Heidenheim „Tiffany“ am Naturtheater: Über Einsamkeit und Sehnsucht

Die Proben im Theatersaal laufen längst; nach draußen geht's, sobald es die Temperaturen erlauben. Im Naturtheater wird im Sommer Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ gespielt, ein Stück über ein New Yorker Partygirl aus den 60er Jahren. Regie führen Kerstin Keppler (Mitte links) und Regine Czichon (Mitte rechts).
Die Proben im Theatersaal laufen längst; nach draußen geht's, sobald es die Temperaturen erlauben. Im Naturtheater wird im Sommer Truman Capotes „Frühstück bei Tiffany“ gespielt, ein Stück über ein New Yorker Partygirl aus den 60er Jahren. Regie führen Kerstin Keppler (Mitte links) und Regine Czichon (Mitte rechts). © Foto: Andreas Dierolf
Heidenheim / Manfred Allenhöfer 23.03.2018
Hauptstück im Sommer ist Truman Capotes als Film weltberühmt gewordenes „Frühstück bei Tiffany“, das von den zwei Regisseurinnen Kerstin Keppler und Regine Czichon in Szene gesetzt wird.

Wieder zwei Frauen tragen die szenische Verantwortung im Naturtheater: Kerstin Keppler und Regine Czichon führen Regie beim Sommerstück 2018 . Gespielt wird „Frühstück bei Tiffany“ – ein Titel, der über die Jahrzehnte bekannt geblieben ist, obgleich Einzelheiten des gleichnamigen Films von 1961 so geläufig wohl nicht mehr sind. Aber immerhin das Bild der Stil-Ikone Audrey Hepburn im „kleinen Schwarzen“ ist eingegangen ins kollektive Bewusstsein der Populärkultur.

Der Minimalfummel übrigens, entworfen von Hubert de Givenchy, gilt als das teuerste Textil der Menschheit: Es wurde bei Christie's vor elf Jahren für knapp 700 000 Euro ersteigert.

Und da ist dann ja auch Tiffany, der New Yorker Preziosenhändler und Juwelier, bekannt geblieben eben durch den Filmtitel, an den man sich auch sogleich erinnert sieht, wenn in der Gegenwart medial verbreitet wird, dass es seine Kundschaft immer mal wieder schwer hat, zum Laden vorzudringen, weil die Sicherstellung der Sicherheit des derzeitigen Präsidenten in seinem Tower gleich nebenan den Zugang verbaut.

Es ist auch der Film, über den Keppler und Czichon auf die Idee kamen, „Frühstück bei Tiffany“ fürs Naturtheater zu inszenieren. Die beiden halten sich bei ihrer Arbeit freilich mehr an die literarische Vorlage, die von Truman Capote stammt. „Tiffany's“ erschien 1958 in New York – ein Kurzroman, der seinen Autor weltweit bekannt machte. Keppler und Czichon haben in ihrem Text- und Regiebuch aber auch immer wieder Zitate des drei Jahre jüngeren Films eingebaut: Kenner sollen diverse szenische Häppchen schon entdecken können.

Und so findet sich in der Naturtheater-Inszenierung auch die Szene, in der die junge Hauptfigur Holly Golightly mit Croissant und Kaffee vor dem Schaufenster des Juweliers steht und sehnsuchtsvoll sinniert. „Das Gefühl der Einsamkeit und Sehnsucht, das Streben nach Glück und Zufriedenheit“ stecke wohl in jedem, meint Keppler. Und das sieht auch Czichon als einen zentralen Gedanken ihrer Inszenierung an, nämlich der Frage nachzugehen: „Wieviel Holly steckt in jedem von uns?“

Holly ist zunächst eine unkonventionelle, farbig schillernde, junge und scheinbar selbstbewusste Frau – ein anziehendes Partygirl, dem sinnlichen Leben unwiderstehlich zugetan. Die Männerwelt liegt der Schönheit der Nacht reihenweise zu Füßen – ein Umstand, den Holly zielsicher zu versilbern versteht. Und so lernt sie auch, das ist die zweite Hauptfigur, den jungen und ehrgeizigen Schriftsteller Paul „Fred“ Varjak kennen, der, was Keppler und Czichon am Stoff besonders reizt, durchaus „Parallelen“ aufweist zu seinem Schöpfer Truman Capote. „Es ist spannend, diesen biographischen Entsprechungen nachzugehen“, sagt Keppler, die durch ihre vorbereitenden Studien auch erfahren hat: „So eine wie Holly hat es in seinem Leben auch gegeben“.

Unterbrechung des Geschehens

Die Figur des schriftstellernden „Fred“ ist in der Inszenierung fürs Areal am Salamderbächle reizvoll gebrochen: Es gibt darin den jungen „Fred“, der rasch hinter die Maske von Holly schaut. Und dann auch noch den alten „Fred“, der zurückblickt und seine (szenischen) Erinnerungen auch immer wieder unterbrechen und reflektieren kann.

„Die Spieler sind gut drauf“, haben Keppler und Czichon in mittlerweile fast dreimonatiger Probenarbeit erfahren – im Dezember fanden erste Leseproben statt, jetzt wird im Theatersaal mal mittels Textbuch, mal in szenischer Orientierung geprobt – derzeit so drei bzw. vier Mal pro Woche. Und ins Freie geht's, sobald die Temperaturen das zulassen.

Zu besetzen waren 23 Sprechrollen – und das, Naturtheater-typisch, jeweils doppelt.

Die beiden Hauptrollen wurden in direkter Ansprache vergeben: Und so wird Holly entweder von Anna Barth oder von Lara Tschabrun gespielt – beide erfahrene Akteurinnen, ebenso wie ihr Gegenüber Fred, in seiner adoleszenten Spielart dargestellt von Julius Ferstl bzw. Sebastian Hirschberger. Den alten „Fred“ spielen Dirk Steffens oder Manuel Meiswinkel.

Letzterer hat auch, zusammen mit Markus Hirschberger, das Bühnenbild entworfen und gebaut, das den beiden Regisseurinnen gut gefällt und sehr variabel ist: Es versinnbildlicht, etwa mittels einer angedeuteten Skyline, das turbulente New York ebenso wie es ganz unterschiedliche Innenräume, etwa für schwungvolle Parties, umgrenzt. Es mussten also Exterieurs mit Interieurs quasi unter ein (Freilicht-) Dach gebracht werden.

Auf der Bühne tummeln sich, in summa, an die 100 Akteure. Für die Choreographie verantwortlich ist Max Barth, für den gesanglichen Teil der Musik, unter Hinzuziehung des Naturtheater-Chors, Benjamin Samul – es wird aber keine Live-Musik geben.

Auch das leitmotivische „Moon River“ wird eingespielt. Die Kostüme werden auf die 60er Jahre verweisen; da war einiges schon im üppig ausgestatteten Fundus; für weitere Bekleidungen und die Gesamtanmutung verantwortlich ist Bärbel Krause.

Treffpunkt „Szenenwelt“

Die 49jährige Kerstin Keppler ist seit sechs Jahren am Naturtheater aktiv; zunächst als Spielerin. Sie hat aber auch schon die Fronten gewechselt, war Spielleiterin beim Weihnachtsmärchen „Vier Jahreszeiten“ und Assistentin bei „Hexenjagd“ und „Kleine Hexe“.

„Da hatt' ich's wohl mit der Hexerei“, lacht die gelernte Lehrerin, die als pädagogische Assistentin am Schulzentrum im Heckental arbeitet, wo sie, als Leiterin der „Szenenwelt“, vor vier Jahren die hinzugezogene Spielleiterin Regine Czichon kennenlernte.

Czichon arbeitet das erste Mal am Naturtheater; sie war zuvor aber bei verschiedenen Projekten im Schnaitheimer Sasse-Theater aktiv. Sie hat die theaterpädagogische Arbeit im Heidenheimer „Treff 9“ geleitet und auch die integrative Theatergruppe bei „Freunde schaffen Freude“. Die 51jährige ist gelernte Theaterpädagogin.

Es wird auch einen Oldtimer geben – allerdings keinen amerikanischen, wie bei den „Blues Brothers“, und wohl auch keinen Mercedes, wie ursprünglich geplant, sondern wahrscheinlich ein angemietetes Auto der 60er oder 70er Jahre. Keppler: „Wir brauchen ein Fahrzeug, das zuverlässig beprobt und bespielt werden kann“.

Und: Es gibt auch eine Katze. „Das ist aber keine von unseren Naturtheater-Katzen“, sagt Keppler: „Die sind sehr eigenwillig“. Kann eine Katze überhaupt „zuverlässig beprobt“ werden? Wird es überhaupt eine lebendige Katze geben? Kepler und Czichon unisono: „Wir wollen doch noch nicht alles verraten!“

Premiere von „Frühstück bei Tiffany“ ist am Freitag, 15. Juni; gespielt wird das Stück bis 18. August. Karten im Vorverkauf gibt's im Naturtheater und bei der Tourist-Info.

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