur etwa 300 Nebeltage in den vergangenen zehn Jahren. Das heißt, die Heidenheimer haben etwa dreimal so viel Nebel wie die Nachbarn im Ostalbkreis.

Ab einer Sichtweite von weniger als einem Kilometer spricht man übrigens von Nebel. Liegt die Sicht unter 200 Meter, ist es starker Nebel. An besonders klaren Tagen könnte man dagegen von Heidenheim aus theoretisch fast bis nach Salzburg schauen (etwa 280 Kilometer). Erstaunlich, wie abgeschottet der Kreis Heidenheim durch den Nebel ist. Vom Rathausplatz ist an besonders schlechten Tagen nicht einmal das Schloss Hellenstein zu sehen. Doch nicht nur im Stadtgebiet hängt der Nebel, der ganze Landkreis ist davon betroffen. Ist man mit dem Auto zum Beispiel um Gerstetten herum unterwegs, kann es sein, dass das Wetterphänomen manchmal sogar so stark ist, dass man sich an den Straßenpfosten orientieren muss und erst am nächsten Ortsschild angekommen, wieder weiß, wo man sich gerade eigentlich befindet.

Doch durch Nebel fühlt man sich nicht nur orientierungslos, sondern oft auch antriebslos, müde und deprimiert. Doch die gute Nachricht ist: „Nebel macht nicht depressiv“, sagt Dr.  Martin Zinkler, Chefarzt im Klinikum in Heidenheim für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Zinkler behandelt seit mehreren Jahren Menschen, die an Depressionen erkrankt sind. „Das Wetter beeinflusst zwar die Psyche, aber kann keine psychische Störung verursachen“, erklärt der Experte.

Sonne als Symbol für Lebenskraft

Man müsse hier unterscheiden zwischen Befindlichkeit und Krankheit. „Nur weil man deprimiert ist, ist man nicht depressiv“, stellt Zinkler klar. Wer schon eine Depression habe, interessiere sich für nichts mehr – auch nicht für das Wetter. „Depressive Menschen können sich an nichts mehr erfreuen und ihnen ist alles egal“, sagt der Chefarzt. Dass auch nicht depressive Menschen bei Nebel verdrießlichere Laune haben, als wenn die Sonne scheint, hat für Zinkler evolutionäre Gründe. Die frühen Menschen konnten sich die Wetterverhältnisse nicht erklären, aber die Sonne sei schon damals ein Symbol für Lebenskraft gewesen. Wurde sie durch zum Beispiel Nebel verdeckt, sei das beunruhigend gewesen. „Zwar wissen wir heute, dass nach Nebel früher oder später wieder Sonnenschein folgt, aber Menschen reagieren eben emotional“, sagt Zinkler. Und Emotionen seien nicht völlig kontrollierbar. Deshalb ist man bei Nebel eben in schlechterer Stimmung. Obwohl, wie der Psychiater findet, Nebel wunderschön sein kann. Er empfiehlt, am nächsten grauen Herbsttag einfach mal einen Waldspaziergang zu machen.

Auch Andreas Lapaczynski aus Heidenheim findet Gefallen am Wetter in Heidenheim. Schon seit 14 Jahren betreibt der Sachverständige für Photovoltaikanlagen eine Wetterstation in seinem Haus in der Oststadt und stellt die Daten auf seiner Homepage bereit (www.wetterstation-heidenheim.de). Der Hobbymeteorologe begeistert sich vor allem für Wetterextreme wie Stürme. Für den 44-Jährigen ist Sonnenschein die langweiligste Wettererscheinung überhaupt. „Wenn die Sonne scheint, passiert bei meinen Messgeräten nicht viel“, sagt er. Wenn es dagegen stürmt, dann bewegen sich die Kurven auf seinem Computerbildschirm. „Doch in Heidenheim stürmt es nicht oft, weil die Stadt in einem Kessel liegt“, erklärt Lapaczynski. Das sei auch einer der Gründe, warum es in Heidenheim so viel Nebel gebe. „Der Nebel bleibt gewissermaßen in Heidenheim hängen.“

Das bestätigt zwar auch Uli Kümmerle vom Wetterdienst in Freiburg, sieht darin aber nicht den einzigen Grund. „Nebel entsteht, wenn in der Luft mehr Feuchtigkeit ist, als diese aufnehmen kann“, so der Meteorologe. Dann kondensiert das Wasser in der Luft und bildet kleine Tröpfchen, die in der Luft zerstäuben und den Nebel bilden. „Seen wie zum Beispiel der Bodensee begünstigen diesen Prozess“, sagt Kümmerle. Vor allem in der kalten und nassen Jahreszeit hat es im Bodenseegebiet viel Nebel. „Wenn es kälter ist, kann die Luft weniger Wasser aufnehmen“, erklärt der Wetterexperte.

Wenn die Luft weniger Wasser hält

Wenn sich nun im Herbst oder Winter über dem Bodensee vermehrt Nebel bildet, wird dieser die Albfläche „hochgedrückt“ – auch Richtung Heidenheim. Das liegt 504 Meter über dem Meeresspiegel, der Bodensee nur etwa 400 Meter – pro 100 Höhenmeter sinkt die Temperatur um etwa ein Grad, „das heißt, der Nebel verdichtet sich in Heidenheim, weil noch weniger Wasser von der Luft gehalten werden kann“, sagt Kümmerle.
Aalen liegt dagegen nur 430 Meter hoch und zusätzlich im Neckarvorland. Das heißt schon am Fuße des Albtraufs. Das sei entscheidend, denn „am Albtrauf fällt die Luft abrupt nach unten und erwärmt sich wieder um ein Grad pro 100 Höhenmeter, deshalb hat es in Aalen weniger Nebel“, so die Erklärung des Wetterexperten aus Freiburg.

Der Hobbymeteorologe Lapaczynski vermutet, dass es zusätzlich etwas mit der europäischen Wasserscheide zu tun habe. Dies sei aber nicht der Fall, wie Uli Kümmerle erklärt: „Da wird Ursache und Wirkung verwechselt – die europäische Wasserscheide verläuft am Albtrauf, aber mit dem Nebel hat sie nichts zu tun.“
Wie wird eigentlich festgestellt, ob es neblig ist und wie stark? Gemessen wird Nebel zum Beispiel mit der Durchlichtmethode, wie die Meteogroup erklärt. Von einem Sender wird zu einem gegenüberliegenden Empfänger ein Signal geschickt (Abstand ein Meter), bei Nebel wird das Signal teils absorbiert, teils gestreut.

Je dichter der Nebel, desto schwächer kommt das Signal beim Empfänger an. Ab einem Schwellenwert werde der Nebelalarm ausgelöst. Trotzdem setzt die Meteogroup auch auf das menschliche Auge. Bei dieser Methode wird nachgeschaut, ob bestimmte Landschaftsmarken wie große Bäume, Türme oder Häuser noch sichtbar sind – so wird dann die Sichtweite abgeschätzt. Nebel sei aber eine „extrem variable Geschichte“, deshalb sei es auch so schwierig, Nebel aufzuzeichnen, sagt Kümmerle.
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