Heidenheim / Michael Brendel  Uhr
Mit einem Schuldspruch endete ein Prozess wegen Vergewaltigung. Eine wichtige Rolle spielte ein Tonmitschnitt der Tat.

Der Hergang wirkt dem Drehbuch eines Fernsehkrimis entnommen, der zwingend nach 90 Minuten zu Ende sein muss. So unzweifelhaft scheinen die Fakten auf dem Tisch zu liegen, so klar Opfer- und Täterrolle verteilt: Zwei junge Menschen, die einmal ein Paar waren, treffen sich zu einer Aussprache. Es wird diskutiert und gestritten. Und es kommt zum Austausch körperlicher Zärtlichkeiten. Bis die Frau keine Lust mehr hat.

Ihr Ex lässt sich aber trotz deutlicher Aufforderung nicht abweisen und vergewaltigt sie. All das zeichnet die heute 21-Jährige mit einem Smartphone auf, das sie mit eingeschaltetem Mikrofon in ihrem BH stecken hat.

Der ebenfalls 21 Jahre alte Angeklagte bekommt die Aufnahme – sichtlich überrascht – erst jetzt vor Gericht zu hören. Dieses muss sich mit mehr als einjähriger Verzögerung ein Urteil bilden, was sich in jener Märznacht 2018 auf dem Zanger Berg abgespielt hat.

Tonaufnahme abgespielt

Fast 70 Minuten lang ist die Tonaufnahme, etwa fünf davon spielt Amtsrichter Jens Pfrommer den Prozessbeteiligten vor. Und was sie hören, klingt eindeutig: Die junge Frau sagt mehrfach klar verständlich „Hör auf“ und „Ich mag das nicht“. Sie weint. Für die Staatsanwältin besteht kein Zweifel: „Es ist völlig klar, dass sie keinen Sex wollte.“

In den Köpfen der Anwesenden läuft jetzt ein Film ab, der den akustischen Mitschnitt mit Bildern unterfüttert. Je nach Fantasie fällt diese Mixtur ganz unterschiedlich aus. Der Titel des Streifens dürfte indes übereinstimmen: Protokoll einer Vergewaltigung.

Unschuldsvermutung gilt

Oder etwa nicht? Zunächst gilt die Unschuldsvermutung, und es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Angeklagte eine eigene Version der Dinge schildert: Nach dem Ende der wechselhaften On-off-Beziehung mit seiner Ex-Freundin habe diese ihm immer wieder in neue Partnerschaften hineingefunkt. Auch an besagtem Märztag habe sie ein Spielchen mit ihm getrieben, ihn zunächst angemacht, körperliche Nähe gesucht und zugelassen, sich dann aber, wie der Tonaufnahme zu entnehmen, plötzlich hysterisch und abweisend geben.

„Sie fing plötzlich an, dumm zu tun, und da hab ich’s sofort sein lassen. Aber es war leider schon zu spät“, sagt der Angeklagte vor Gericht. Er drückt damit unausgesprochen aus, was eine Polizeibeamtin in aller Klarheit benennt: „Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass die Sache mit der Aufnahme eine Falle war.

Mitschnitt präsentiert

Es habe sie überrascht, sagt die Polizistin, dass die 21-Jährige bei der Anzeigenaufnahme sofort den Mitschnitt und sogar die exakte Stelle präsentiert habe, an der eine möglicherweise besonders belastende Passage zu hören sei. Zunächst habe sie sich nur stockend geäußert, alsbald sei sie dann aber in einen wahren Redefluss verfallen: „Gerade so, als hätte sie vergessen, dass es so schlimm gewesen war.“

Den Inhalt der Aufzeichnung empfindet die Beamtin phasenweise „wie eine Regieanweisung“ und teilt diesen Eindruck mit Verteidiger Thomas Jordan. Er spricht von dem Gefühl, „alles sollte geradezu unnormal bildlich beschrieben werden, damit derjenige, der es später hört, auch das Gewünschte vor Augen hat“.

Wie reagieren Opfer?

Und noch etwas fällt auf: Ehe die 21-Jährige zur Polizei geht, spielt sie die Aufnahme in ihrem Stammlokal einer offenbar nicht einmal sonderlich vertrauten Bekannten vor. „Das kam mir schon etwas seltsam vor“, erinnert sich die überraschend ins Vertrauen Gezogene. Sieht so typisches Opferverhalten aus? Aber was mag schon typisch sein in einer solchen Ausnahmesituation?

Die Ergebnisse der ärztlichen Untersuchung lassen Fragen offen, und so kommt Jordan zu dem Schluss, sein Mandant habe sich einer von ihm eingeräumten sexuellen Nötigung in einem minderschweren Fall schuldig gemacht. Abermals spricht er von einem „atypischen Nachtatverhalten“ der 21-Jährigen. Offensichtlich sei eine aus welchen Gründen auch immer inszenierte Situation außer Kontrolle geraten. Für ihn bleibe ein „Gschmäckle“ zurück.

Jugendstrafe gefordert

Ein anderes Bild zeichnet die Staatsanwältin. Sie sieht in der 21-Jährigen ihrem Fragen aufwerfenden Handeln zum Trotz „keine Frau, die einen Mann gezielt in eine Falle lockt“ und fordert eine zehnmonatige Jugendstrafe, zur Bewährung ausgesetzt, sowie eine Geldauflage in Höhe von 6000 Euro.

Dieter Soika hat als Vertreter der Jugendgerichtshilfe zuvor auf die holprige Schulkarriere des Angeklagten, die Trennung der Eltern und den Mangel an einer Bezugsperson hingewiesen.

Angelehnt daran verurteilt das Schöffengericht den 21-Jährigen nach Jugendstrafrecht zu neun Monaten auf Bewährung – wegen Vergewaltigung. Außerdem trägt er die Kosten des Verfahrens sowie der Nebenklage und muss eine Geldauflage in Höhe von 3600 Euro an den Hilfs- und Wohltätigkeitsverein bezahlen.

Der Angeklagte habe den Geschlechtsverkehr gegen den Willen der 21-Jährigen erzwungen, sagt Pfrommer. Zwar weise die Geschichte eine Reihe „komischer Elemente“ auf, doch könne sich niemand anmaßen zu sagen, wie sich ein Opfer zu verhalten habe. Eine Entschuldigung für das Verhalten des Angeklagten lasse sich daraus ohnehin nicht ableiten: „Er hätte jederzeit aufhören können.“