Heidenheim Verrücktheit mit Vielfalt

Im Mittelpunkt des „Cultura“-Konzerts: Fagottist Jonathan Hock und Dirigent Horst Guggenberger.
Im Mittelpunkt des „Cultura“-Konzerts: Fagottist Jonathan Hock und Dirigent Horst Guggenberger. © Foto: Hans-Peter Leitenberger
Heidenheim / Hans-Peter Leitenberger 22.07.2018
Das Kammerorchester „Cultura“ lockte im Haus der Christengemeinschaft in Heidenheim mit einer apart gestalteten musikalischen Reise nach Italien.

Von den Italienern stammt die lebendige Musizierpraxis, wie wir sie heute kennen“, begrüßte Horst Guggenberger die 95 Gäste in der Christengemeinschaft. So geriet das stimmungsvolle, bunte Konzert mit dem Cultura-Kammerorchester zu einer fröhlichen Hommage an die hohe Zeit der barocken Instrumentalmusik Ende des 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, bei der Italien die Richtung vorgab.

Tomaso Albinonis „Concerto a cinque“ entwickelte sich im Spiel des diszipliniert wie temperamentvoll arbeitenden Orchesters zu einem funkelnden Barockstück mit prachtvollen Läufen und mitreißendem Tempo, das Guggenberger bei seinem herausfordernden Dirigat bevorzugte. Das führende Violinsolo von Berthold Guggenberger im Allegro-Kopfsatz bildete einen gleitenden Übergang von Ensemble- und Solo-Stück. Der schwebende Zauber des Andante und das luftige Schluss-Allegro zeigte den fein modulierten Ton des Orchesters.

Solist mit Fagott

Freudestrahlend kündigte Horst Guggenberger den jungen Fagottisten Jonathan Hock an. Der bescheiden wirkende Solist war der Star bei Antonio Vivaldis Konzert für Fagott und Orchester e-Moll, doch das Spiel erfolgte aus einem Guss. Keineswegs dominierend arbeitete Hock mit exaktem Ansatz, und sein Spiel hatte Tiefe und Esprit. Triller und Linien kamen mit einer heiteren Klarheit, und er verstand es glänzend, die dynamischen Feinheiten zu entwickeln.

Die farbigen tonmalerischen Effekte beim Allegro poco kamen als spritziges Feuerwerk, und die angedeuteten Arpeggien im Andante waren ein aparter Genuss wie der Dialog von Fagott und Cello. Der Schlusssatz Allegro leuchtete mit einer rasanten Motorik und zeigte die weite Ausdrucksskala bei Vivaldi, getragen von inspirierter melodischer Erfindungskraft.

Jonathan Hocks melodisch griffiges Spiel, das auch die intimen Nuancen der leisen Partien mit reicher Farbnuancierung zum Leuchten brachte überzeugte nicht allein durch das technische Können.

Geist und Ironie

Hier arbeitete ein Künstler, der die Klangmöglichkeiten seines wunderbaren Instruments sensibel einzusetzen und den italienischen melodischen Charme dieses ansprechenden Werks hervorzuheben wusste. Als Zugabe gab's noch eine Wiederholung des brillanten Allegros.

Gaetano Pugnani hatte Mozart noch erlebt, und bei seiner von aufwendiger Virtuosität geprägten Sinfonia B-Dur schien man oft Figuren des Salzburger Genies herauszuhören. Ein aufblühendes Adagio, vom Orchester mit viel Feinsinn gestaltet, und die „Theatereffekte“ mit Lachen und Kichern im Menuett zeigten einen Tonschöpfer reich an Geist und Ironie. Frei in der Klangsprache, dazu mit fließenden Bewegungen kam das Andante, das dennoch „traditionell“ wirkte. Ein rauschendes Accelerando zierte den Schluss beim Allegro assai. Ein Stück mit effektvollen Kontrasten bot das Orchester mit Francesco Geminianis Concerto grosso „La Follia“. Melodisch griffig ging es bei den 24 Variationen über ein Thema seines Lehrers Corelli zu. Die Vielfalt in Aussage und Struktur war eine besondere Herausforderung fürs Orchester.

Übermütiger Charakter

Glänzend kamen die Solopartien der beiden Geigen und des Violoncellos, die der „Verrücktheit“ (la follia) zudem einen darüber hinaus sehr übermütigen Charakter verliehen.

Ein „Hit“ der damaligen Zeit, der freilich im feierlich wirkenden Raum bei der Christengemeinschaft in unseren Tagen durchaus noch besonders reizvoll wirkte.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel